Home
http://www.faz.net/-gqz-74b5m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Zwangsräumungen in Spanien Aus den fremden Wänden vertrieben

So mancher Spanier, der derzeit auf den Straßen wütend gegen den Sparkurs seiner Regierung protestiert, weiß nicht mehr wohin: Vierhunderttausend Wohnungen wurden schon wegen Zahlungsunfähigkeit gepfändet. Die Verzweiflung in der Bevölkerung ist groß.

© dePablo/Zurita/laif Vergrößern Kein Pardon: Wer in Spanien seine Hypothekenzinsen nicht bezahlt, fliegt aus

Es mussten Verzweifelte aus dem Fenster springen, damit die Politiker begriffen, was die Stunde geschlagen hatte. Drei Menschen, alle 53 Jahre alt, haben in den letzten Wochen in Spanien Selbstmordversuche wegen drohender Zwangsräumung unternommen. Vor ein paar Tagen stürzte sich eine Frau im Baskenland aus einem Fenster im vierten Stock, während der Schlüsseldienst sich an ihrer Tür zu schaffen machte, um den Gerichtsvollzieher in die Wohnung zu lassen. Amaia Eguña starb, ohne die Schmach erlebt zu haben, wegen Zahlungsunfähigkeit aus ihrer Bleibe vertrieben zu werden. Am nächsten Tag spiegelten die Schlagzeilen das öffentliche Entsetzen wider. „El País“ sprach vom „sozialen Drama der missbräuchlichen Hypotheken“, das katalanische Blatt „La Vanguardia“ von der „Tragödie der Zwangsvollstreckungen“.

Auch wenn noch nicht geklärt ist, warum Amaia Eguña, die ebenso Arbeit hatte wie ihr Mann, sich zu dieser Verzweiflungstat hinreißen ließ: Für die verarmte spanische Mittelklasse ist die Zwangsräumung ein Meilenschritt ins soziale Elend. Ist es soweit, kommt es zu tumultuarischen Szenen zwischen Solidaritätswilligen (Freunden, Nachbarn, Bürgerbewegungen) und überforderten Ordnungskräften. Die Hilfsinitiative „Plataforma de los afectados por la hipoteca“ (PAH) schätzt, dass in Spanien jeden Tag mehrere hundert Zwangsvollstreckungen durchgeführt werden. Insgesamt sollen vierhunderttausend Räumungen stattgefunden haben. Überall, wo bis 2007 gekauft und expandiert wurde, ist die brutale Korrektur eines strukturell ungesunden Immobilienbooms im Gang, der Wohnraum zum Spekulationsobjekt werden ließ.

Ein Leben auf Pump

Inzwischen ist die Entgeisterung über die sozialen Folgen beim Establishment angekommen. „Die Justiz ist aufgefordert, den öffentlichen Diskurs gegen die Krise anzuführen“, schrieben jetzt die 47 Gerichtsleiter Spaniens in einer gemeinsamen Erklärung. Sie sind es müde, Entscheidungen zu fällen, die sie für unsozial halten. In einer Mobilisierung „ohne Beispiel“ haben die Leiter der Bezirksgerichte es geschafft, Regierung und Opposition an den Verhandlungstisch zu bringen.

Im Schnellverfahren soll eine Gesetzesänderung beschlossen werden, welche die harten Richtlinien im Hypothekenrecht außer Kraft setzt. Davon werden die bisher Ausquartierten nichts haben, denn das Gesetz würde nicht rückwirkend gelten. Aber es wäre ein Anfang, um die Massenverelendung zu bekämpfen und nach verträglicheren Formen zu suchen, etwa durch Privatinsolvenz, die dem Schuldner mehr Rechte einräumen würde als das bisherige Recht.

Es war der Fall von Mohamed Aziz, einem in Barcelona lebenden Marokkaner, der die Sache ins Rollen brachte. Aziz wurde arbeitslos und konnte seinen Wohnungskredit nicht mehr bedienen. Dass er in den „guten Jahren“ gekauft hatte, selbst mit kleinem Einkommen, fand niemand ungewöhnlich, auch die Bank nicht, die ihm Kredit gewährte. Fahrlässige Kreditvergabe, die Einladung zu einem Leben auf Pump, gehört zu den Säulen des Immobilienbooms. Doch schon am Tag nach dem ersten Zahlungsausfall schlugen 18,75 Prozent Schuldzinsen zu Buche.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Spanien In linker Frauenhand

In Madrid und Barcelona werden wohl bald Politikerinnen aus der linken Szene regieren. Nach den Regional- und Kommunalwahlen sind Ada Colau und Manuela Carmena die neuen Gesichter der spanischen Politik. Regierungschef Rajoy schließt trotz des herben Stimmenverlusts seiner Partei einen Kurswechsel aus. Mehr Von Leo Wieland, Madrid

25.05.2015, 16:31 Uhr | Politik
Gestiegene Preise Trockenheit treibt Australiens Viehzüchter in die Verzweiflung

Eigentlich ist Australien einer der größten Fleischproduzenten der Welt, aber nach zwei der drei heißesten Jahre überhaupt macht sich Verzweiflung unter den Viehzüchtern breit. Viele haben bereits aufgegeben; wer durchgehalten hat, kann sich indes über gestiegene Preise für sein Vieh freuen. Mehr

05.03.2015, 14:42 Uhr | Wirtschaft
Nach Wahlergebnis In Madrid fallen die Aktienkurse

In Barcelona und Madrid haben Kandidatinnen der Protestpartei Podemos gute Chancen, die Rathäuser zu übernehmen. Die Kurse an Spaniens Börse stehen unter Druck. Mehr

25.05.2015, 14:03 Uhr | Finanzen
Nach Chemieunfall Riesige Giftgaswolke am Himmel

Nach einer Chemie-Explosion in der spanischen Firma Simar in der Nähe von Barcelona ist eine riesige gelbe Giftgaswolke in den Himmel aufgestiegen. Mehrere Personen wurden bei dem Unfall verletzt. Mehr

12.02.2015, 17:49 Uhr | Gesellschaft
Primera División Messi schießt Barcelona zum Titel

Der Argentinier erzielt auch im Kampf um die spanische Fußball-Meisterschaft den entscheidenden Treffer. Durch das 1:0 gegen Atletico Madrid liegt der FC Barcelona uneinholbar an der Spitze. Und vergrößert die Krise bei Erzrivale Real. Mehr

17.05.2015, 20:51 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 14.11.2012, 10:06 Uhr

Hollandes Helden

Von Jürg Altwegg

Eine Bestattung im Panthéon ist Frankreichs größte Ehre für verstorbene Helden. Wem diese Ehre zuteil wird, entscheidet der Präsident François Hollande – und der sucht seine Helden in der Résistance. Mehr 0