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Konjunkturindikatoren Zahlen, die den Markt bewegen

01.09.2006 ·  Monat für Monat blicken die Börsen gespannt auf die Arbeitsmarktzahlen aus den Vereinigten Staaten. Warum eigentlich gerade auf diese? Die Welt der Volkswirte kennt schließlich eine Fülle von Indikatoren. FAZ.NET verrät, auf welche Zahlen die Finanzmarkt-Profis schauen.

Von Massimo G. Bognanni
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Es gibt sie wie Sand am Meer. Doch für die Finanzmärkte sind meist nur wenige Konjunkturindikatoren relevant. FAZ.NET verrät, auf welche Indikatoren die Profis schauen.

Welche Kennzahl gerade gefragt ist, hängt von der Wirtschaftslage ab. Generell wollen Marktakteure möglichst früh erfahren, wenn Sand im Getriebe der Wirtschaft ist. Der Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts (www.cesifo-group.de) gilt deshalb als wichtigster deutscher Indikator. Jeden Monat erwarten Marktteilnehmer gespannt die Umfragewerte aus München. Denn der Ifo-Index macht sie frühzeitig auf konjukturelle Wendepunkte aufmerksam. Für die Ifo-Zahlen gilt die Faustformel: Entwickeln sie sich drei Mal in Folge gegen den bisherigen Trend, steht eine Konjunkturwende bevor. „Der Geschäftsklimaindex ist die umfassendste Umfrage für alle Branchen. Er gibt uns schon früh ein Bild von der aktuellen und mittelfristigen Konjunkturlage“, sagt Sebastian Wanke, Volkswirt bei der Dekabank.

Märkte blicken auf Unternehmer-Noten

Um an die Daten zu gelangen, befragt das Ifo-Institut monatlich rund 7.000 Unternehmer aus dem verarbeitenden Gewerbe, der Bauwirtschaft sowie dem Groß- und Einzelhandel nach ihrer aktuellen Geschäftslage und den Erwartungen für die nächsten sechs Monate. Die Unternehmer geben Noten, aus deren Mittelwert das Institut den Index berechnet. Seit Oktober 2005 veröffentlicht das Ifo-Institut auch eine Kennzahl für das Geschäftsklima in der Dienstleistungsbranche. Der neue Index wird an den Finanzmärkten bislang jedoch kaum beachtet.

Ähnlich wie der Ifo-Index weisen auch die Konjunkturerwartungen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) schon früh auf konjunkturelle Trendwenden hin. Die Daten der Mannheimer Forscher (www.zew.de) basieren auf Einschätzungen von 350 Finanzexperten. „Hier werden nicht die Entscheider befragt, sondern Beobachter. Deshalb ist dieser Index nicht so wichtig für die Märkte wie das Ifo-Geschäftsklima“, so Wanke.

Zahlen für gute Zeiten

In Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs rückt der GfK-Konsumklimaindex (www.gfk.com) in den Fokus der Marktteilnehmer. „Wegen der erwarteten Vorzieheffekte durch die Mehwertsteuer schauen die Märkte momentan verstärkt auf die GfK-Zahlen“, sagt Stefan Schneider von der Deutschen Bank Research. Der GfK-Index gibt die Kauflaune der Haushalte wieder. Die Nürnberger Marktforscher fragen hierfür monatlich 2.000 repräsentativ ausgewählte Personen nach ihrem Einkommen und anstehenden Kaufvorhaben. Die Ergebnisse sind Volkswirten zufolge mit Vorsicht zu genießen: Oft müßten die Zahlen mehrmals revidiert werden. Zudem interessiere sich in wirtschaftlich schlechten Phasen ohnehin kaum jemand für die GfK-Umfragewerte, berichtet Schneider.

Ohne Revisionen kommt meist der Einkaufsmanagerindex aus, da er „harte“ Fakten und nicht Stimmungen abfragt. Das Forschungsinsitut NTC aus Großbritannien interviewt in Zusammenarbeit mit nationalen Verbänden Einkäufer von 2.500 Unternehmen in ganz Europa. Für Produktion, Auftragseingänge, Beschäftigung, Lieferfristen und Lagerbestände kann jeder Manager 0 bis 100 Punkte verteilen. Wichtig ist die 50-Punkte-Linie: sie markiert die Expansionsschwelle. Neben einem Index für den Euroraum veröffentlicht NTC eine Statistik speziell für Deutschland.

45 Tage nach Quartalsende gibt das Statistische Bundesamt das Bruttoinlandsprodukt (www.destatis.de) bekannt - viel zu spät, um an den Märkten eine Rolle zu spielen. „Finanzmarktteilnehmer schauen lieber in die Zukunft, das BIP gibt ihnen hierüber wenig Auskünfte“, sagt Sebastian Wanke. Zudem seien die BIP-Daten sehr revisionsanfällig.

Vereinigte Staaten: Arbeitsmarktbericht im Fokus

Auch in den Vereinigten Staaten steht das BIP im Schatten anderer Indikatoren. An erster Stelle prägt hier der Arbeitsmarktbericht die Finanzmärkte. An jedem ersten Freitag im Monat um 14.30 Uhr veröffentlicht das amerikanische Arbeitsministerium (www.dol.gov) den Bericht . Der erste Blick der Marktakteure fällt auf die Entwicklung der Beschäftigtenzahl. Ist diese Zahl rückläufig, deutet alles auf eine Rezession hin, wobei der Beschäftigungsabbau auch nach Rezessionsende anhält. Die Arbeitslosenquote ist die zweitwichtigste Statistik im Arbeitsmarktbericht. Eine Faustregel: Fällt sie auf fünf Prozent oder niedriger, steigt die Inflationsgefahr. „Wir beobachten sofort enorme Ausschläge auf den Rentenmärkten, wenn der Arbeitsmarktbericht von den Erwartungen abweicht“, sagt Wanke.

Ähnliche Reaktionen an den Märkten gibt es, wenn die Zentralbank der Vereinigten Staaten (www.fed.gov) ihre Leitzinsentscheidung bekannt gibt. Der Leitzins bestimmt nicht nur die kurz- und langfristigen Zinsen in den Staaten, sondern beeinflußt die Weltkapitalmärkte insgesamt. Entsprechend vorsichtig versucht die Zentralbank, die Finanzmarkterwartungen zu steuern - Überraschungen gibt es in der Regel nicht. Für Marktakteure besonders interessant ist deshalb der Bericht des Offenmarktausschusses (FOMC). Hierin begründet das Gremium den Zinsentscheid und steuert so die Erwartungen für die zukünftige Zinsentwicklung.

Stimmungsbarometer für Amerikas Konjunktur

Einblicke in die Zukunft bietet auch der amerikanische Einkaufsmanager-Index des Institute for Supply Management (ISM). Für den ISM-Index der Industrie werden 400 Einkäufer aus Unternehmen befragt, die 20 Bereiche des verarbeitenden Gewerbes abdecken. Der Index spiegelt die Stimmung in den Unternehmen wider: Steigt der Wert über 50 Punkte, ist die Produktion im vergangenen Monat gestiegen. Bei einem Index unter 48 gehen viele Volkswirte von einem dauerhaften Rückgang aus. Bei einem Wert von über 60 erwarten sie einen Boom des verarbeitenden Gewerbes. „Der ISM-Index der Industrie ist sehr wichtig, da große Teile der amerikanischen Dienstleistungsbranche von der Industrie-Entwicklung abhängig sind. Die Industrie ist der wesentlich volatilere Part in der Wirtschaft“, erklärt Stefan Schneider von der Deutschen Bank Research.

Zusammen mit dem Arbeitsmarktbericht ist zudem das Konsumklima der University of Michigan von Bedeutung, ein wichtiger Indikator für die Kauflaune der amerikanischen Haushalte. Die Forscher interviewen 500 zufällig ausgewählte Amerikaner am Telefon nach geplanten Anschaffungen großer Haushaltsgegenstände. Die Zuverlässigkeit des Index ist jedoch niedrig. „Oft sind die Entwicklungen nicht nachvollziehbar. So ist das Verbrauchervertrauen beispielsweise in Phasen gestiegen, als die Benzinpreise anzogen“, sagt Dekabank-Volkswirt Sebastian Wanke.

Steigt also der Dax, wenn der Ifo-Index zulegt oder die Arbeitslosenquote in den Vereinigten Staaten sinkt? Keinesfalls. Nur wenn die Erwartungen der Marktteilnehmer verfehlt werden, hat das Auswirkungen auf die Kurse. An der Börse werden eben Erwartungen gehandelt, nicht Entwicklungen.

Literaturhinweis: Einen Überblick über „die 100 wichtigsten Konjunkturindikatoren“ verspricht das gleichnamige Buch aus dem Cometis-Verlag (www.cometis-publishing.de). Die Autoren stellen jeden Indikator auf einer Seite vor und schätzen auch dessen Bedeutung für die Finanzmärkte ein. Die von uns befragten Volkswirte stufen die Relevanz der Indikatoren zum Teil anders ein.

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