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Zwischen Russland und Ukraine : Die wunderbaren Menschen aus der Depressionszone

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Wie wird ihre Zukunft aussehen? Junge Patrioten der selbsterklärten Volksrepublik Luhansk posieren mit der Fahne ihres Wunschlandes. Bild: Iva Zimova/PANOS/VISUM

Manchmal kämpft der beste Freund des Soldaten auf der anderen Seite der Front: Eine Reise ins zwischen Ukraine und Russland umstrittene Gebiet Luhansk.

          Als ich mich auf den Weg nach Sewerodonezk machte, der provisorischen Hauptstadt jenes Teils des Gebiets Luhansk, den die Ukraine kontrolliert, meinte ich, mich an einen Ort zu begeben, wo die gewohnten Regeln nicht gelten, weil gleich nebenan Krieg ist. So hatte ich mich gefühlt, als ich nach der Majdan-Revolution 2014 nach Kiew flog. Seit dem Massaker waren nur Tage vergangen, das Blut der Gefallenen klebte noch auf den Straßen. Später, als der Krieg im Donbass begann, flog ich nach Charkow und spürte eine ähnliche Unruhe. Kiew war mir heimisch geworden, ich betrachtete es als vollkommen sicher, aber Charkow erschien anders, denn nebenan war Krieg.

          Jetzt reiste ich aus dem mir bekannten Charkow mit dem Nachtzug ins unheimliche Sewerodonezk. Ich stand im Gang des gen Süden ratternden Zuges und hörte, worüber die Menschen in meinem und anderen Abteilen sprachen. Sie redeten vom Krieg. Ruhig, ohne besondere Emotionen, wie über den Alltag. Wieviel Soldaten auf der einen und anderen Seite der Front verdienen, die einen in ukrainischen Hrywna, die anderen in russischen Rubeln. Und darüber, dass ihre Psyche auf dieser wie auf jener Seite ziemlich gestört ist, denn sie sind schon zwölf oder achtzehn Monate dort.

          Wenn nicht gekämpft wird, trinken viele. Dann lassen sie ihrem Zorn freien Lauf und schießen auf die feindlichen Stellungen. Aus Scharfschützengewehren oder Geschützen. Die andere Seite antwortet mit Gleichem. Gott sei Dank lassen sie wenigstens die Zivilisten in Ruhe und schlagen nur auf einander ein. Über all das wurde ohne klare politische Parteinahme gesprochen, es ging einfach um den Krieg, als Belastung, als Unglück, das schon mehrere Jahre dauert. Für sie war all das Routine, für mich jedoch ein Schock.

          Erinnerungen an die Kindheit

          Auf dieser Fahrt hörte ich zum ersten Mal das Wort „Depressionszone“. So nannte der junge Informatiker Igor diese Gegend. Er stammt aus Luhansk, hat dort sein Haus zurückgelassen, auf das jetzt die Schwiegereltern aufpassen, und zog mit seiner Familie nach Dnipropetrowsk. Igor will nie zurückkehren. Denn dort sei Depressionszone, wiederholt er zum wer weiß wie vielten Mal, und wird es bleiben, auch wenn die politischen Umstände sich ändern. Wer investiert denn in ein so unvorhersehbares Land? Als der Krieg begann, floh die Hälfte der Bewohner. Die Alten kommen vielleicht zurück, aber die Jungen kaum. Wozu – dort ist doch Depressionszone.

          Der Hauptplatz von Sewerodonezk ist leer. Bis vor kurzem stand hier ein Lenin-Denkmal, vor dem sich Hochzeitsgesellschaften fotografieren ließen. Er wurde gestürzt, nachdem die Ukraine ein Dekommunisierungs-Gesetz verabschiedete, wonach alle öffentlichen Symbole des Kommunismus entfernt werden müssen. Den Platz begrenzt ein riesiger Sowjetpalast, das Kulturhaus der Chemiker. Ein alter Mann auf einem alten, quietschenden Fahrrad fährt über den Platz. Er ist so verbogen wie das Fahrrad. Ich fühle mich wie von einer Zeitmaschine in meine sowjetische Kindheit versetzt. Diese Zeit, die Siebziger, ihre Gerüche, sind nicht verschwunden, sondern hier, anderthalbtausend Kilometer von meinem Zuhause.

          Im Hotel sind alle Zimmer besetzt, einige mit Flüchtlingen. Die Frau an der Rezeption schärft mir ein: Heißes Wasser nur morgens und abends jeweils zwischen sechs bis neun. Auf dem Gang schreien die Verwalterin und das Zimmermädchen einander an. Das ist ihre Art, sich zu unterhalten, ein Stil, an den ich mich aus meiner Kindheit erinnere.

          Keine Lieferung mehr aus Russland

          Ich bin ein sowjetisches Kind und ein erbitterter Feind des Sowjetismus. Das Land, wo ich geboren wurde, dieses riesige Sowjetimperium, halte ich für die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Es hat an der Menschheit ebenso viel verbrochen wie Hitlers Nazitum. Das, was jetzt im Donbass geschieht, ist deshalb auch meine Tragödie, denn das Monster, das wir vor fünfundzwanzig Jahren für immer überwunden glaubten, erhebt dort sein Haupt und fordert Revanche. Ich will verstehen, warum das passiert, was in den Köpfen der Menschen geschieht, wenn sie freiwillig in diese Sklaverei zurückkehren wollen, in diesen – in meinen Augen – höllischen Abgrund.

          Sewerodonezk ist eine typische sowjetische Utopie, ein Großbaustellen-Projekt, eine Fabrikstadt, die 1934 in der leeren Steppe erbaut wurde. Diese Stadt kennt nichts außer der sowjetischen Wirklichkeit und dem postsowjetischen Zerfall. Ihre neueste Erfahrung ist der Krieg. Im Frühjahr 2014 besetzten Luhansker Freischärler die Stadt für zwei Monate, Ende Juli eroberte die ukrainische Armee sie zurück.

          Die Stadt ist von sichtbaren Zerstörungen verschont geblieben. Doch die riesige Chemiedüngerfabrik „Stickstoff“, wo mehr als sechstausend Sewerodonezker arbeiten, steht seit Kriegsbeginn still. Es heißt, die Turbine des für die Stromversorgung zuständigen Kraftwerks sei während der Kämpfe beschädigt worden. Man hört aber auch, die Fabrik habe ihre Rohstoffe aus Russland bekommen und Russland liefere nicht mehr, seit die Ukraine die Stadt zurückerobert hat.

          „Du bist wahrscheinlich Ausländer“

          Im Fabrikmuseum berichtet eine Führerin über den Bau der Stadt und der Fabrik, über Helden der Arbeit und Helden des Krieges, die während des Zweiten Weltkriegs aus der Fabrik an die Front gingen. Auch der jüngste Krieg kam nicht ohne die Arbeiter aus: Die einen kämpften auf der einen, die anderen auf der Gegenseite. Diese Spaltung zeichnet die ganze Stadt. Das Theater von Sewerodonezk begrüßte die Separatisten, daher zog fast die gesamte Theatergruppe nach Russland, als die Stadt wieder in die Hand der Ukraine kam. Zugleich floh der Direktor des Theaters von Luhansk mit einigen Mitarbeitern aus der von den Separatisten besetzten Stadt und ließ sich hier nieder. Jetzt gibt es zwei Luhansker Theater, eines in Luhansk und eines in Sewerodonezk.

          Wie das Luhansker Gebiet sind sie verdoppelt, geteilt in zwei Teile: den separatistischen mit Luhansk als Hauptstadt und den ukrainischen mit der Hauptstadt Sewerodonezk. Hier residiert auch der Gouverneur des halben Gebietes. Kontrollposten bewachen die Brücken, die in die Stadt führen. Außerdem erinnern neue weiße Geländewagen mit OSZE- und UN-Zeichen an den Krieg. Wie riesige Boote aus einer anderen Welt „schwimmen“ sie durch die Straßen und kontrastieren mit den alten, billigen Autos der Sewerodonezker.

          Man fragt mich, ob ich zur OSZE oder UN gehöre. Was soll ein Ausländer sonst hier tun? Dabei habe ich versucht, mich zu maskieren, mich einfach gekleidet, sauberes Russisch gesprochen, möglichst akzentfrei. Aber es half nichts. Igor im Zug enttarnte mich sofort. Du bist wahrscheinlich Ausländer, sagte er. Wie habe ich mich verraten?

          Lebensziele ändern sich

          Als ich am Fenster im Zugkorridor stand, drehte ich mich um und fragte meine Mitreisenden im Liegewagenabteil, ob die offene Abteiltür sie nicht störe. Alle drei hoben die Köpfe und starrten mich wie gebannt an. Nach einer Pause antworteten sie fast im Chor: „Nein.“ Das war der Augenblick der Wahrheit, der Fehler, der mich verriet. Untypisch höflich – so hat Igor das genannt.

          Die Kriegsflüchtlinge zu erkennen ist schwieriger. Um die 25 000 leben in der Stadt, die vor dem Krieg kaum mehr als 100 000 Einwohner zählte. Aber sie sehen aus wie die Einheimischen und sprechen wie sie. Man spürt einen stillen Antagonismus. Die Flüchtlinge oder „Umzügler“, wie sie genannt werden, klagen, auf der von den Separatisten kontrollierten Seite hätten sie wunderbare Häuser oder Wohnungen zurückgelassen und müssten jetzt ein armseliges Zimmer in einem Plattenbau mieten und dem Besitzern dankbar sein, wenn er nichts gegen ihre Katze oder den Hund hat. Zugleich reicht die staatliche Unterstützung für die Flüchtlinge kaum aus, um im Winter die Heizkosten zu zahlen.

          Daher hoffen viele, im Gegensatz zu Igor, eines Tages wieder in ihre Häuser jenseits der Front zurückzukehren. Aber wie? Sweta, etwa fünfzig Jahre alt, hofft, es werde eine politische Lösung geben. Vor allem müssten neues Blutvergießen und neue Opfer vermieden werden, findet sie. Der siebzehn Jahre alte Andrej hingegen meint, das Problem sei nur militärisch zu lösen. Er bereitet sich darauf vor, selbst an dieser „Lösung“ mitzuwirken. Nach dem Abitur wird er an die Militärakademie gehen. Früher hatte er andere Lebensziele, doch der Krieg veränderte alles.

          Alles nur aus Angst

          Später erzählt Andrej von seinem besten Freund, der auf der anderen Seite blieb und bei der Miliz der Separatisten arbeitet. Es muss schwer sein, den besten Freund durch den Krieg zu verlieren, sage ich. Wieso verlieren? Andrej versteht mich nicht. Wir sind immer noch beste Freunde, versichert er, Freundschaft stehe über allem. Jetzt bin ich es, der ihn nicht versteht. Er bereite sich doch darauf vor, ukrainischer Soldat zu werden und das Separatistengebiet zurückzuerobern, das heißt, er und sein Freund werden vielleicht eines Tages die Waffen aufeinander richten. Wir denken nicht darüber nach, versichert Andrej. Wir sind beste Freunde, und wie es kommt, so kommt es.

          Ich frage Sweta, wie sie sich ihr Leben vorstellt, wenn sie zurückkehren kann – in eine Stadt, eine Straße, einen Wohnblock mit denen, die blieben und die Separatisten unterstützten. Sie antwortet: Irgendwie. Wir sind alle Menschen, manchmal irren wir uns. Wer wen unterstützt, weiß man oft nicht. Viele konnten nirgendwo hingehen, wegen ihrer alten Eltern, ihrer Habe, ihres Hofs.

          Auch in Sewerodonezk nahmen, als die Separatisten es kontrollierten, viele an dem nicht anerkannten Referendum teil und stimmten für die Abspaltung von der Ukraine. Wenn sie gewusst hätten, was die Zukunft bringt, hätten sie es nicht getan. Aber waren vollgepumpt mit russischer Propaganda, hatten Angst vor den „ukrainischen Faschisten“, die angeblich alle Russischsprachigen umbringen wollten. Außerdem fürchteten sie die Separatisten, die in der Stadt herrschten.

          Gefühle der Freiheit

          Swetas sechzehn Jahre alte Tochter wirkt erwachsen. So wie auch Andrej und alle anderen Kinder von Flüchtlingen, die ich hier treffe, Sechzehnjährige, Siebzehnjährige. Sie sind ernst, ihre Blicke durchdringend, eine Reife in den Augen. Nein, kein Schmerz, man spürt einfach, dass sie mehr gesehen haben als Gleichaltrige in der friedlichen Welt. Der Krieg erlaubte ihnen nicht, Kinder zu bleiben, sie mussten früher reifen. Sweta geht mit ihrer Tochter gern ins Kino, am liebsten in Horrorfilme, gesteht sie. Ich traue meinen Ohren nicht – nach all dem realen Horror, den Sie erlebt haben? Uns gefällt es, antwortet sie, wir entspannen uns dabei.

          Ich kehre ins sichere Charkow zurück. „Buona notte“, höre ich jemanden im Hotel sagen. Vor noch nicht langer Zeit kam ich zum ersten Mal in diese Stadt und bemühte mich, wachsam zum bleiben. Wie relativ doch alles ist. Jetzt erinnere ich mich auch an Sewerodonezk als einen anheimelnden und sicheren Ort. Auf Facebook habe ich neue Freunde dort, in der Depressionszone, wie Igor sich ausdrückte, mein Mitpassagier. Ich erinnere mich, wie wir in der Nacht an einem Bahnhof ausstiegen, um zu rauchen, und er mich fragte, was für einen Eindruck dieses Land auf mich, als Ausländer, als Litauer mache.

          Ich sagte, es erinnere mich an unsere Neunziger, vielleicht an das Jahr 1998. Also sind wir zwanzig Jahre hinter euch, meinte er, plötzlich traurig geworden. Ich versuchte, seine Stimmung aufzuhellen. Ich spüre die Freiheit der Möglichkeiten, den Umbruch, sagte ich, das sei eine sehr interessante Zeit.

          OSZE und UN bedeuten Arroganz

          Igor antwortete nichts. Er blickte in die Dunkelheit hinter dem Bahnsteig. Bald öffnet sich Europa auch für euch, fügte ich hinzu, ihr bekommt Visumfreiheit, könnt frei reisen. Er lachte nur. Wir verdienen zu wenig. Von hier fährt man allein nach Kiew fünfzehn Stunden mit dem Schnellzug, die meisten hier waren nicht einmal dort, in ihrer Hauptstadt. Wie sollen sie nach Europa kommen? Europa ist für uns nicht erschwinglich und deshalb unerreichbar.

          Ich weiß, was er meint. 1993 fuhr ich selbst per Anhalter durch den ganzen Kontinent bis nach Sevilla, mit zehn Dollar in der Tasche, meinen ganzen Ersparnissen. Mit Verwunderung stellte ich fest, dass man für die Summe, die an einer deutschen Tankstelle eine Tasse Kaffee kostete, damals in Vilnius eine Woche leben konnte. Europa ist für den Donbass etwas sehr, sehr Fernes und Unerreichbares. Europa, das sind die Geländewagen der OSZE und UN mit den gutgekleideten, duftenden, etwas arroganten Menschen darin. Und der eine oder andere Verirrte wie ich, den ihr Alltag an seine sowjetische Kindheit erinnert.

          Wir brauchen euer Mitleid nicht, sagen meine neuen Freunde aus Sewerodonezk, als hätten sie sich abgesprochen. Mitleid erniedrigt. Daher tun sie mir auch nicht leid. Ich will nur sagen, dass dort wunderbare Menschen leben, obwohl es wahrscheinlich solche und solche gibt. Und Europa, über das sie viel hören, dem sie aber noch nicht begegnet sind, könnte selbst zu ihnen kommen.

          Wenigstens das kulturelle Europa, das sich vorstellen und seine Werte, seine Sicht auf den Menschen, seine Würde und Freiheit erklären könnte. Der postsowjetische Mensch verwandelt sich nämlich leicht in einen Europäer, das habe ich an der eigenen Haut erfahren. Die angespannten sowjetischen Gesichtzüge entspannen sich, der Blick wird sanfter, auf den Lippen entsteht ein Lächeln, der geduckte Kopf erhebt sich, der grobe Verteidigungston wird höflich und freundschaftlich. Dann wird er auch seine Umgebung verändern. Es dauert mehr als ein Jahr, vielleicht länger als ein Leben, doch es verleiht der Existenz eine andere Qualität, einen anderen Sinn als das Leben in der stillstehenden Zeit der Depressionszone.

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