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Abenteuerromane : Lockruf aus der Ferne

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Ist es nicht die Neugierde auf Exotik, welche die Wagemutigen in die Fremde treibt? Die Autoren Friedrich Kröhnke und Thomas Rietzschel begleiten in ihren Werken Abenteurer auf ihrer Reise.

          Es gibt einen untergründigen Zusammenhang zwischen Nähe und Ferne, Idylle und Exotik. Das „braune Mädchen“ in der Schäferdichtung des achtzehnten Jahrhunderts, bei Gessner und anderen, verband die vermeintliche Unschuld europäischen Landlebens mit Südseeidyllen, wie Bougainville und Cook, Diderot und Forster sie beschrieben: Tahiti galt als Paradies der freien Liebe, wo junge Frauen sich umstandslos den Matrosen hingaben. Dass dahinter eine von Inzesttabus geregelte, extrem hierarchische Gesellschaft stand, nahmen die Seefahrer nicht wahr. Das Klischee, wonach Exotik sich auf Erotik reimt, lebt von Gauguin bis zum Sextourismus von heute fort.

          Dieser Hinweis ist nötig zum besseren Verständnis von Friedrich Kröhnkes Buch „Wie Dauthendey starb“, das dem Exotismus huldigt, indem es ihn demontiert und dekonstruiert. Der Verfasser hat viele Jahre lang auf den Philippinen gelebt und ist selbst ein Exotist wie der deutsche Dichter und Maler Max Dauthendey, dessen erotisch aufgeladene Erzählungen „Lingam“ und „Die acht Gesichter vom Biwasee“ deutsche Leser begeisterten, bevor er im Jahre 1918 in der Internierung auf Java starb – der Kriegsausbruch hatte ihn fern der Heimat überrascht.

          Friedrich Kröhnke: „Wie Dauthendey starb“.

Literaturverlag Droschl, Wien 2017. 120 Seiten, gebunden, 19 Euro.

          Damit nicht genug, bezieht Friedrich Kröhnke auch Karl May in seinen Text mit ein, der sich als scheiternde Poetikvorlesung über Dauthendey tarnt, gleichzeitig aber ein ironisch gebrochenes Selbstporträt des Autors ist: als ein mit allen Wassern der Erzählkunst gewaschener Schreiberling, dem der Stoff wie Sand zwischen den Fingern verrinnt, während er von Pol Pot bis Dschihadi John Figuren der Zeitgeschichte Revue passieren lässt.

          Trotzdem nimmt man ihm sein Scheitern nicht ab, denn dazu ist dieses Buch zu kenntnisreich und gekonnt erzählt. Diese Virtuosität ist zugleich seine Schwäche, weil der Autor jeden Ansatz zur Empathie durchkreuzt oder unterläuft: „Glauben Sie nur ja nicht, unser Thema seien die Ferne und das Reisen und die Literaten! Unser Thema ist das Frotzeln. Unser aller Frotzeln, Dauthendeys zum Beispiel . . . Wie nämlich die Menschen so sind. Während schwerer Turbulenzen gibt es an Bord von Flugzeugen keine Atheisten, aber zuvor sehr wohl!“

          Jünger diente bei der Legion, bis sein Vater ihn freikaufte

          Max Dauthendey wurde 1867 in Würzburg geboren. Im gleichen Jahr meldete sich Franz Eckstein aus Dresden freiwillig zur französischen Fremdenlegion, „um als ein freier ungebundener Mensch glücklicher zu werden als Mancher, der im Kreise seiner Familie ein nach seiner Art zufriedenes Dasein führt“. Mit ganz ähnlicher Begründung büxte Ernst Jünger 1913 aus dem Elternhaus aus und diente bei der Legion in Algerien, bis sein Vater ihn freikaufte.

          Thomas Rietzschel: „Die Handschrift des Legionärs Franz Eckstein“. Spurensuche eines Jahrhunderts.

Zsolnay Verlag, Wien 2017. 210 Seiten, gebunden, 22 Euro.

          Der Lockruf der Ferne, dem Dauthendey, Friedrich Kröhnke und Eckstein folgten, ist ein zentrales Motiv des Exotismus, den der Literaturkritiker Thomas Rietzschel, gestützt auf den Nachlass des Ex-Legionärs, hundertfünfzig Jahre später als Gegenbild zur Enge der DDR beschwört. „Nüchtern und bisweilen im umständlichen Kanzleistil beschreibt er das Leben in der Legion“, heißt es hier, und das gilt auch für Thomas Rietzschels um Sachlichkeit bemühten Text, der weit entfernt ist vom überdrehten Irrwitz des Dauthendey-Buchs.

          An der Schnittstelle zwischen Erzählung und Essay

          Anders als Friedrich Kröhnke hat Thomas Rietzschel die Originalschauplätze nicht besucht, aber der Autor macht den Mangel wett, indem er seinen Protagonisten ernst nimmt und dessen Entbehrungen, Jagdabenteuer und Kämpfe mit aufständischen Kabylen eindringlich schildert. Beide Bücher, „Wie Dauthendey starb“ und „Die Handschrift des Legionärs Franz Eckstein“, sind angesiedelt an der Schnittstelle zwischen Erzählung und Essay, die sie mutwillig überschreiten, denn die „Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion sind wahrhaft durchlässig, sie verfließen unmerklich“, wie Thomas Rietzschel im Nachwort betont.

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