http://www.faz.net/-gqz-74b5m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 14.11.2012, 10:06 Uhr

Zwangsräumungen in Spanien Aus den fremden Wänden vertrieben

So mancher Spanier, der derzeit auf den Straßen wütend gegen den Sparkurs seiner Regierung protestiert, weiß nicht mehr wohin: Vierhunderttausend Wohnungen wurden schon wegen Zahlungsunfähigkeit gepfändet. Die Verzweiflung in der Bevölkerung ist groß.

von , Madrid
© dePablo/Zurita/laif Kein Pardon: Wer in Spanien seine Hypothekenzinsen nicht bezahlt, fliegt aus

Es mussten Verzweifelte aus dem Fenster springen, damit die Politiker begriffen, was die Stunde geschlagen hatte. Drei Menschen, alle 53 Jahre alt, haben in den letzten Wochen in Spanien Selbstmordversuche wegen drohender Zwangsräumung unternommen. Vor ein paar Tagen stürzte sich eine Frau im Baskenland aus einem Fenster im vierten Stock, während der Schlüsseldienst sich an ihrer Tür zu schaffen machte, um den Gerichtsvollzieher in die Wohnung zu lassen. Amaia Eguña starb, ohne die Schmach erlebt zu haben, wegen Zahlungsunfähigkeit aus ihrer Bleibe vertrieben zu werden. Am nächsten Tag spiegelten die Schlagzeilen das öffentliche Entsetzen wider. „El País“ sprach vom „sozialen Drama der missbräuchlichen Hypotheken“, das katalanische Blatt „La Vanguardia“ von der „Tragödie der Zwangsvollstreckungen“.

Paul Ingendaay Folgen:

Auch wenn noch nicht geklärt ist, warum Amaia Eguña, die ebenso Arbeit hatte wie ihr Mann, sich zu dieser Verzweiflungstat hinreißen ließ: Für die verarmte spanische Mittelklasse ist die Zwangsräumung ein Meilenschritt ins soziale Elend. Ist es soweit, kommt es zu tumultuarischen Szenen zwischen Solidaritätswilligen (Freunden, Nachbarn, Bürgerbewegungen) und überforderten Ordnungskräften. Die Hilfsinitiative „Plataforma de los afectados por la hipoteca“ (PAH) schätzt, dass in Spanien jeden Tag mehrere hundert Zwangsvollstreckungen durchgeführt werden. Insgesamt sollen vierhunderttausend Räumungen stattgefunden haben. Überall, wo bis 2007 gekauft und expandiert wurde, ist die brutale Korrektur eines strukturell ungesunden Immobilienbooms im Gang, der Wohnraum zum Spekulationsobjekt werden ließ.

Ein Leben auf Pump

Inzwischen ist die Entgeisterung über die sozialen Folgen beim Establishment angekommen. „Die Justiz ist aufgefordert, den öffentlichen Diskurs gegen die Krise anzuführen“, schrieben jetzt die 47 Gerichtsleiter Spaniens in einer gemeinsamen Erklärung. Sie sind es müde, Entscheidungen zu fällen, die sie für unsozial halten. In einer Mobilisierung „ohne Beispiel“ haben die Leiter der Bezirksgerichte es geschafft, Regierung und Opposition an den Verhandlungstisch zu bringen.

Im Schnellverfahren soll eine Gesetzesänderung beschlossen werden, welche die harten Richtlinien im Hypothekenrecht außer Kraft setzt. Davon werden die bisher Ausquartierten nichts haben, denn das Gesetz würde nicht rückwirkend gelten. Aber es wäre ein Anfang, um die Massenverelendung zu bekämpfen und nach verträglicheren Formen zu suchen, etwa durch Privatinsolvenz, die dem Schuldner mehr Rechte einräumen würde als das bisherige Recht.

Es war der Fall von Mohamed Aziz, einem in Barcelona lebenden Marokkaner, der die Sache ins Rollen brachte. Aziz wurde arbeitslos und konnte seinen Wohnungskredit nicht mehr bedienen. Dass er in den „guten Jahren“ gekauft hatte, selbst mit kleinem Einkommen, fand niemand ungewöhnlich, auch die Bank nicht, die ihm Kredit gewährte. Fahrlässige Kreditvergabe, die Einladung zu einem Leben auf Pump, gehört zu den Säulen des Immobilienbooms. Doch schon am Tag nach dem ersten Zahlungsausfall schlugen 18,75 Prozent Schuldzinsen zu Buche.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Saisonstart in Spanien Real Madrids Jungstars lassen Ronaldo vergessen

Ronaldo? Verletzt. Benzema? Fehlt auch. Kroos? Steht bei seinem 100. Spiel nicht im Fokus. Dafür beeindrucken die jungen Wilden bei Real Madrid. Einer ragt heraus – und bekommt ein besonderes Lob. Mehr

22.08.2016, 16:08 Uhr | Sport
Auf 25.000 Quadratmetern Bauernschach mit Landmaschinen

Ein ungewöhnliches Schachspiel hat in Spanien rund 3.000 Zuschauer aus der ganzen Welt angezogen. Die Bauern der Kleinstadt Hinojosa haben ihre Landmaschinen zu Schachfiguren gemacht, während die eigentliche Partie abseits vom Acker gehalten wurde. Mehr

22.08.2016, 14:48 Uhr | Gesellschaft
Video-Filmkritik zu El Olivo Kann Wurzeln kaufen, wer keine hat?

Ein uralter Baum wird verkauft und verpflanzt, um als Symbol für eine Firma zu dienen – und steht im spanischen Film El Olivo schließlich doch für etwas ganz anderes als das ewige Geldverdienen. Mehr Von Bert Rebhandl

24.08.2016, 09:33 Uhr | Feuilleton
Filmkritik El Olivo Politisch engagiertes Arthouse-Kino aus Spanien

Icíar Bollaíns El OIivo bietet politisch engagiertes Arthouse-Kino über eine junge Frau auf der Suche nach einem verloren geglaubten Olivenbaum. Die für ihre Generation archetypische Protagonistin überzeugt durch Hartnäckigkeit und Idealismus. Bert Rebhandl hat den Film bereits gesehen. Mehr Von Bert Rebhandl

24.08.2016, 09:37 Uhr | Feuilleton
Fußball-Transferticker Leverkusen greift nochmal tief in die Tasche

Ein Österreicher verstärkt Bayer +++ Barcelonas Torwart landet in Manchester +++ Bremen holt Olympia-Zweiten +++ Marin hat einen neuen Verein +++ Alle Infos im Transferticker bei FAZ.NET. Mehr

24.08.2016, 08:47 Uhr | Sport
Glosse

Gute Laune dank Kimflix

Von Dietmar Dath

Kim Jong-un ist immer für eine Überraschung gut: Jetzt will er einen Streaming-Dienst à la Netflix einrichten: „Manbang“ richtet sich an Nordkoreaner mit Vorliebe fürs Dokumentarische. Das kommt uns bekannt vor. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“