03.11.2002 · Um für MTV ein Konzert ohne elektrische Verstärkung zu geben, hat sich das Berliner Punkpop-Trio Die Ärzte in einer Schule verschanzt.
Von Fridtjof Küchemann„Die Tropfsteinhöhle war einfach schon vergeben“, sagen die Ärzte vor ausgesuchten Schülerzeitungsredakteuren. Als das fröhliche Punkpop-Trio aus Berlin - wie vor ihm in Deutschland gerade einmal Herbert Grönemeyer und die Fantastischen Vier - vom Musikfernsehsender MTV zu einer „Unplugged“-Produktion eingeladen worden waren, sollte es schon etwas Besonderes sein.
Das hatten sich vor zwei, drei Jahren auch die vier Stuttgarter gesagt und MTV zu einer entrückten Aufnahme in besagte Höhle geführt. Zum Glück ist Farin Urlaub, Bela B. und Rodrigo Gonzalez dann doch noch etwas eingefallen: Es sollte eine Schule sein, in der sie das „Unplugged“-Paket (Fernsehshow, Tonträger und Video) aufnehmen wollten. Das Programm des Fernsehsenders stand an diesem Wochenende ganz im Zeichen der Ärzte, und am Montag kommt das Album zur Show in den Plattenläden.
Die Brandschatzung blieb aus
Dass es zwischen Popularmusik und Lehranstalt schon seit Ewigkeiten knistert, belegen nicht nur Pink Floyd und AC/DC. Von den Ramones ist aus dem Jahr 1978 ein Film namens „Rock 'n' Roll High School“ überliefert, in dem die südkalifornische Vince Lombardi High nach einigem Hin und Her dem Erdboden gleich gemacht wird. „Rock 'n' Roll Realschule“ heißt jetzt das Projekt der Ärzte, und das Hamburger Albert-Schweitzer-Gymnasium wird gewusst haben, worauf es sich einlässt. Schließlich bekam es den Zuschlag, weil die Musikerziehung im besonderen Interesse seiner Ausbildung steht. Dadurch verfügt die Schule über ein gut sortiertes Schülerorchester mit hübschen Schülerorchester-Uniformen.
Und das ist auch schon fast die ganze Geschichte. Mit Begeisterung und jener Ärzte-typischen Mischung aus Charme und Verrätertum entwickelt das Trio eine Motivkette mit Überlänge: Nur Schülerzeitungsredakteure werden mit einem Schulbus in einen schuleigenen Chemieraum gebracht, in dem die Ärzte ihre einzige Pressekonferenz zu dem Projekt abhalten. Das Konzert wird vor Freunden und durch verschulte Tests ermittelte Ärzte-Experten in der Hamburger Schulaula aufgezeichnet.
Heiliger Ernst und Heidenspaß
Natürlich tragen auch die Ärzte die Schuluniformen. Natürlich hat der Musikoberarzt unter den Ärzten mit dem Dirigenten unter den Musiklehrern der Schule gemeinsame Sache gemacht und die Songs für großes Orchester arrangiert. Und natürlich ist einerseits das leicht linkische Gebaren der Backgroundsängerinnen und Solisten rührend, jener heilige Ernst, mit dem die jungen Leute bei der Sache sind, während sich andererseits die Ensembleleistung des Klangkörpers durchaus sehen lassen kann.
Hätten sich die Ärzte mit einem der zahlreichen Ensembles ihrer Zunftkollegen in Weiß eingelassen, wäre der Spaß wohl nur halb so groß gewesen. Und gut, dass die Tropfsteinhöhle schon vergeben war.