http://www.faz.net/-gv6-8e394
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Aktualisiert: 01.03.2016, 10:55 Uhr

Bewertungsportal für Ärzte Geschäftsmodell Ärzte-Bashing

Der Bundesgerichtshof hat in Sachen des Ärztebewertungsportals Jameda geurteilt. Dieses sammelt im Internet Benotungen für Ärzte. Wie genau funktioniert die Seite und ist ein guter Ruf käuflich?

von
© dpa Woher weiß der Patient, welcher Arzt gut ist?
 
Jameda sammelt im Internet Benotungen für Ärzte. Ist ein guter Ruf käuflich?

Die Rache des enttäuschten Patienten kommt über das Internet. Sie klingt etwa so: „Katastrophe und absolut nicht vertrauenswürdig“, ätzte ein anonymer Nutzer auf dem Ärztebewertungsportal Jameda über eine Kölner Dermatologin. „Zu vermeiden!!!“, keifte ein anderer schon in der Titelzeile. In der Bewertungsliste ging es im gleichen Duktus weiter: „Behandlung: 6,0, Aufklärung 6,0, Vertrauensverhältnis 6,0, Genommene Zeit 6,0, Freundlichkeit 6,0“. Das Ergebnis der Bewertung summierte sich, wenig überraschend auf eine glatte, vernichtende Note 6,0.

Corinna Budras Folgen:

Man muss die Dermatologin nie gesehen haben, um zu wissen: Das ist keine sachliche Bewertung, sondern eine Diffamierung. Absender? Unbekannt. Aussagegehalt: gleich null.

Exklusive Jameda-Mitgliedschaft

Trotzdem prangte die Bewertung auf dem Online-Portal Jameda, das sich „Deutschlands größte Ärzteempfehlung“ nennt. Alle 280.000 niedergelassenen Ärzte sind dort aufgelistet, knapp eine halbe Million Heilberufler insgesamt. Angeblich fünf Millionen Internetnutzer besuchen die Seite jeden Monat. Das ist ein breites Forum für öffentliche Lästereien. Insgesamt 17 Mal ist eine solche Fundamentalkritik auf dem Profil der niedergelassenen Ärztin erschienen: Schmähkritiken, in denen ihr wahlweise die Kompetenz, die Menschlichkeit oder jegliches Organisationstalent abgesprochen wurde. Ihre Durchschnittsnote war dadurch auf eine beschämende 4,7 gesunken, im Durchschnitt liegt die Bewertung nach Angaben von Jameda bei 1,82. Gegen jede einzelne dieser 17 Anschuldigungen ging sie vor, Jameda musste jede einzelne löschen, weil sie unwahre Behauptungen enthielt. Innerhalb weniger Wochen stieg die Bewertung so auf 1,5, ohne dass sich an der Kompetenz, Menschlichkeit oder dem Organisationstalent der Ärztin in dieser Zeit etwas geändert hatte. Ein schöner Marketingerfolg – der viel Zeit, Geld und Nerven kostete.

Mehr zum Thema

Einen schönen Marketingerfolg hätte die niedergelassene Ärztin einfacher haben können, mit einer exklusiven Jameda-Mitgliedschaft. In drei unterschiedlichen Kategorien bietet das Ärztebewertungsportal einen besonderen Service: „Silber“ für 55 Euro im Monat, „Gold“ für 65 Euro monatlich und „Premium“ für 135 Euro im Monat. Das scheint sich zu lohnen: Die Jameda GmbH beschäftigt rund 40 Mitarbeiter und hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von etwa 6 Millionen Euro erwirtschaftet. Der Vorsteuergewinn (Ebitda) belief sich auf rund 2Millionen Euro.

Vorwurf der Manipulation

Ärzte, die sich das leisten – bis zu 1520 Euro im Jahr – werden mit ihrem Profil ins rechte Licht gerückt. Negative Beurteilungen gibt es zwar auch bei Ärzten mit einer bezahlten Mitgliedschaft, aber im Netz häufen sich Berichte, in denen sich empörte Patienten darüber beschweren, ihre negative Bewertung sei niemals auf dem Profil des beanstandeten Gold-Arztes aufgetaucht. Ein Arzt aus Rheinland-Pfalz berichtet gar von einem Jameda-Vertreter, der unangekündigt in seiner Praxis erschien und die Mitgliedschaft damit anpries, im Falle negativer Bewertungen könne man einen für beide Seiten gangbaren Weg ausloten.

Jameda weist solche Vorwürfe entschieden zurück. Kein Jameda-Mitarbeiter verspreche Ärzten das Löschen negativer Bewertungen aufgrund einer kostenpflichtigen Kundenbeziehung, stellt das Unternehmen auf Anfrage klar. „Dieses Versprechen würde am Ende auch nicht eingehalten werden“, heißt es in einer Stellungnahme. „Beim Prüfen von Bewertungen werden alle Ärzte gleich behandelt – völlig unabhängig vom Kundenstatus.“

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Watschn für die Stadt München soll für Luxus-Kita zahlen

Über 700.000 Kinder unter drei Jahren werden in Deutschland in einer Kita betreut. Dass der Weg dorthin manchmal steinig sein kann, zeigt ein Prozess am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof, der weitreichende Folgen für Kommunen haben könnte. Mehr

21.07.2016, 16:46 Uhr | Finanzen
Nach dem Brexit Finanzplatz Frankfurt wittert die große Chance

Noch 2015 war die City of London laut des Statistischen Bundesamts der bedeutendste Finanzplatz der Welt. Vor New York, Hongkong, Singapur. Das deutsche Finanzzentrum Frankfurt dagegen liegt auf Platz 14. Zweitklassig, ein bisschen provinziell wirkt Frankfurt am Main gegenüber den gigantischen Finanzmetropolen der Welt. Doch mit dem Brexit könnte sich das ändern. Mehr

06.07.2016, 17:07 Uhr | Finanzen
Kampf um Entschädigung Wenn Fluggäste auf der Strecke bleiben

Für abgesagte Flüge oder große Verspätungen steht Reisenden Geld von der Fluggesellschaft zu. Aber der Anspruch steht oft nur auf dem Papier. Aus der Durchsetzung hat sich schon ein Geschäftszweig entwickelt. Mehr

19.07.2016, 08:23 Uhr | Finanzen
Verdacht auf Währungsbetrug HSBC-Topmanager in Amerika festgenommen

Zwei Top-Manager der britischen Großbank HSBC sind in den Vereinigten Staaten angeklagt worden. Sie werden verdächtigt, bei Geschäften mit ausländischen Devisen manipuliert zu haben. Mehr

21.07.2016, 08:00 Uhr | Finanzen
Roaming-Gebühren Im Urlaub billig ins Netz

Wer im Ausland ins Internet will, muss auf der Hut sein. Wir vergleichen die günstigsten Tarife innerhalb und außerhalb der EU. Mehr Von Olga Scheer

19.07.2016, 11:13 Uhr | Finanzen

Wegen Langsamkeit Stadt München soll für Luxus-Kita zahlen

Muss die Stadt München einer Familie Geld zahlen, die ihr Kind in eine Luxuskrippe schickt, weil sie keinen Platz in einer städtischen Kita bekommt? Das Bayerische Verwaltungsgericht meint: Ja. Mehr 25

Name Kurs %
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --
Gold -- --

Abonnieren Sie „Finanzen“