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Zum Tode Werner Muensterbergers : Er kannte James Deans Träume

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Eine Profession war ihm nicht genug. Werner Muensterberger war nicht nur der Psychoanalytiker von James Dean und Marlon Brando, sondern auch ein großer Kunstkenner und Autor. Jetzt ist er im Alter von 97 Jahren gestorben.

          Sein Leben umspannte fast ein ganzes Jahrhundert und kreuzte die Wege von Persönlichkeiten wie Pablo Picasso, Sigmund Freud und Walt Disney, Heinz Berggruen, Louise Bourgeois, Konrad Kujau und Nelson Rockefeller. Auf der Couch in Werner Muensterbergers New Yorker Psychoanalyse-Praxis lagen, unter anderen, die Schauspieler Danny Kaye, Laurence Olivier, James Dean und Marlon Brando.

          Noch vor kurzem antwortete er auf die Frage, ob er wisse, was James Dean geträumt hat, selbstverständlich: „Ja“. Aber auch mehr als fünfzig Jahre nach dem Tod seines Patienten wollte er ebenso selbstverständlich kein Wort davon preisgeben. Nachdem sein Buch über das „Sammeln, eine unbändige Leidenschaft“ zuerst 1994 auf Englisch erschienen war, suchten ihn vermehrt Sammler in seiner Praxis auf. Bis kurz vor seinem Tod am 6. März betreute er als Psychologe noch Patienten in seinem New Yorker Behandlungszimmer.

          Geboren am 15. April 1913 als Sohn eines Fabrikanten in Dortmund, verbrachte Werner Muensterberger den Ersten Weltkrieg und auch sonst viel Zeit bei seiner holländischen Großmutter in Zandvoort und wuchs dadurch zweisprachig auf. Ihr zuliebe besuchte er gelegentlich eine Synagoge, aber er war sein Leben lang Agnostiker. Noch keine zehn Jahre alt, beeindruckte ihn der Besuch bei einem Verwandten seiner Mutter, dem Baron Eduard von der Heydt aus der Elberfelder Bankier- und Kunstsammlerfamilie; denn hier gab es Kunst der Moderne, aus China und Afrika zu bewundern.

          Die afrikanische Kunst ließ ihn nicht mehr los, und sein Buch „Sculpture of Primitive Man“ aus dem Jahr 1955 widmete er Eduard von der Heydt. Dann, als Schüler der Odenwaldschule, machte Muensterberger die Bekanntschaft von Klaus Mann, der ein paar Jahre älter war als er selbst.

          Geselligkeit am Lago Maggiore

          Er war stolz darauf, dass sich ausgerechnet dessen Vater Thomas Mann lobend über seine Sprache äußerte. Auch nach mehr als sechzig Jahren im angloamerikanischen Raum sprach Muensterberger akzentfrei Deutsch, freute sich über Ausdrücke wie „in Bälde“ oder „totschweigen“, aber er fluchte am liebsten auf Holländisch.

          Von der Heydt lud seinen jungen Freund immer wieder auf den Monte Verità bei Ascona ein. Hier verbrachte Muensterberger seit Anfang der dreißiger Jahre einige Sommer und lernte am Lago Maggiore illustre Gäste wie Hjalmar Schacht kennen, den Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsidenten, der später Mitverschwörer des 20. Juli wurde, und den Kunsthändler Charles Ratton, der eine bedeutende Sammlung afrikanischer Kunst hatte und seine Galerie in Paris zum Forum der Surrealisten machte: Bei Ratton stellte, zum Beispiel, 1936 Meret Oppenheim zum ersten Mal ihre „Pelztasse“ aus.

          Forschung zu indonesischen Schöpfungsmythen

          Die Künstlerin zählte fortan auch zu Muensterbergers engen Freunden. Aus dem Asconeser Kreis kannte der junge Muensterberger Eckardt von Sydow, Professor für „Primitive Kunst“, gleichzeitig Psychoanalytiker in Berlin. Sydow war der wesentliche Grund dafür, dass er nach nur einem Semester Medizin an der Universität Heidelberg nach Berlin zog, um auf Ethnologie umzusatteln und eine Ausbildung am psychoanalytischen Institut dort zu machen.

          Die Zeiten waren grimm, 1935 musste Muensterberger Berlin verlassen. Er zog nach Holland, in seine zweite Heimat. Die Studien der Ethnologie in der alten Universitätsstadt Leiden führten ihn 1939 nach Indonesien, und er wurde dann in Basel promoviert, mit einer Dissertation über indonesische Schöpfungsmythen. Eine weitere Doktorarbeit in Kunstgeschichte verfasste er über den italienischen Einfluss auf die Schule von Utrecht.

          Jahrelang im Versteck

          Über die Jahre des Zweiten Weltkriegs, die Muensterberger vor allem in Amsterdam verbrachte, sprach er kaum und sagte nur, dass er bei Kriegsende noch 85 Pfund gewogen habe. Aber seine Freunde wissen, dass er Autoreifen von deutschen Militärfahrzeugen aufgeschlitzt hat und sich schon allein dadurch in Lebensgefahr brachte; er musste mehr als einmal vor der Gestapo fliehen.

          Seine engste Freundin, die später berühmte Schauspielerin Elisabeth Andersen, rettete ihm das Leben, indem sie ihn zwischen 1942 und 1945 unter abenteuerlichen Bedingungen in Amsterdam im Haus an der Herculesstraat Nummer 10 versteckte. Nach dem Krieg arbeitete Muensterberger als Kurator am Stedelijk Museum und organisierte unter anderem eine Ausstellung mit Zeichnungen van Goghs, die er noch persönlich im Haus des Neffen vorfand, als er eine Schachtel unter dessen Bett hervorzog.

          Nur im temporären Ruhestand

          Zwischen 1947 und 1951 lehrte Muensterberger als Dozent für Ethnopsychoanalyse an der New Yorker Columbia University. Danach wurde er Professor für Ethnopsychiatrie an der New York State University. Sein Feld erklärte er dem Laien gern mit zwei Beispielen: „Chinesische Patienten haben Symptome, die wir hier nicht so kennen. Die Angst vor Intimität ist enorm. - Westafrikaner küssen nicht.“

          Im Jahr 1974 zog er mit seiner dritten Frau nach London; aber der Ruhestand war nicht von Dauer. Zurück in New York, eröffnete Muensterberger 1985 eine Privatpraxis, die er bis kurz vor seinem Tod führte. Bis zum Schluss arbeitete er außerdem an seinem letzten Buch, das den Titel „Fälscher auf der Couch“ tragen soll: „Sie betrügen nicht nur den echten Künstler, sondern - was sehr wichtig für diese Leute ist - auch den Experten: die ideale Vaterfigur.“

          Quelle: F.A.Z.

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