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Veröffentlicht: 12.12.2011, 17:10 Uhr

Zum Tode von Hans Heinz Holz Lebhafter Begriffslehrer

Ein Lehrer von höchster geistiger Präsenz mit einer hartnäckigen Liebe zum Nichtgegenständlichen: zum Tod des Philosophen Hans Heinz Holz.

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Sommer 2011, eine Abendgesellschaft bei Ente und Wein unter schöngeistig interessierten Kapitalismusverächterinnen und Staatsfeinden im deutschen Süden. Das Gastmahl ist beendet, im Wohnzimmer wird geraucht, im Nebenraum schaut jemand ein Video, auf dem der Ernst-Bloch-Schüler und ehemalige Professor in Marburg und dem niederländischen Groningen Hans Heinz Holz das Leibnizische System, die konstruktivistische Kunst und die Schönheiten des Tessin lobt. Der Mann auf dem Schirm zieht die ganze Party zu sich, entfacht Gespräche, dominiert in leiblicher Abwesenheit und höchster geistiger Präsenz bald den Rest der Nacht. Niemand hier ist älter als fünfundvierzig, der Lehrer, dem sie lauschen, wurde 1927 in Frankfurt geboren, saß als siebzehnjähriger Antifaschist in Haft, war Journalist bei Zeitung und Radio.

Dietmar Dath Folgen:

Seine Bücher werden aus dem Regal geholt: „Einheit und Widerspruch“ von 1997, eine feurig gründliche „Problemgeschichte der Dialektik in der Neuzeit“, die gegen allen Augenschein des zwanzigsten Jahrhunderts auf dem Kontinuum kritischer Philosophie vom Frühbürgertum bis zum Imperialismus beharrt; das seit 2010 beim Berliner Aurora-Verlag publizierte Vermächtnis „Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie“; schließlich die ab 1996 erschienene mehrbändige „Philosophische Theorie der bildenden Künste“, die sich zwischen die beiden Stühle der Repräsentationsästhetik und der Wirkungslehre setzt, indem sie behauptet, die These von der Widerspiegelung der Welt durch die Künste sei zwar wahr, aber was da gespiegelt werde, seien nicht Sachen, sondern (vor allem soziale) Relationen.

Parteitreue und leises Lob für Kleist

Sein Freund Peter Hacks, Klassikverehrer wie Holz, hat ihn dafür gescholten, dass der Denker sich die Liebe zum Nichtgegenständlichen von Hacks nicht austreiben ließ. Holz revanchierte sich mit der Erfindung eines frech hyperkomplexen Spitznamens für Hacks: Der Dichter sei, wie große Künstler oft, im Sinne Hegels eben „das realallgemeine Individuum“ und übersehe daher manchmal das Besondere. Holz, der Leninist, hat zu seiner Partei, der DKP, gehalten, als die unterm Einfluss Gorbatschows Mühe hatte, zu Lenin zu halten. Obwohl sein Drang zu System und Übersicht ihn immer wieder zu gigantischen Textmassen zwang, erlegte er sich auch die Disziplin auf, bündige Essays zu verfassen, deren Themen von der mittelalterlichen Scholastik („Die große Räuberhöhle“, 1999) bis zur politischen Programmatik („Kommunisten heute“, 1995) reichten. Als geschworener Hegelianer gab er mit Domenico Losurdo die linksdialektische Zeitschrift „Topos“ heraus, in deren vierunddreißigstem Heft er letztes Jahr einen erstaunlichen Kleist-Aufsatz veröffentlichte, der dem „Verursacher von Unsicherheit“ das hohe Lob subtiler Verteidigung gegen abermals Hacks zollte.

Der Briefwechsel zwischen dem Gelehrten und dem Dramatiker gehört zum Lebhaftesten, was beide hinterlassen haben. Man sieht darin auch, dass Holz sich eine Weile als Nachlassverwalter einer besiegten marxistischen Gelehrsamkeit sah, am Ende aber ahnte, er könnte Mitbegründer einer neuen werden. Am 11. Dezember ist Hans Heinz Holz in Sant’ Abbondio in der Schweiz gestorben.

Glosse

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Oslo hat eine großartige Oper. Doch was auf dem Programm steht, ist vernichtend: Intriganz, Missgunst, Hoch- und Kleinmut legen den Betrieb lahm. An die Musik scheint niemand zu denken. Mehr 1 0

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