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Ausstellungen NS-Verbrechen : Die verheimlichten Massenmorde von Minsk

  • -Aktualisiert am

„Zutritt zum Lager verboten! Es wird ohne Anruf geschossen“, steht auf einem Warnschild am Lager Malyj Trostenez im Juli 1944. Bild: dpa

Erst die Kranken, dann die Juden: Zwei Ausstellungen dokumentieren nationalsozialistische Verbrechen auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion. Offenbart wird eine doppelte Geschichte der Vernichtung.

          In Minsk dokumentieren zwei Ausstellungen nationalsozialistische Verbrechen während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Die eine Schau mit dem Titel „Von der Entmenschlichung zum Mord. Das Schicksal der psychisch Kranken in Belarus“ schildert die Krankenmorde in der weißrussischen Hauptstadt. Deren Höhepunkt war die Ermordung der Patienten in der Nervenheilanstalt Nowinki wenige Wochen nach der deutschen Besatzung. Heinrich Himmler war im August 1941 eigens an den Stadtrand von Minsk gekommen, um vor Ort mit dem Befehlshaber der Einsatzgruppe B, Arthur Nebe, über die Weiterentwicklung von Tötungstechniken zu sprechen.

          Nebe gehörte zu den Fachleuten des systematischen Krankenmords, die kurze Zeit später ihre Erfahrungen beim Holocaust einbrachten. Die zuvor in Hamburg gezeigte Wanderausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez. Geschichte und Erinnerung“ fügt dem erstmals eine detaillierte Dokumentation der Geschichte des in Deutschland weitgehend unbekannten Vernichtungsorts Malyj Trostenez am Stadtrand von Minsk hinzu. Dort wurden bis 1943 Zehntausende Juden aus Minsk, Berlin, Frankfurt, Hamburg und Königsberg ermordet. Sie soll am 13. März, zum 25-jährigen Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Belarus, eröffnet werden. Beide Projekte bezeugen, dass sich die öffentliche Darstellung des Zweiten Weltkriegs in Weißrussland grundsätzlich wandelt.

          Minsker Krankenmorde in der Galeria Y

          Die Wanderausstellung über den Vernichtungsort Malyj Trostenez wurde möglich, weil auf deutscher und belarussischer Seite die Bereitschaft zuzuhören, vorhanden gewesen sei, sagt die Minsker Koordinatorin Sabrina Bobowski. Bei beiden Projekten hatten die Partner um jede Formulierung gerungen, weil es ihnen darum ging, statt einer heroischen Großgeschichte erstmals die Geschichte konkreter Orte zu erzählen, an denen in Belarus Tausende Menschen der deutschen Besatzungspolitik zum Opfer fielen.

          Zu den Enthusiasten dieses Ansatzes gehört die Philosophin Olga Shparaga vom European College of Liberal Arts, das in Minsk informelle Hochschulbildung für junge Erwachsene anbietet. Nach der Eröffnung der Ausstellung über die Minsker Krankenmorde in der Galeria Y erklärte Shparaga, wichtig sei, die unterschiedlichen Formen von Eugenik in der Sowjetunion, in der Polnischen Republik und im Deutschen Reich zu unterscheiden: Die Gemeinsamkeit liege in der wissenschaftlichen Legitimierung der Ausgrenzung von Bürgern aus der Gesellschaft, so Shparaga.

          Gewalt in Vergessenheit

          Ihr Mitstreiter, der Historiker Alexej Bratotschkin, erforscht am College mit Studenten den Kontrast zwischen der staatlichen Geschichtspolitik und der Erinnerung belorussischer Bürger. Mit der Eugenik-Ausstellung erarbeitete er in enger Zusammenarbeit mit belarussischen Psychiatern, Historikern und Kuratoren und gefördert durch die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ nun ein korrigiertes Bild des Zweiten Weltkriegs, der in Belarus offiziell als Großer Vaterländischer Krieg heroisiert wird.

          Das Begleitprogramm organisierte der Psychiater Oleg Aisberg, der im noch immer bestehenden Krankenhaus in Nowinki praktiziert. Aisberg war alarmiert, weil selbst in Nowinki die Erinnerung an die Krankenmorde verblasste. Ein siebzig Jahre alter Kollege habe noch Ärzte gekannt, die den Krieg miterlebten. Damals hätten auch die Anwohner etwas mitbekommen, sagt der Arzt. Doch jetzt gerate die Geschichte in Vergessenheit, was sicher auch an dem gewaltigen Ausmaß an Gewalt liege, das in Belarus nicht nur Kranke traf.

          Kaum ein Weg hinaus

          Die Organisatoren der Eugenik-Ausstellung machen die psychiatrische Praxis von Nowinki zum Brennpunkt einer gesamteuropäischen Entwicklung, die zu Beginn des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion in systematische Krankenmorde mündete und im Holocaust weitergetrieben wurde.

          Der Historiker Andrei Zamoiski hat die Geschichte der Psychiatrie in der Belorussischen Sozialistischen Sowjetischen Republik erforscht sowie in Ostpolen, das erst nach dem Hitler-Stalin-Pakt annektiert wurde. Die meisten Psychiater und Neurologen, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Minsk praktizierten, waren sowjetische Juden. Viele von ihnen verhungerten im Minsker Getto oder wurden am nahen Vernichtungsort Malyj Trostenez ermordet. Nur wenige entkamen aus dem Getto und überlebten als sowjetische Partisanen.

          Opfer mit zu vielen Zahlen

          Die von der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte „Johannes Rau“ in Minsk initiierte Wanderausstellung über Malyj Trostenez erklärt die deutsche Besatzungspolitik im besetzten Polen und wie sie nach dem Angriff auf die Sowjetunion eskalierte. Detailliert werden die Stationen bis zur vollständigen Vernichtung jüdischen Lebens im östlichen Europa aufgezeigt. So wurden in Malyj Trostenez Ende 1941 noch Tausende sowjetische Juden ermordet, um Platz zu schaffen für deportierte Juden aus Wien und Berlin, die im östlichen Europa angesiedelt werden sollten. Im Sommer 1942 fuhren die Deportationszüge der Reichsbahn aber bereits direkt zur Erschießungsstelle Blagowtschschina nahe Malyj Trostenez.

          Auf einer Tafel betonen die Ausstellungsmacher, die genaue Zahl der Opfer von Malyj Trostenez sei nicht festzustellen. Die im Sommer 1944 eingesetzte sowjetische Außerordentliche Kommission zur Feststellung der Folgen der deutschen Besatzung hatte die Opferzahl auf mehr als 200.000 geschätzt. Seither gilt Malyj Trostenez als größter Vernichtungsort auf dem Gebiet der Sowjetunion. Adam Kerpel-Fronius, der das Projekt für die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas betreut, bekennt, die Angabe unterschiedlicher Opferzahlen erschwere die Zusammenarbeit der deutschen und belarussischen Partner. Der Historiker Christian Gerlach sah in seinem Standardwerk über die deutsche Besatzung von Belarus nur 60.000 Opfer dokumentarisch belegt. Die Schau stellt beide Auffassungen nebeneinander.

          Topographie der Grausamkeit

          Wichtiger als dieser Kompromiss ist, dass die Ausstellung erklärt, wie es zu den Unterschieden kam. Die meisten Opfer sind nicht namentlich bekannt, weil bei der Auflösung der Minsker Gettos an wenigen Tagen Tausende sowjetische Juden ermordet wurden. Ab 1943 verbrannten Zwangsarbeiter die Leichen, die Kommission bezifferte nur Größe und Zahl der Aschegruben des sogenannten Kommandos 1005. Diese doppelte Geschichte der Vernichtung – des menschlichen Lebens und dann der Spuren des Mordes – ist auch ein Grund, warum Malyj Trostenez wie viele andere Massenerschießungsorte auf dem damaligen Gebiet der Sowjetunion in Deutschland fast unbekannt sind. Es sind Waldstücke, deren Geschichte der Vernichtung erst jetzt detailliert rekonstruiert wurde und wo es, wie in den großen Lagern der Aktion Reinhardt im Osten Polens, keine Überreste nationalsozialistischer Herrschaft gibt außer den charakteristischen Senkungen der Aschegruben, in denen die Überreste Tausender Menschen liegen.

          Die Erinnerung an die Ermordung der sowjetischen, deutschen und österreichischen Juden in Blagowschtschina wurde hingegen geprägt von der Exhumierung der verkohlten Leichen der Zwangsarbeiter des Kommandos 1005. Diese wurden mit mehr als sechstausend Insassen der Minsker Gefängnisse noch im Juni 1944 von verbliebenen SS-Einheiten vor dem Heranrücken der Roten Armee in einer Scheune verbrannt. Adam Kerpel-Fronius weiß, wie schwer es ist, die Topographie deutscher Gewalt in Belarus zu rekonstruieren und die Geschichte von Malyj Trostenez und Blagowschtschina zu erzählen. Doch die Ausstellung könne dazu beitragen, dass Weißrussland, dieses gar nicht ferne Land, auf der mentalen Landkarte der Deutschen endlich auftaucht.

          Quelle: F.A.Z.

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