Für alle, die keine Überraschungen mögen, kursieren im Internet-Mitteilungsdienst Twitter inzwischen sämtliche bevorstehenden Weltuntergangstermine. Und die abgelaufenen dazu. Das ist eine ansehnliche Endzeitenliste, beginnend 4990 vor Christus mit einem Jahwe-Zitat aus dem ersten Buch Moses und endend mit dem astronomisch hochgerechneten Datum von 4,5 Milliarden Jahren, wenn die Sonne dereinst zum Roten Riesen aufgeblasen sein wird und unsere geliebte Erde wie ein Pollenkorn im galaktischen Feuersturm verschwindet. Bald dreihundert Termine sind es, und mindestens vier Fünftel davon hat das Schicksal, dieses unberechenbare Ungeheuer, schon unerledigt verstreichen lassen.
Von vergangenen Reklameschlachten
Der nächste Termin ist bekanntermaßen die Wintersonnenwende dieses Jahres. Konkret wird diese Prophezeiung in zwei von Tausenden Übersetzungen des verstaubten Maja-Kalenders überliefert. Und wie immer, wenn es konkret schlechter zu werden droht, muss man als Optimist dem etwas konkret Verheißungsvolles entgegensetzen. Etwas mit Endzeitneutralisierungspotential. Der Bund, genauer: das Forschungsministerium, hat sich da nicht lumpen lassen und für dieses Jahr ein fulminantes mentales Mobilisierungsprogramm aufgelegt. Bürgerkonferenzen zur Nachhaltigkeit quer übers Land sollen den Grundlagen unserer Überlebensfähigkeit auf den Grund gehen. Die wahre Alternative zur Apokalypse aber heißt: „Zukunftsprojekt Erde“. Unter diesem Titel steht das Wissenschaftsjahr 2012, das dreizehnte immerhin. Wir erinnern uns: Früher hat das Ministerium zusammen mit den Forschungsorganisationen seine Reklameschlachten für unterschätzte und ungeliebte, oft verkannte Studierfächer gefochten: für Physik, Chemie, Mathematik, Technik und für die Geisteswissenschaften.
Jetzt also zieht man auf die Marktplätze und schickt Wissenschaftslehrschiffe über die Wasserstraßen, um endlich das zu tun, was der Wissenschaft wirklich zur Ehre gereicht: die Überwindung der Endzeitstimmung. So etwas Großes vorzubereiten bedarf selbstverständlich einiger Koordination, weswegen inhaltlich zu dem laufenden Anmeldeverfahren noch nicht viel zu sagen ist. Da man die anberaumte Erdrettung offenbar jedoch als Projekt behandelt sehen will, kann man das Ministerium nur warnen: Mit den üblichen Knauserzeitverträgen braucht man sich dem Untergang erst gar nicht entgegenzustemmen. In den kommenden 4,5 Milliarden Jahren sind schon noch ein paar Apokalypsetermine frei.