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Zuwanderungspolitik Wir brauchen eine Menge heller Köpfe

03.11.2010 ·  Lernfähigkeit ist die beste Qualifikation für eine erfolgreiche Integration von Zuwanderern. Die kanadische Einwanderungsbehörde bewertet sie in ihrem Punktesystem deshalb am höchsten. In Deutschland wurde das noch nicht erkannt.

Von Gunnar Heinsohn
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Fürst Gabriel Oginski (1783–1842) kommandiert 1830 polnisch-litauische Aufständische. Nach dem Sieg der Moskowiter entkommt er mittellos nach Paris. Durchaus verschämt, aber bald ungemein erfolgreich schult er dort als Fünfzigjähriger auf Buchbinder um. Nach Rückkehr in die Heimat fällt der Betrieb an seinen Landsmann Vincente Kisiel. Geld fehlt den beiden Flüchtlingen. Verstand aber bringen sie mit. Derart überlegen macht der die Qualität ihrer Einbände, dass sie heute unter 1000 Euro nicht zu bekommen sind.

Schickt uns gewöhnliche Buchbinder und keine hochgebildeten Adligen, hätte man damals aus Paris nach Moskau rufen können. Und die Zaristen hätten womöglich zurückgehöhnt: Passt nur auf, die polnischen Noblen werden eure Leim- und Lederbranche gehörig umkrempeln. Dieselbe Erfahrung mit Überqualifizierten machen verfolgte Juden, die ihre „Luftmenschen“-Existenz in Berlin mit der Hitze des Negev vertauschen müssen. Dort werden sie die effektivsten Bauern der Menschheit gerade deshalb, weil sie frei von ländlichen Traditionen die Probleme neu analysieren müssen und so die Wüste zum Blühen bringen.

Fähigkeiten sind wichtiger als Fertigkeiten

Was die Not lehrt, verliert auch in einer friedlichen Einwanderungspolitik seine Gültigkeit nicht. All die Details des Punktesystems Kanadas sollen lediglich gewährleisten, dass Menschen kommen, die alle und damit auch noch unbekannte Qualifikationen erlernen können. Deshalb gibt es von den maximal erreichbaren 100 Punkten bis zu 25 für die Höhe – und nicht etwa den Inhalt – der Ausbildung. Weitere 24 Punkte können durch sehr gute Kenntnisse von Englisch und/oder Französisch gewonnen werden. Man weiß, dass exzellente Sprachfähigkeiten hohes analytisches Niveau verbürgen. Da das Können der Zuwanderer sofort und zugleich möglichst lange zur Verfügung stehen soll, gibt es für das ideale Alter (21 bis 49 Jahre) noch einmal zehn Punkte. Weitere zehn fallen an, wenn der Einwanderer oder sein Ehepartner das Studium in Kanada absolviert hat. Wer in diesen vier Kategorien das addierte Maximum von 69 Punkten erreicht, hat die Bedingungen bereits übererfüllt, da 67 für die Einwanderung reichen.

Viel geringer als Intelligenz und Verwendungszeit zählen bisherige Berufserfahrungen, für die bis zu 21 Punkte angerechnet werden. Ein bereits in Kanada vorliegendes Jobangebot bringt mit gerade zehn Punkten viel weniger. Aktuelle Erfordernisse des Arbeitsmarktes werden bewusst vernachlässigt. Schließlich würde der enge Branchenbedarf das Kernprinzip des Imports hoher Lernfähigkeit gleich wieder unterlaufen. Denn was in der Bilanz zusätzliche neue Arbeit bringt, sind ja nicht heute ausgewiesene offene Stellen, sondern die unbekannten Neugründungen und Umrüstungen von morgen, was für die Vereinigten Staaten des Zeitraums 1992 bis 2005 auch empirisch belegt ist (Haltiwanger et al., US Census Bureau, 08/2010). Jeder Vierte dieser Neuunternehmer stammt aus der Fremde, wobei Aschkenasen und Ostasiaten überrepräsentiert sind.

Wir müssen Einwanderer holen, die morgen zu uns passen

Selbst in Kanada wird der Sinn des Punktesystems nicht von allen verstanden. Immer wieder werden mehr Gärtner und weniger Hochschulabsolventen verlangt. Diese Stimmen bemängeln, dass von zehn Studierten aus der Fremde gut die Hälfte jenseits ihrer Fachqualifikation tätig sind. Solange aber die Spitze in Ottawa begreift, dass es gerade diese Überqualifizierung ist, die zur Not für den grüneren Daumen sorgt und den einheimischen Gärtnern schon zeigen wird, was eine Harke ist, bleibt Kanada auf Kurs. Natürlich lässt sich jemand rekrutieren, der nur Garten kann. Doch wenn er beim nächsten Eliteschub aus der Fremde daraus vertrieben wird, muss er teuer umgeschult oder den Rest seines Lebens versorgt werden. Gleichwohl soll dieses verengte Kriterium zum zweiten Standbein der deutschen Anwerbepolitik werden: „Wir brauchen Einwanderer, die zu uns passen.“ Entscheidend sei, „in welcher Branche, in welcher Region welche Fachkraft in drei Jahren fehlen wird“ (Arbeitsministerin von der Leyen).

Auch auf Deutschlands erstem Standbein mögen die Nordamerikaner nicht marschieren. Dabei geht es um das Hereinholen von Bildungsfernen aus der Fremde für Hartz-IV-finanzierte Elternschaften bei uns. Ihre Kinder und Enkel sollen dann bis zum achtzehnten Lebensjahr für rund 200 000 Euro pro Kopf auf ein höheres Bildungsniveau gehoben werden. Die Kanadier verwerfen dieses Verfahren nicht allein wegen des immensen und niemals amortisierbaren Lohnvorschusses. Sie wissen aus eigenen Versuchen, dass die meisten Kinder selbst aus den besten Krippen mit mehr Aggressivität und entsprechend weniger Schulfähigkeit herauskommen.

Ein freier Unternehmer, der die Regierung um Modernisierung seines im Preis gerade abstürzenden Betriebes anfleht, wäre eine Nummer fürs Kabarett. Die Bitte eines freien Arbeiters um staatliche Modernisierung seines Kopfes, damit der weiter Lohn einbringt, provoziert hingegen nur selten Gelächter. Abhängige Arbeit ist aber dadurch definiert, dass sie ohne Pfand und Zins Zugang zu Geld verschafft. Damit das gelingt, muss allerdings ein anderer Eigentum verpfänden und Zins versprechen, um an das Geld zu kommen, das er dann als Lohn weiterreicht. Deshalb gehen die besten Löhne an Kräfte, die Arbeit so innovativ organisieren können, dass der vom Unternehmen geschuldete Zins auch verdient werden kann. Das kann nur funktionieren, wenn Arbeiter ihre Qualifikation ebenso rastlos modernisieren wie die Unternehmer ihren Betrieb. Je höher nun der Anteil dieser Modernisierungsfähigen unter den Arbeitskräften ausfällt, desto konkurrenzfähiger agiert die betroffene Nation und desto eher kann von der abhängigen Erwerbstätigkeit ins Unternehmertum gewechselt werden.

In Deutschland sinkt die Zahl junger Hochschulabsolventen dramatisch

Deshalb ist es kein Zufall, dass Kanada im Jahre 2009 mit 55,8 Prozent Hochschulabschlüssen bei den Vierundzwanzig- bis Fünfunddreißigjährigen die Weltspitze hält (College Board, Juli 2010), während in Deutschland der Bevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss von den Vierundfünfzig- bis Fünfundsechzigjährigen hin zu den Vierundzwanzig- bis Fünfunddreißigjährigen abrutscht – und zwar von 23,1 Prozent auf 22,6 Prozent.

Nun ist der Aussagewert internationaler Vergleiche strittig, weil unterschiedliche Systeme gegeneinandergestellt werden. Deshalb soll die Schweiz mit einem ähnlich strukturierten Bildungssystem betrachtet werden. Unter den Vierundfünfzig- bis Fünfundsechzigjährigen liegen beide Länder bei den Hochschulabsolventen noch fast gleichauf: 25,6 Prozent in der Schweiz zu 23,1 Prozent in Deutschland. Bei den Vierundzwanzig- bis Fünfunddreißigjährigen aber legt die Schweiz – auch mit Hilfe von Zuwanderern aus dem Norden – wuchtig auf 35 Prozent zu, während Deutschland auf eben jene 22,6 Prozent absinkt.

Man versteht in Berlin noch zu wenig, dass reiche Länder immer durch überschießendes, also vom aktuellen Arbeitsmarkt noch gar nicht nachgefragtes Neuerungspotential ausgezeichnet sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg liefert dafür die Bundesrepublik ein Beispiel, die durch zehn Millionen Flüchtlinge nicht etwa verarmt, sondern aufblüht. Die geschäftsfähigen Innovationen entspringen also großzügig bemessenen kritischen Mengen heller Köpfe. Niemals kann es davon zu viele geben. Gerade bei hoher nationaler Arbeitslosigkeit möglichst viele davon aus aller Welt anzuwerben ist das Mittel der Wahl für ihre Bekämpfung. Weil Ottawa das erfasst, formuliert sein Einwanderungsminister Jason Kenney ganz anders als die deutsche Führungsebene: „Kanada hat heute die dynamischste Wirtschaft und die stabilste finanzielle Lage der entwickelten Welt. Zugleich sind wir die einzige entwickelte Nation, die selbst während der Krise die Zahl ihrer Einwanderer nicht etwa einfriert oder gar kürzt, sondern bewusst steigert.“

Dennoch kann auch dieses Land die Rennpiste niemals verlassen. Da Positionen nicht dauerhaft, sondern immer wieder durch Siege in der Arbeitsmarktkonkurrenz zu verteidigen sind, müssen die besten Gebärjahre zwischen 15 und 35 für Lernen und Karriere eingesetzt werden. Deshalb wird mit 1,58 Kindern pro Frauenleben unter 225 untersuchten Staaten und Territorien nur Rang 183 erreicht. Deutschland landet mit 1,41 Kindern auf Rang 198.

Mit einem Durchschnittsalter von gut vierzig Jahren überschreitet Kanada den globalen Mittelwert von 28 Jahren dramatisch. Sein Bevölkerungsanstieg von 14 Millionen im Jahre 1950 auf 34 Millionen heute hat seine Alterung zwar verlangsamen, aber niemals umkehren können. Unter 153 untersuchten Nationen liegt es auf Platz 135. Dass Deutschland mit fast 44 Jahren auf dem 151. Platz landet, kann die Kanadier nicht trösten. Es intensiviert aber ihre Anstrengungen für die Anwerbung unserer Besten. Die wiederum bleiben interessiert, weil ihnen hier lediglich die Versorgung der höheren Jahrgänge garantiert wird, das Entkommen vor eigener Altersarmut aber nicht. Deshalb werden in den demographischen Prognosen die Hochqualifizierten mehrmals gezählt. Während die eine Nation darauf rechnet, ihre rare Jugend behalten zu können, wird sie auch schon in den Büchern der Länder geführt, die für das Verlangsamen der eigenen Schrumpfvergreisung besser aufgestellt sind. Viel spricht dafür, dass Deutschlands Prognosen, die so viel Sorge bereiten, noch viel zu optimistisch ausfallen. Eine nachhaltige, also ohne Kannibalisierung anderer OECD-Partner auskommende Lösung aber kennt auch Kanada noch nicht. Eben deshalb wird so mitleidlos weggeputzt, wer mehr dazu neigt, gefressen zu werden, als selbst zuzuschnappen.

Gunnar Heinsohn lehrt Sozialwissenschaften an der Universität Bremen.

Quelle: F.A.Z.
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