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Zum Tode von Sergio Pininfarina Die Reifenprüfung

 ·  Kann Automobildesign je schöner werden? Er schuf Formen, die nur der Natur - und auch ihr nur an guten Tagen - gelingen: Zum Tod des Sportwagengestalters Sergio Pininfarina.

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© AP Auf Augenhöhe mit zeitloser Anmut: Sergio Pininfarina betrachtet 1959 in Turin einen Ferrari 400 Superamerica, der wiederum ihn zu betrachten scheint

Man muss mit seinem Vater beginnen. Battista Farina, genannt „Pinin“, der Kleine, gründete 1930 in Turin eine Karosserieschmiede - in einer Zeit, in der sich gutsituierte Automobilisten in einer Autofabrik nur ein Chassis mit Motor kauften und sich bei Leuten wie Farina eine Karosserie nach ihren Wünschen schneidern ließen, um das zu vermeiden, was heute alle Golf- und Škoda-Fahrer plagt: auf einem Parkplatz neben achtzehn baugleichen Autos zu stehen und umständlich auf dem Kennzeichen nachsehen zu müssen, welches wohl das eigene ist. Farina war ein Formkünstler, der Blech zu einmaligen Porträts bog - und später mit eigenen Entwürfen für die Kleinserienproduktion von Cisitalia- und Ferrari-Sportwagen berühmt wurde. Einer seiner Entwürfe steht im New Yorker Museum of Modern Art: Zu Recht, denn vielleicht sind italienische Sportwagen für das zwanzigste Jahrhundert das, was römische Renaissanceskulpturen für ihre Zeit waren - die Formen, mit denen Geldadel und Machthaber ein gut sichtbares Zeichen ihres Geschmacks setzten.

Als Battista Pininfarina 1966 starb, hatte sein 1926 geborener Sohn Sergio schon an zahllosen legendären Entwürfen mitgearbeitet. Mit dem Alfa Romeo Duetto Spider begann die Ägide des Sohns - jenem Wagen, den Dustin Hoffman als Ben in dem Film „Die Reifeprüfung“ fährt. Hätte er, statt in dem roten Pininfarina-Cabrio, die Nachbarstochter Elaine in einem knatternden Chevy Corvair abgeholt, hätte sie im dramatischen Finale des Films wohl nicht ihren Bräutigam unter entschlossener Zerstörung eines Kreuzes vor dem Altar stehengelassen und mit Ben die Flucht ergriffen. Ohne Pininfarina gäbe es ein paar amerikanische Helden weniger: Thomas Magnums Ferrari308 - ein Entwurf von Pininfarina. Sunny Crocket fährt in „Miami Vice“ zwei Pininfarinas, erst einen Ferrari Daytona, dann einen weißen Testarossa, dessen hintere Kotflügel aussahen wie die autogewordenen Schulterpolster seines Leinensakkos.

Wie ein Ufo auf der Straße

Sergio Pininfarina verstand sich nicht nur als Designer, sondern auch als Unternehmer, der die besten Talente in seinem Atelier versammelte; kaum ein wichtiger italienischer Automobilgestalter, der nicht bei und von Pininfarina lernte. Sergio Pininfarina blieb trotz einiger Extravaganzen den Formmaximen seines Vaters treu: Eine PininfarinaKarosserie verzichtet auf Brüche und zu Schrilles; sie setzt auf maximale innere Spannung der Form. Zum Lamborghini Countach und dem von Tom Tjaarda wie mit Rasierklingen gezeichneten DeTomaso Pantera verhielten sich Pininfarinas Ferraris wie Hochrenaissance zum Spätmanierismus. Dort die gesprengte, kubistisch zerlegte Form - der Countach und der Pantera sind die Demoiselles d’Avignon des Automobilbaus; bei Pininfarina dagegen die maximal gespannte, organisch entwickelte Skulptur, die immer noch einen plötzlichen virtuosen Hüftschwung hinlegt, wenn man fürchtet, sie könne sehr klassisch und, wie eine Bach-Fuge, in ihrer Vorhersehbarkeit etwas langweilig werden.

Und nein, dieser Vergleich hinkt nicht: Sergio Pininfarina wollte eigentlich Musiker werden. Stattdessen presste er dann komplexe Harmonien in Blech. Sein Meisterwerk ist der Ferrari246 „Dino“, der die Blaupause für alle Mittelmotor-Ferraris abgab. Er duckt sich so tief auf die Straße als wolle er unter dem Teer durchjagen, und die ausbalanciert schwingenden Proportionen der Seitenlinie hätten auch an den italienischen Höfen des Cinquecento Anklang gefunden. Der Daytona genannte Ferrari365 GTB/4 von 1968 lehnt lässig, mit leicht schläfrigen Klappscheinwerfern auf der Straße, wie ein Leopard, der gerade aus dem Mittagsschlaf erwacht: gleichzeitig entspannt und sprungbereit. Oder der 365California von 1966: Da heißt es immer, er schwebe „wie ein Ufo“ auf der Straße; wenn die Außerirdischen nur mal solche Ufos hinbekommen würden, wären sie deutlich erfolgreicher unterwegs.

Ein derartig virtuoses formales Spiel von Ballung, Dehnung und Entspannung, Konzentration und Zusammenführung divergenter Linien findet man sonst nur noch in einigen Bauten Borrominis, in den Formen sehr schneller Raubfische und sonst viel zu selten. Dass man Pininfarinas Alfa Duetto Spider mit seinen wachen Scheinwerferaugen und dem rasanten Heck „Osso di Sepia“, Tintenfischknochen, nannte, hat auch seinen Grund: Solche Formen bekommt sonst nur die Natur hin, und das auch nur in guten Momenten.

Kunstwerk mit Gaspedal

Pininfarina schaffte es, Autos zu entwerfen, an denen man sich nicht übersieht: Selbst ein Auto wie der Alfa164 von 1987 wirkt heute noch aufregend mit seinem entschlossenen Lichtband am Heck. Nebenbei sorgte Pininfarina auch noch für den guten Ruf französischer Autos: Das Peugeot504 Coupé, der klassisch proportionierte 404er mit seinen glatten, scharf geschnittenen Seitenflächen, der in seiner raffinierten Schlichtheit ebenso wie der Peugeot604 an ein Braun-Produkt erinnerte: auch Pininfarina. Was passiert, wenn man sich Pininfarinas Rat spart, sah man, als Peugeot 1997 die elegante, noch heute aktuell wirkende Pininfarina-Studie „Nautilus“ in Italien stehenließ und allein weitermachte. Zehn Jahre später war die französische Firma ökonomisch und formal moribund - mit sinkenden Zulassungszahlen und anscheinend unter schwerstem Pernod-Einfluss hingemalten Autos, die aussehen wie von ihrem eigenen Spiegelbild erschreckte blecherne Tiefseefische: Wesen, bei denen sich die Natur böse Scherze erlaubte.

Jetzt ist Sergio Pininfarina, der 2005 zum Senator auf Lebenszeit ernannt worden war, im Alter von fünfundachtzig Jahren gestorben. Mit seinem Tod geht 2012 endgültig als schwarzes Jahr in die Geschichte des Automobildesigns ein: Erst starb im April Ferdinand Alexander Porsche, der Designer des legendären Modells911, jetzt IlSenatore. Soll man in Zeiten allgemeiner Autofeindlichkeit und stetigen Klimawandels hoffen, dass sie würdige Nachfolger finden? Das sollte man: Gäbe es nur Pininfarina-Wagen, hätte die Welt kein Öko-Problem mit Autos. Pininfarina und Porsche haben das Auto nicht als Gebrauchsobjekt für die tägliche Pendelei zur Arbeit definiert, sondern als Kunstwerk mit Gaspedal: etwas, das man eher selten, aber wenn, dann exzessiv genießt. Darin liegt vielleicht die Zukunft des Automobils.

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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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