http://www.faz.net/-gqz-8pt6o

Ausstellungen NS-Verbrechen : Die verheimlichten Massenmorde von Minsk

  • -Aktualisiert am

Der Historiker Andrei Zamoiski hat die Geschichte der Psychiatrie in der Belorussischen Sozialistischen Sowjetischen Republik erforscht sowie in Ostpolen, das erst nach dem Hitler-Stalin-Pakt annektiert wurde. Die meisten Psychiater und Neurologen, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Minsk praktizierten, waren sowjetische Juden. Viele von ihnen verhungerten im Minsker Getto oder wurden am nahen Vernichtungsort Malyj Trostenez ermordet. Nur wenige entkamen aus dem Getto und überlebten als sowjetische Partisanen.

Opfer mit zu vielen Zahlen

Die von der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte „Johannes Rau“ in Minsk initiierte Wanderausstellung über Malyj Trostenez erklärt die deutsche Besatzungspolitik im besetzten Polen und wie sie nach dem Angriff auf die Sowjetunion eskalierte. Detailliert werden die Stationen bis zur vollständigen Vernichtung jüdischen Lebens im östlichen Europa aufgezeigt. So wurden in Malyj Trostenez Ende 1941 noch Tausende sowjetische Juden ermordet, um Platz zu schaffen für deportierte Juden aus Wien und Berlin, die im östlichen Europa angesiedelt werden sollten. Im Sommer 1942 fuhren die Deportationszüge der Reichsbahn aber bereits direkt zur Erschießungsstelle Blagowtschschina nahe Malyj Trostenez.

Auf einer Tafel betonen die Ausstellungsmacher, die genaue Zahl der Opfer von Malyj Trostenez sei nicht festzustellen. Die im Sommer 1944 eingesetzte sowjetische Außerordentliche Kommission zur Feststellung der Folgen der deutschen Besatzung hatte die Opferzahl auf mehr als 200.000 geschätzt. Seither gilt Malyj Trostenez als größter Vernichtungsort auf dem Gebiet der Sowjetunion. Adam Kerpel-Fronius, der das Projekt für die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas betreut, bekennt, die Angabe unterschiedlicher Opferzahlen erschwere die Zusammenarbeit der deutschen und belarussischen Partner. Der Historiker Christian Gerlach sah in seinem Standardwerk über die deutsche Besatzung von Belarus nur 60.000 Opfer dokumentarisch belegt. Die Schau stellt beide Auffassungen nebeneinander.

Topographie der Grausamkeit

Wichtiger als dieser Kompromiss ist, dass die Ausstellung erklärt, wie es zu den Unterschieden kam. Die meisten Opfer sind nicht namentlich bekannt, weil bei der Auflösung der Minsker Gettos an wenigen Tagen Tausende sowjetische Juden ermordet wurden. Ab 1943 verbrannten Zwangsarbeiter die Leichen, die Kommission bezifferte nur Größe und Zahl der Aschegruben des sogenannten Kommandos 1005. Diese doppelte Geschichte der Vernichtung – des menschlichen Lebens und dann der Spuren des Mordes – ist auch ein Grund, warum Malyj Trostenez wie viele andere Massenerschießungsorte auf dem damaligen Gebiet der Sowjetunion in Deutschland fast unbekannt sind. Es sind Waldstücke, deren Geschichte der Vernichtung erst jetzt detailliert rekonstruiert wurde und wo es, wie in den großen Lagern der Aktion Reinhardt im Osten Polens, keine Überreste nationalsozialistischer Herrschaft gibt außer den charakteristischen Senkungen der Aschegruben, in denen die Überreste Tausender Menschen liegen.

Die Erinnerung an die Ermordung der sowjetischen, deutschen und österreichischen Juden in Blagowschtschina wurde hingegen geprägt von der Exhumierung der verkohlten Leichen der Zwangsarbeiter des Kommandos 1005. Diese wurden mit mehr als sechstausend Insassen der Minsker Gefängnisse noch im Juni 1944 von verbliebenen SS-Einheiten vor dem Heranrücken der Roten Armee in einer Scheune verbrannt. Adam Kerpel-Fronius weiß, wie schwer es ist, die Topographie deutscher Gewalt in Belarus zu rekonstruieren und die Geschichte von Malyj Trostenez und Blagowschtschina zu erzählen. Doch die Ausstellung könne dazu beitragen, dass Weißrussland, dieses gar nicht ferne Land, auf der mentalen Landkarte der Deutschen endlich auftaucht.

Weitere Themen

Topmeldungen

FAZ Plus Artikel: Queerer Jugendtrend : Hier sind die Twinks!

Die „New York Times“ schrieb von einem „Zeitalter des Twinks“: Wie aus einem schwulen Pornogenre ein neues Männerbild an die Öffentlichkeit tritt, das auch von Popkultur und Mode erfolgreich bedient wird.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.