Home
http://www.faz.net/-gw6-yum5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Internationaler Finanzmarkt Nur Lettland trübt die gute Stimmung

 ·  Die Aktienkurse haussieren, der Dow-Jones-Index hat seinen höchsten Schlussstand seit einem Jahr erreicht. Nur Lettland will nicht so recht in die gute Stimmung passen.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die Krise ist vorbei – fast überall auf der Welt, so scheint es. Ein kleines Land im Baltikum aber steckt noch mitten im Schlamassel. Lettland, dessen Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal 18 Prozent unter dem des Vorjahresquartals lag, hat offensichtlich anders als zum Beispiel sein Nachbar Litauen nach wie vor keinen Zugang zum Kapitalmarkt. Während Litauen mit Anleihen 1,5 Milliarden Euro und damit dreimal mehr als geplant einsammelte, gab es in der abgelaufenen Woche bei einer Versteigerung in London so gut wie keine Nachfrage nach lettischen Anleihen. Das war schon beim letzten Versuch Lettlands im Juni ähnlich gewesen.

Seine Zahlungsfähigkeit hält Lettland nur noch aufrecht, weil der Internationale Währungsfonds (IWF), die Europäische Union und die nordischen Nachbarn im Dezember 7,5 Milliarden Euro Notkredit zur Verfügung stellten. Dieser Kredit scheint nun gefährdet. Obwohl die Regierung in Riga Sparmaßnahmen getroffen hat, wird Lettland in diesem Jahr neue Schulden von 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes machen und plant im kommenden Jahr mit einer Schuldenquote von 8,5 Prozent. Das ist zu viel, sagt der IWF. Auch in Schweden ist man ärgerlich, dass Lettland angeblich vereinbarte Sparpläne nicht einhält. Schwedische Banken, allen voran Swedbank und SEB, haben in Lettland 40 Milliarden Euro an Krediten im Feuer.

In Lettland beträgt die Arbeitslosenquote 19 Prozent. Die Regierung in Riga sucht nach Wegen, die Bevölkerung zu entlasten. Ihr Plan, Hausbesitzer von der Rückzahlung ihrer Hypothekenkredite zu befreien, sobald die Kredite den Wert der Häuser übersteigen, kann den Banken nicht gefallen. Schließlich haben sich die Häuserpreise seit einem Jahr im Durchschnitt halbiert. Zudem ist zum Ärger der ausländischen Banken eine Abwertung der Landeswährung im Gespräch. Noch ist der lettische Lat mit einer Schwankungstoleranz von 2,5 Prozent um einen Mittelkurs an den Euro gebunden. Würde er freigegeben, fände der Lat erst nach einer Abwertung um 25 Prozent Halt, vermuten Analysten.

Gold auf Rekordhoch

Anderswo auf der Welt stehen die Zeichen dagegen auf mehr oder weniger kräftige Erholung der Wirtschaft. In Amerika kommt sogar die Entschuldung der Verbraucher in Gang. Das Volumen der Konsumentenkredite ging seit Januar um 102 Milliarden auf 2463 Milliarden Dollar zurück. Hinzu kommt aber ein Schuldenstand des Staates von 11 600 Milliarden Dollar. Angesichts dieser gewaltigen Lasten gibt es Stimmen, nach denen es nicht nur im Interesse Amerikas, sondern der gesamten Welt sei, wenn der Dollar und damit die amerikanischen Auslandsschulden zu den wichtigen Währungen weiter abwerteten.

Gerade viele asiatische Länder, deren Wirtschaft derzeit stärker wächst als die Amerikas und deren Währungen daher Aufwertungskandidaten sind, sehen das anders. Vor allem Korea, Taiwan und Thailand kaufen am Devisenmarkt Dollar, um den Kurs ihrer Landeswährungen niedrig zu halten. Nach Berechnungen von BNP Paribas haben asiatische Notenbanken allein im September mehr als 100 Milliarden Dollar an Währungsreserven angehäuft. Dennoch fiel der handelsgewichtete Dollar-Index in der abgelaufenen Woche auf ein 14-Monats-Tief.

Den Anstieg des Edelmetalls Gold, das am Freitag den Rekordpreis von 1055 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) erreichte, sehen Beobachter oft als Spiegelbild des schwachen Dollar. Amerikanische Privatanleger suchten aus Furcht vor weiterer Abwertung des Dollar und einer später galoppierenden Inflation Gold als vermögenssichernde Anlage, heißt es. Haupttreiber des Goldpreises sind allerdings Spekulanten am Terminmarkt. Dort bewegen sich die Kaufpositionen auf Gold nahe an Rekordniveaus. Die Schmucknachfrage ist, trotz vieler anstehender Hochzeiten im Hauptabnehmerland Indien, weiterhin niedrig.

Auftakt der Berichtssaison mit Gewinn bei Alcoa

Die Amerikaner profitieren indes nicht nur vom schwachen Dollar, der ihre Verschuldung schwinden lässt. Ihre Stimmung hebt auch, dass die Aktienkurse steigen. Ausgelöst durch einen überraschenden Gewinn, den der Aluminiumkonzern Alcoa am Mittwoch zum Auftakt der Bilanzsaison für das dritte Quartal meldete, haussierten Aktien in Amerika bis zum Wochenschluss. Der Aktienindex Dow Jones erreichte zwar kein neues Jahresverlaufshoch. Aber im Vergleich der Tagesschlussstände bedeutete der Freitagswert von 9865 Punkten das höchste Niveau seit Anfang Oktober 2008. Der Index S&P 500 legte im Wochenverlauf 4,2 Prozent zu. Auch die europäischen Aktienmärkte haben die beste Woche seit Mitte Juli hinter sich.

In dieser Woche nimmt nun die Berichterstattung der Unternehmen Fahrt auf. Sechs der 30 im Dow Jones enthaltene Unternehmen werden über ihr Geschäft im dritten Quartal informieren. Dank gelungener Kostensenkungen sind die Erwartungen an das Ausmaß der Quartalsverluste gesunken. Für das vierte Quartal werden nach sieben Quartalen in Folge mit Verlusten im Durchschnitt sogar wieder Gewinne im Vergleich zum Vorjahresquartal erwartet. Allerdings sind die Gewinnmargen schon jetzt auf Rekordniveau, so dass sich Unternehmen ohne Umsatzsteigerung schwertun dürften, die noch höheren Erwartungen für 2010 zu erfüllen. Derzeit aber ist die Euphorie gerade über die Banken groß. Amerikas oberster Zentralbanker Ben Bernanke hat aber soeben vorsichtig darauf hingewiesen, dass der günstige Leitzins von 0 bis 0,25 Prozent nicht ewig Bestand haben werde.

Australien dreht an der Zinsschraube

Australien, das stark von den anziehenden Industriemetallpreisen und seiner Nähe zu Asien profitiert, hat in der abgelaufenen Woche als erstes der G-20-Länder nach der Krise den Leitzins auf nun 3,25 Prozent angehoben. Der australische Dollar, ohnehin eine der gefragtesten Währungen in diesem Jahr, hat daraufhin im Wochenvergleich um 2,4 Prozent und damit so stark wie keine andere wichtige Währung zum Euro aufgewertet. Gleichzeitig belebte sich der Markt für Anleihen in australischen Dollar. Die Weltbank plazierte Schuldscheine mit einem Kupon von 5,5 Prozent im Volumen von 800 Millionen australischen Dollar. Das ist der größte „Känguruh-Bond“ seit 1998 mit Laufzeit von fünf Jahren.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Emittenten-News
Anzeige
Für die Inhalte sind die Emittenten verantwortlich
Weitersagen

Jahrgang 1971, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Finanzmärkte aktuell
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --
Wertpapiersuche