29.05.2007 · Mit den Reaktionen der Zuschauer befassen sich die Sender nicht gerade im Übermaß. Vor allem nicht mit der Kritik. Die Umstellung der Inhalte aufs Internet führt jedoch dazu, dass die Wünsche des Zuschauers mehr Gehör bekommen.
Von Leif Kramp und Stephan Weichert„Wie kann RTL eine Person wie Bohlen, die sich im hohen Mannesalter benimmt wie ein - vorsichtig formuliert - Pubertierender, auf den Bildschirm lassen und dafür noch fürstlich honorieren???“, fragt L.G. aus Berlin. JGB ärgert sich über das DSF „Sportquiz“: „Diese ,Sendung' ist z.Zt. wohl die größte Abzocke im bundesdeutschen TV.“ Chris, auch aus Berlin, rät, „man solle sich nur die Menschen ansehen, die den Schrott gucken, danach wird produziert.“ Aus Rastatt schreibt Thomas resigniert: „Inzwischen betrachte ich ja das Fernsehen (bis auf wenige Ausnahmen) als reine Zeitverschwendung.“ Und während zero1414 fragt, ob es nicht so sei, „dass die ÖR für ihre Hotlines (Gewinnspiele etc.) eigentlich keine Gebühren erheben dürfen, weil diese bereits mit der Rundfunkgebühr abgegolten“ seien, meldet sich jkr aus Sachsen zu Wort: „Es gibt Tage, an denen erwache ich frühmorgens und freue mich, dass ich ,Telekolleg Mathematik' im TV sehe. Und wieso freue ich mich? Weil das wahrscheinlich noch das sinnvollste Programm im deutschen Fernsehen zu sein scheint.“
Schimpfen, fragen, fordern, meinen, stänkern: Es ist aufschlussreich, was die Nutzer des Zuschauerportals der Landesmedienanstalt des Saarlandes www.programmbeschwerde.de über die deutsche Fernsehkultur zu sagen haben, vor allem mit welchen Fragen sie Fernsehmachern auf die Pelle rücken. Die Landesmedienanstalt betreibt das Internetportal seit drei Jahren. Durchschnittlich dreißig Beschwerden treffen monatlich in Saarbrücken ein, hinzu kommen bis zu zwanzig informelle Forumsbeiträge pro Monat. Aufgerufen wurde das Portal im vergangenen Jahr rund 29.000 Mal. Hier geht es nicht nur um Kritik, sondern um echte Beschwerden. Diejenigen, die sich an das öffentlich-rechtliche Programm richten, werden allerdings erst gar nicht bearbeitet, schließlich sind die Landesmedienanstalten nur für die Privatsender zuständig. Und da die saarländische Behörde offiziell nur einen einzigen regionalen Privatsender (Saar TV) betreut, geht das Gros der Anfragen weiter in die übrigen Bundesländer.
Zu hoher Aufwand?
Die Intiative ist klein, fein und nicht unumstritten. Norbert Schneider, Vorsitzender der Gemeinsamen Stelle Programm der Landesmedienanstalten, hält eine unabhängige Zuschauerorganisation für überflüssig und hat auch bezüglich des saarländischen Portals Zweifel: „Meine Erfahrung ist, dass sich dabei zu viel an nicht nachvollziehbaren Kritiken ergibt und der Aufwand, die richtigen herauszufiltern, zu hoch ist“, sagt Schneider und fügt hinzu: „Wir machen so etwas in Düsseldorf nicht. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass wir damit eine große Protestwelle im Keim erstickt hätten.“ Auch glaube er, dass die Kontrollinstitutionen in Deutschland hinreichend aufgestellt seien, die wesentlichen Probleme in den Griff zu kriegen.
Für Stephan Wels, Redaktionsleiter des NDR-Magazins „Panorama“, spielen Rückmeldungen der Zuschauer indes seit je eine wichtige Rolle: „Oftmals sind die Reaktionen nach polarisierenden Stücken zwar sehr heterogen, dennoch stoßen wir oft auf Argumente, die uns nachdenklich machen: Haben wir diese oder jene Sichtweise ausreichend beleuchtet, hat das Stück überhaupt das Interesse beim Zuschauer gefunden?“ Um investigatives Fernsehen machen zu können, sei man auf Hinweise des Publikums für weiterführende Recherchen angewiesen - ein allseits erwünschter „Aktenzeichen XY“-Effekt.
Kompliziertes Verfahren
Zuschauerreaktionen können im Einzelfall also durchaus sinnvoll auf das Programm einwirken, auch wenn sich viele Sender bisweilen eher stiefmütterlich darum kümmern. Es gibt nur wenige Stellen in Deutschland, wo Zuschauer ihre Meinung loswerden, um Rat fragen oder mittelbar auf Inhalte Einfluss nehmen können. Erste Anlaufstelle ist meist die Zuschauerredaktion des jeweiligen Senders, doch ist eine eigenverantwortliche Bearbeitung von Publikumsbelangen, obwohl gesetzlich geregelt, ein behäbiges und vor allem kompliziertes Verfahren. Weil die öffentlich-rechtlichen Sender durch Aufsichtsgremien mit Vertretern gesellschaftlicher Gruppen kontrolliert werden, ist für ARD und ZDF keine zusätzliche übergreifende Ombudsstelle vorgesehen.
Zuständig für private Programmanbieter sind die Landesmedienanstalten, die das Programm stichprobenartig kontrollieren. Wer als Zuschauer sachdienliche Hinweise übermitteln möchte, braucht Zeit und Nerven, um den passenden Ansprechpartner zu finden, zumal sich die Zuständigkeit der Landesmedienanstalten nicht geographisch nach dem Hauptsitz der Sender, sondern nach deren ursprünglicher Zulassungsstelle richtet. So ist für RTL aus Köln nicht die nordrhein-westfälische Landesmedienanstalt zuständig, sondern die niedersächsische und für den Münchner Sender Pro Sieben nicht die bayerische, sondern die in Berlin. Und dann gibt es noch die Kommission für Jugendmedienschutz der Medienanstalten mit dem unschönen Kürzel KJM. Aber wer soll sich das merken, wenn die Anlaufstellen selbst auf den Internetseiten der Sender kaum zu finden sind?
Mangel an einer zentralen Vertretung
Eine zentrale Publikumsvertretung wäre schon deshalb sinnvoll, weil die jeweiligen Sender die Reaktionen auf ihr Programm höchst unterschiedlich und mitunter gar nicht bearbeiten. In Großbritannien ist das anders, dort vertritt die Zuschauerorganisation Voice of the Listener and Viewer (VLV) die Interessen der Fernseh-Nation. Selbst in Estland werden beim Estonian Press Council, einem Zusammenschluss mehrerer Presse- und Medienverbände, nicht nur eingegangene Programmbeschwerden, sondern auch ihr Bearbeitungsstand und deren etwaige Konsequenzen publik gemacht. Kürzlich hatte sich die „Vereinigung der Rundfunkgebührenzahler e.V.“ (VRGZ) vorgenommen, den deutschen Fernsehzuschauern ein „Ansprechpartner“ bei Programmsünden und „Mahner der staatlichen und bestellten Organe“ zu sein, besser gesagt: vergeblich vorgenommen. Denn so plötzlich die Gebührenzahler-Vertretung auf der Bildfläche erschien, verschwand sie in der Versenkung - wegen interner Querelen, heißt es.
Was bleibt, ist ein Potpourri von privaten Initiativen und offiziellen Stellen. Portale im Internet wie das der saarländischen Landesmedienanstalt könnten die Kritik bündeln - wenn sie sich zur Aufgabe machten, Zuschaueranfragen zu allen Sendern aufzunehmen. Das wär auch für die Sender vorteilhaft: Millionen könnten eingespart werden, ließe sich durch ein übergreifendes Stimmungsbild doch so manches Programmexperiment absichern - oder verhindern. Sabine Knott, Leiterin der ARD-Zuschauerredaktion, schätzt die Beteiligung der Zuschauer als Frühwarnsystem: „Wenn Fehler geschehen oder wenn Sendungen nicht funktionieren, bekommen wir dies durch den direkten Draht zu den Zuschauern sehr schnell mit. Die Reaktionen unseres Publikums dienen unserer Medienforschung auch dazu, die nackten GfK-Zahlen zu interpretieren.“ Knott und ihre Kollegen bearbeiten monatlich 16.000 Zuschauerreaktionen.
Dem Zuschauer gebührt Gehör
Die Sender - die öffentlich-rechtlichen zumal - sollten sich etwas einfallen lassen in Zeiten, in denen Videoclips bei YouTube Einfluss auf Präsidentschaftswahlen nehmen. Welcher - jüngere - Zuschauer lässt sich schon von Florian Silbereisen in den Samstagabend lullen, wenn er virtuelle Partys mit den Red Hot Chili Peppers, Jan Delay und Nelly Furtado feiern kann? Wozu überhaupt ein statisches Programm, wenn man sich die Kinohits bei Amazons Videoportal „Unbox“ herunterladen oder seine Lieblingsserie per Videostream anschauen kann? Der interaktive Rückkanal - auf den hiesige Sender nun mit aller Macht setzen, da das ZDF bis Herbst die Hälfte des Programms online haben will -, scheint bei den Programmchefs ein Umdenken zu bewirken. Die Überheblichkeit, mit der sie sich bisher vom Publikum abgewendet haben, wird eher früher denn später der Einsicht weichen, dass dem Zuschauer mehr Gehör gebührt.
das beste am fernsehen
jörg bausch (A_K_O_A)
- 30.05.2007, 00:33 Uhr