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Zur Eröffnung der Buchmesse : Die Buchmesse als ehrlicher Makler

Zwei Länder, viele Gemeinsamkeiten: Flandern und die Niederlande sind der Ehrengast der Buchmesse in Frankfurt. Bild: dpa

Bücher reichen nicht mehr fürs Geschäft. Wenn sie ihre Aussteller- und Besucherzahlen halten will, ist die Buchmesse gezwungen, die Grenzbereiche des Buchhandels einzubeziehen. Die Messe setzt nun auch aufs Bild.

          An diesem Dienstagabend wird die Frankfurter Buchmesse feierlich eröffnet, und schon vorher gibt es die Eröffnungspressekonferenz, die von der Messe neuerdings als programmatisches Forum genutzt wird - kein Wunder angesichts Hunderter anwesender Journalisten. Im vergangenen Jahr lud man dazu eigens den Schriftsteller Salman Rushdie als Redner ein, und prompt sagte deshalb Iran seine Messeteilnahme ab, weil das Mullah-Regime den britischen Schriftsteller für gottlos und die Fatwa, die Rushdie wegen seines 1988 erschienenen Romans „Die satanischen Verse“ mit dem Tod bedroht, immer noch für gültig erachtet. Die Messe stand also heroisch da mit diesem Einsatz für die Meinungsfreiheit, und die ganze literarische Welt blickte schon einen Tag früher als üblich auf Frankfurt.

          Diesmal sind die Iraner wieder dabei, und das große politische Thema dieser Messe wird, das ist jetzt schon erkennbar, die Türkei sein. Das dortige Kulturministerium hat einen Gemeinschaftsstand für türkische Verlage organisiert, aber auf dem fand natürlich nur Platz, wer als staatstreu gilt. Wobei es etliche Verleger gibt, die auf eigene Faust nach Frankfurt kommen, obwohl manche ihrer Autoren im Gefängnis sitzen. Auch das wird sicher Gegenstand der Eröffnung der Messe sein.

          Grenzbereich des Buchhandels

          Breitenwirksamen Trubel dort garantiert nach Rushdie diesmal David Hockney. Sein Auftritt als Redner ist nicht kontrovers, der neunundsiebzigjährige britische Maler gilt allgemein als einer der Größten der zeitgenössischen Kunst. Streit dürfte er mit seinen Worten nicht auslösen. Die Messe setzt auf Hockneys Prominenz - und auf seinen Ruf als stets neugieriger Maler, der sich gerade in den letzten Jahren auf die neuesten elektronischen Trends eingelassen hat und zum Beispiel etliche Bilder auf dem iPhone gemalt hat. Deshalb ist aus Messesicht niemand besser als Hockney geeignet, einen Schwerpunkt des Frankfurter Spektakels zu verkörpern: das in diesem Jahr erstmals veranstaltete Programmsegment „The Arts+“.

          Diese „Messe in der Buchmesse“, wie sie beworben wird, ist der Versuch, ein neues Feld in einem sonst weitgehend stagnierenden Markt zu erschließen. Der vielfach vorhergesagte Siegeszug der E-Books ist nicht eingetreten; außer in den Vereinigten Staaten hat das elektronische Publizieren nirgendwo dreißig Prozent des Umsatzes im Buchhandel überschritten, und dieser Anteil wurde schon vor zwei Jahren erreicht, seitdem sind die Zahlen in Amerika rückläufig. Auf dem deutschen Markt machen E-Books nicht einmal fünf Prozent aus. Mehr gedruckte Bücher werden trotzdem nicht verkauft, der Konzentrationsprozess in der Branche ist in vollem Gange, so dass die Frankfurter Messe gezwungen ist, die Grenzbereiche des Buchhandels einzubeziehen, wenn sie ihre Aussteller- und Besucherzahlen halten will. Diesem Zweck dient nun auch „The Arts+“.

          Mehr Konferenz als Marktplatz

          Der Gedanke hinter dem neuen Segment ist, dass Publizität längst mehr bedeutet als nur Bücher. Für die Flut von Websites im Netz werden auch entsprechende Massen an Bildern benötigt, und zuverlässigster Bildlieferant ist nun einmal die Kunst, sofern man sie nur weit genug versteht, also von Design über die klassischen bildenden Künste bis hin zur Fotografie. „The Arts+“ will vor allem Bildanbieter wie Museen oder Künstler selbst mit potentiellen Kunden zusammenbringen; im Rahmen des Programms des Schwerpunkts werden Vorträge und Diskussionen abgehalten, so dass man sich eher an eine Konferenz erinnert fühlt als an einen Marktplatz. Aber die Buchmesse versteht sich längst nicht mehr nur als Handelsplatz, sondern auch als Kontaktbörse zwischen all jenen, die am Publikationsgeschäft irgendwie beteiligt sind.

          Sie nimmt damit auf, was auch der Literatur selbst gerade widerfährt: eine inhaltliche Ausweitung. Die Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan hat in der vergangenen Woche ein Schlaglicht darauf geworfen, und beim Deutschen Buchpreis war jetzt entgegen den Regularien ein autobiographischer Erfahrungsbericht nominiert. Die Grenzen zwischen Belletristik und Sachbuch, zwischen Memoiren und Biographien, zwischen Essays und Dokumentationen verschwimmen. Solange dem Publikum dadurch stilistische und inhaltliche Herausforderungen geboten werden, ist gar nichts dagegen zu sagen. Nur wird die Bestimmung dessen, was Literatur sein soll, immer schwieriger, was auch eine Folge der Auflösung der tradierten Formen durch das Publizieren im Internet ist.

          Das betrifft auch das klassische Verständnis „engagierter Literatur“, die immer mehr in bloß enragiertes Schreiben abzudriften droht. Wobei die Buchmesse sich selbstbewusst als Forum für gleichberechtigten Austausch begreift. Durch ihre vielfältigen internationalen Aktivitäten - Messepartnerschaften, Übersetzungsförderung, Weiterbildung, Kulturvermittlung - nimmt sie im Ausland mittlerweile eine Rolle ein, die für Deutschland zuletzt Bismarck beansprucht hatte: die des ehrlichen Maklers. Es geht dabei heute zwar „nur“ um Fragen der Kultur. Aber auch die sind ökonomisch und politisch relevant.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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          Quelle: F.A.Z.

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