Wohin mit dem Geld in Zeiten, wo die Aktienmärkte partout nicht aus dem Quark kommen wollen? Orientierungslos auf die mögliche Bodenbildung der Technologiewerte zu setzen, ist immer noch riskant. Sicherlich sind einige High Techs zu Unrecht niedergeknüppelt worden, aber noch ist die Stimmung so nervös, dass bei schlechten Nachrichten der gesamte Sektor in Mitleidenschaft gezogen wird. Daher besinnen sich viele Anleger auf die wahren Werte an der Börse, nämlich Substanztitel, die im Vergleich zu Wettbewerbern unterbewertet sind.
Während die Börse in Hausse-Phasen quantitative Bewertungskennzahlen wenig beachtet, rücken sie in der Baisse wieder in den Blickpunkt. Ein Kriterium ist das Kurs-Buchwertverhältnis. Hierbei wird der Aktienkurs des Unternehmens zum anteiligen Buchwert einer Aktie ins Verhältnis gesetzt. Grundsätzlich sollte die Ratio größer als eins sein, denn der Buchwert ist eine Bestandsaufnahmen zu einem bestimmten Stichtag und enthält lediglich die quantitativ messbaren Vermögensbestände der Gesellschaft. Zum Unternehmenswert gehören jedoch noch die Zukunftsperspektiven, das Know How und die Marktstellung, die sich alle nicht im Buchwert finden.
Unentdeckte Schätze im MDax
„Aus Bewertungsgründen empfehlen wir derzeit Kugelfischer, Krones, Conti und Jungheinrich zum Kauf“, sagt Helmut Seidenstücker, Leiter Research bei MM Warburg. Krones, Kugelfischer, Jungheinrich hätten ein Kurs-Buchwertverhältnis von rund eins, Conti von 1,8. Zum Vergleich: Aktuell liege das Kurs-Buchwertverhältnis für den Dax bei 2,9 und für den Mdax bei 3,1. Als weiteres Kriterium für eine Unterbewertung ziehen Analysten das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) heran. Diese Ratio gibt an, mit dem Wievielfachen der auf die einzelne Aktie entfallende Gewinn an der Börse bezahlt wird. Die HypoVereinsbank hält DataModul, Krones sowie König & Bauer auf Grund ihrer Kurs-Gewinn-Verhältnisse für attraktiv.
Als Vergleichsmaßstab ziehen die Analysten die KGVs der Konkurrenten heran. Allerdings ist nicht jedes niedrige Kurs-Gewinn-Verhältnis ein Garant für Kursgewinne. „Oftmals sind die Abschläge im Vergleich zur Konkurrenz durchaus gerechtfertigt, weil beispielsweise die Gewinne nicht so nachhaltig sind“, erklärt Seidenstücker. Auch bei der HypoVereinsbank weisen die Analysten darauf hin, dass die Kennzahlen als alleiniges Auswahlkriterium nicht ausreichen. „In der Chemiebranche gibt es einige Unternehmen, die im Vergleich zum Branchendurchschnitt hinterherhinken“, so der Analyst Tobias Mock.
Mancher Abschlag ist gerechtfertigt
Allerdings gebe es hierfür oft qualitative Gründe, die im Portfolio des Konzern oder im Management liegen. Ein Beispiel hierfür sei K+S, deren KGV traditionell niedriger ist als im Branchendurchschnitt. Dies liege aber daran, dass das Chemieunternehmen ein schwaches organisches Wachstum habe. Auch sei Auftausalz ein großer Geschäftsbereich, dessen Erfolg jedoch stark von den Witterungsverhältnissen abhänge und von daher kaum prognostizierbar sei. „Dies sind Unsicherheiten, die Anleger einfach berücksichtigen müssen“, so Mock.
Anders liege die Situation dagegen bei dem niederländischen Chemieunternehmen DSM, das ebenfalls traditionell mit einem niedrigeren KGV als die Wettbewerber umging. So liege das KGV auf Basis der Gewinnschätzungen für 2002 bei 6,3, wobei der Branchendurchschnitt bei 12,7 liege. Die Aktie hat die HypoVereinsbank auf „Outperform“ gestuft, denn auf Grund der jüngsten Entwicklungen bei DSM sei der Abschlag nicht mehr gerechtfertigt. So hätten die Niederländer ihre Portfolio-Struktur geändert und zyklische Bereiche eliminiert.
Trendwende beachten
Ein Manko bei der Suche nach den unterbewerteten Aktien ist jedoch, dass die Werte nur steigen, wenn sie von einer Vielzahl von Investoren als unterbewertet erachtet werden. Dies ist bei der derzeitigen Marktsituation der Fall. „Sobald sich abzeichnet, dass die Konjunkturabschwächung dreht, dürften die Anleger die defensiven Aktien wieder verlassen und sich den Technologieaktien widmen“, meint Seidenstücker von MM Warburg. Seiner Einschätzung nach dürfte der Trendwechsel aber noch einige Monate auf sich warten lassen. Auch bei der HypoVereinsbank geben Analysten zu bedenken, dass die Substanzwerte nur ab und zu entdeckt werden und bei einer möglichen Trendwende wieder in der Versenkung verschwinden könnten.
