Home
http://www.faz.net/-gv6-1580o
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Abgeltungsteuer Benachteiligte Kleinaktionäre

20.03.2009 ·  Für Privatanleger werden mit den ersten Zinsen des Jahres die Vorteile der neuen Abgeltungsteuer spürbar. Leider hat der Gesetzgeber die Steuer so gestaltet, dass prinzipielle Vorteile, wie etwa die einfache Abwicklung und die Gleichbehandlung der Kapitalerträge - in Teilen zunichtegemacht werden.

Von Hanno Mußler
Artikel Lesermeinungen (0)

Die ersten Zinsen des Jahres sind mittlerweile auf den Bankkonten gutgeschrieben. Für Privatanleger werden die Vorteile der neuen Abgeltungsteuer sogleich spürbar: Statt in den Jahren zuvor 30 Prozent gehen 25 Prozent Einkommensteuer zuzüglich Solidaritätszuschlag von den Zinsen ab und gelangen einfach und direkt von der Bank zum Finanzamt. Die Kapitalertragsteuer ist damit vollständig abgegolten: kein mühsames Angeben in der Einkommensteuererklärung, keine Nachzahlungen mehr für Steuerpflichtige mit höheren Einkommen.

25 Prozent Abgeltungsteuer zuzüglich Solidaritätszuschlag macht 26,375 Prozent. Das ist der pauschale Satz auf Kapitalerträge wie Zinsen und Dividenden, den jeder Sparer zahlen muss – ganz gleichgültig, wie hoch andere Einkünfte wie das Gehalt sind. Die Pauschalsteuer erlaubt nicht nur die für den Anleger vereinfachte Besteuerung an der Quelle „Bank“; sie ist auch deshalb vertretbar, weil die Erträge aus angelegtem Vermögen sind, das in der Regel aus schon nach der Leistungsfähigkeit versteuertem Einkommen stammt.

Komplizierte Umwege

Bedauerlicherweise hat der Gesetzgeber die Steuer so gestaltet, dass prinzipielle Vorteile – die einfache Abwicklung und die Gleichbehandlung der Kapitalerträge – in Teilen zunichtegemacht werden. Offensichtlich ist der Steuersatz mit 25 Prozent zu hoch. Da der Einkommensteuertarif mit 14 Prozent beginnt, werden einige Anleger mit geringem Einkommen doch im eigenen Interesse eine Steuererklärung für ihre Kapitalerträge abgeben. Denn nur auf diesem komplizierten Umweg erhalten sie „zu viel“ gezahlte Steuer zurück.

Zu begrüßen ist, dass die Erträge bestimmter, bisher als Finanzinnovationen diskriminierter Wertpapiere wie Nullzinsanleihen oder Zertifikate in der Besteuerung anderen Kapitalerträgen nun gleichgestellt sind. Auffällig aber ist, dass viele Änderungen zu Lasten einer Anlageform – der Aktie – gehen. Vertretbar ist die Abschaffung des Halbeinkünfteverfahrens. Bislang waren Dividenden – anders als Zinsen – nur zur Hälfte steuerpflichtig, künftig sind sie es voll. Statt den halben Einkommengrenzsteuersatz, also höchstens 22,5 Prozent Reichensteuer, zahlen nun alle 26,375 Prozent. Erstmals deutlich sichtbar geworden ist die höhere Steuerbelastung, als mit Thyssen-Krupp Ende Januar das erste Dax-Mitglied in diesem Jahr für das am 30. September zu Ende gegangene Geschäftsjahr eine unveränderte Dividende ausschüttete. Doch nach dem Abzug von Abgeltungsteuer kam bei jedem Privataktionär weniger an als im Vorjahr.

Die neuen Regeln sind nicht konsistent

Die größte Änderung – die Steuerrelevanz von Kursgewinnen beim Verkauf unabhängig von der Haltedauer der Wertpapiere – ist ungleich gravierender. Denn bei Aktien tragen Kursgewinne erfahrungsgemäß zwei Drittel, Dividenden ein Drittel zur langfristigen Rendite bei. Wer künftig nach 2008 gekaufte Wertpapiere verkauft, muss den Gewinn versteuern. Anleger, die für ihr Rentenalter ansparen und ihre der Inflation ausgesetzten Anlagen womöglich erst nach Jahrzehnten auflösen, werden mit täglich agierenden Spekulanten gleichgesetzt. Zudem ist die Verrechnung von Aktienverlusten eingeschränkt. Das ist nicht konsistent. Wenn Kursveränderungen zu den Kapitalerträgen gezählt werden, dann sollte auch eine Verrechnung der Aktienverluste mit Zinsen und Dividenden möglich sein.

Kurzum: Die Besteuerung der Kursgewinne und die eingeschränkten Verlustmöglichkeiten sind schwere Schläge gegen die private Altersvorsorge. Schließlich gelten Aktien für langfristige, das Risiko hoher Schwankungen in Kauf nehmende Sparer als die beste Anlage, um die gesetzliche Rentenlücke zu schließen. Mit der neuen Steuer aber ist es weniger attraktiv, das Risiko „Aktie“ einzugehen. Die Zahl der Aktionäre, in Deutschland ohnehin nicht allzu hoch, könnte auch steuerbedingt noch weiter sinken.

Womöglich ist das von einigen gewollt. Die deutschen Banken ziehen die Abgeltungsteuer für den Fiskus ein. Dafür waren hohe Investitionen erforderlich. Trotzdem waren die Bankenverbände für die Abgeltungsteuer. Vielen Banken gehören Fondsgesellschaften. Anders als Kleinaktionäre können Fonds Aktien verkaufen, ohne dass eine Steuer auf Kursgewinne fällig wird. Das macht sie künftig zur bevorzugten Langfristanlage: Fonds können Aktien nicht mehr zukunftsträchtiger Unternehmen steuerfrei verkaufen und die Mittel in heute noch unbekannte Gesellschaften umleiten. Beim Privatanleger fällt erst Abgeltungsteuer an, wenn er seine Fondsanteile mit Gewinn verkauft.

Kleinaktionären sollten hohe Freibeträge zugestanden werden

Deutschland braucht im Wettbewerb mit anderen Staaten einen starken Finanzplatz mit vielen Anlegern, die Unternehmen Eigenkapital bereitstellen. Dabei einseitig auf Fonds zu setzen könnte kurzsichtig sein. Auch haben es Kleinaktionäre nicht verdient, benachteiligt zu werden.

Die staatlichen Anreize zum Sparen für die Altersvorsorge sollten sich nicht allein auf „Riester-“ und „Rürup“-Anlagen beschränken. Kleinaktionären sollten hohe Freibeträge zugestanden werden, um Kursgewinne aus langfristiger Aktienanlage besser vor der Abgeltungsteuer zu schützen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1971, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

28.05.2012 11:54 Uhr
  Vortag
Dax 6.392,59 +0,83%
 OK
28.05.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.392,59 +0,83%
FAZ-INDEX 1.390,81 +0,95%
TecDAX 759,55 +0,94%
MDAX 10.323,40 +1,25%
SDAX 4.833,95 +0,35%
REX 435,43 +0,17%
Eurostoxx 50 2.177,62 +0,73%
F.A.Z. EURO 70,12 +0,73%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
Nasdaq 100 2.527,05 −0,17%
S&P500 1.317,82 −0,22%
Nikkei225 8.580,39 +0,20%
EUR/USD 1,2593 +0,15%
Rohöl Brent Crude 107,85 $ +0,94%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Bund Future 144,14 € −0,15%