http://www.faz.net/-gv6-8coxk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 23.01.2016, 15:02 Uhr

Debatte über Münzen Der Abschied vom Kleingeld

Im niederrheinischen Kleve nehmen Händler keine kleinen Cent-Münzen mehr. Die Aktion kommt mitten in einer Debatte ums Bargeld – belebt vom Chef der Deutschen Bank John Cryan.

von
© dpa „Ist des Talers nicht wert“: Kleine Umlaufmünzen des Euroraums.
 
Die Debatte über die Abschaffung der Ein- und Zwei-Cent-Münzen läuft.

Die vergleichsweise kleine Stadt Kleve am Niederrhein beginnt zum 1. Februar eine ungewöhnliche Aktion, mit der sie sich durchaus als Vorreiter in Deutschland sehen möchte: Sie schafft die Ein- und Zwei-Cent-Münzen ab. Die kleinen Münzen werden zwar nicht ungültig, und auf hartnäckiges Insistieren hin kann man sie auch in Kleve künftig weiter einsetzen. Zahlreiche Händler, Supermärkte und Dienstleister der Stadt haben sich aber darauf verständigt, künftig an der Kasse auf den nächsten Fünf-Cent-Betrag zu runden. Aus 1,91 oder 1,92 werden also 1,90 Euro – aus 1,93 und 1,94 werden 1,95 Euro. Entsprechend werden 1,96 und 1,97 auf 1,95 Euro gerundet und 1,98 und 1,99 auf zwei Euro. Ähnlich wie in den nahen Niederlanden hoffen die Händler in Kleve, damit die Ein- und Zwei-Cent-Münzen weitgehend unnötig zu machen.

Christian Siedenbiedel Folgen:

„Auf die Idee gekommen sind wir im letzten Herbst auf der Mitgliederversammlung der Händlerinitiative City-Netzwerk“, sagt Ute Marks von der Marketinggesellschaft der Stadt. Der Grund sei gewesen, dass Banken und Sparkassen immer höhere Gebühren verlangten, wenn Händler ihnen Münzen einliefern. Dagegen hätten die Händler sich wehren wollen. Man habe aus den nahen Niederlanden das Modell mit dem Runden („Afronden“) gekannt. Und auch in Kleve selbst seien viele niederländische Händler tätig, die für das Verfahren plädiert hätten. Außerdem verspricht sich die Stadt offenbar einen gewissen Marketingeffekt davon. „Berlin kann ruhig einmal etwas von Kleve lernen“, meint Marks. „Wir waren früher immerhin Residenzstadt.“

Lästige Münzen

Die ungewöhnliche Aktion kommt mitten in einer grundsätzlichen Debatte um die Abschaffung des Bargeldes, die der neue Ko-Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, John Cryan, in Davos wiederbelebt hatte. Unterstützt wurde er von Bernhard Rohleder, dem Chef des IT-Verbands Bitkom, und Mastercard-Chef Pawel Rychlinski. Auch die Initiatoren in Kleve meinen, in zehn Jahren spiele Bargeld womöglich ohnehin keine Rolle mehr. „In den Niederlanden zahlen viele jetzt schon selbst ihren Kaffee mit Karte“, sagte Marks. Allerdings hatten in Deutschland gerade Datenpannen mit Kreditkarten die Aufmerksamkeit wieder stärker auf die Risiken der Kartenzahlung gelenkt.

Mehr zum Thema

In Umfragen haben die Deutschen bislang immer mit großer Mehrheit gesagt, sie hingen am Bargeld und seien entschieden gegen eine Abschaffung. Etwas weniger klar ist offenbar die Haltung zu den kleinen Münzen. Es gibt anscheinend auch unter den Bargeld-Fans solche, die kleine Münzen eher lästig finden. Das jedenfalls lässt eine Erhebung des Umfrageportals My-Marktforschung vermuten, bei der sich jüngst viele kritisch zu den Mini-Münzen mit der Kupfer-Ummantelung äußerten.

Abschaffung der Ein- und Zwei-Cent-Münzen

Immerhin fallen einige gewichtige Argumente, die sonst für Bargeld angeführt werden, für kleine Münzen aus praktischen Gründen weg – vor allem die sogenannte Wertaufbewahrungsfunktion. Außerdem zeigen Statistiken, dass kleine Münzen häufiger als andere verlorengehen und deshalb relativ oft von der Notenbank neu hergestellt werden müssen. Gleichwohl sprachen sich bei einer Umfrage der Bundesbank, ob man diese Münzen abschaffen sollte, nicht einmal 20 Prozent der Deutschen dafür aus (siehe Grafik).

Infografik / Umfrage / Soll man Kleingeld abschaffen? © F.A.Z. Vergrößern

Auch die EU-Kommission hatte 2013 eine Untersuchung vorgelegt, mit der sie die Abschaffung der Ein- und Zwei-Cent-Münzen zur Debatte stellte. Ohne Erfolg, die Mehrheit der Menschen auch im Euroraum wollte die Abschaffung nicht. Die Kommission hatte den Vorstoß damit begründet, dass die Herstellung und Herausgabe der Münzen teuer sei – und den Wert der beiden Geldstücke übersteige.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann war den kleinen Münzen beigesprungen. „In der deutschen Bevölkerung besteht der Wunsch, an den Kleinmünzen festzuhalten, sagte Weidmann. „Ich persönlich kann mich dem nur anschließen.“ In einigen Euroländern wird gleichwohl versucht, den kleinen Münzen den Garaus zu machen. So haben Belgien, Irland, Finnland und die Niederlande Rundungsregeln ähnlich wie in Kleve eingeführt. Eine Verpflichtung dazu gibt es allerdings nicht.

„Man muss abwarten, ob das passiert“

Unumstritten ist die ganze Sache auch in Kleve nicht – im Gegenteil. Es wird noch gerungen. Vor allem ist noch nicht klar, wer finanziell verliert oder gewinnt. Der Chef eines örtlichen Elektronikmarktes etwa beklagte, er werde dadurch 10.000 bis 20.000 Euro im Jahr weniger einnehmen. Die Händler-Initiative hingegen meint, statistisch müssten sich Auf- und Abrunden eigentlich ausgleichen.

So manchen Kunden hingegen dürfte die Sorge umtreiben, ob die Händler die neue Regelung ähnlich wie bei der Euroumstellung nutzen, um alle Preise aufzurunden und gleich 2 Euro statt 1,99 Euro zu verlangen. „Man muss abwarten, ob das passiert“, meinen die Initiatoren der Aktion. Erfahrungen aus anderen Ländern sprächen nicht dafür. „Es wird an der Kasse ja nur der Endbetrag vom Kassenzettel gerundet“, sagt Marketingfrau Marks. „Der Anreiz für Händler, mit Preisen knapp unter dem nächsten runden Betrag zu werben, bleibt bestehen.“

Unbenanntes Dokument

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Münzmarkt im Wandel Tschüss, Kupfergeld!

Yen, Rupie, Euro - mit seinen Münzpressen dominiert der schwäbische Maschinenbauer Schuler den Weltmarkt. Doch während die höherwertigen Münzen technisch immer ausgefeilter werden, kämpft das Kupfergeld ums Überleben. Mehr

18.05.2016, 11:21 Uhr | Finanzen
Tschüs 500er Schöner Schein

Der Abschied vom 500-Euro-Schein ist beschlossen. Zeit für ein kleines bisschen Wehmut: Ein kurzes Gedenken an altes Geld, das schon früher aus dem Verkehr gezogen wurde. Mehr

08.05.2016, 18:21 Uhr | Finanzen
Kursverlust Kapitallücke drückt Kurs der Deutsche-Bank-Aktie

Schlusslicht im Dax und Vorletzter im Euro Stoxx 50: Die Deutsche Bank gibt an den Märkten derzeit eine katastrophale Figur ab. Analysten erkennen aber auch Fortschritte Mehr Von Markus Frühauf

19.05.2016, 19:37 Uhr | Finanzen
Hackerangriffe Banken bangen um ihre Computersysteme

Die Deutsche Bank legt vor dem Brexit-Stichtag Erneuerungsarbeiten auf Eis. Die Stabilität wird zudem durch die Angriffe von Hackern auf die Probe gestellt. Mehr Von Markus Frühauf

19.05.2016, 09:19 Uhr | Finanzen
Marktbericht Dax schafft deutliches Wochenplus

Die Börsen haben zum Wochenschluss leicht zugelegt. Nach den Gewinnen der Vortage fehlte allerdings der Schwung, so dass die Kurse zwischenzeitlich sogar nachgaben. Mehr

27.05.2016, 18:31 Uhr | Finanzen

Countdown für Steuererklärung Was Arbeitnehmer absetzen können

Am 31. Mai ist Stichtag, bis dahin muss die Steuererklärung beim Finanzamt sein. Wer sie auf den letzten Drücker am Wochenende noch fertig machen will, für den gibt es hier die wichtigsten Tipps in Kürze. Mehr Von Christoph Ackermann 9

Abonnieren Sie „Finanzen-Analysen“

Wertpapiersuche