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Zum Tode Peter Schamonis Die Welt in Naheinstellung

14.06.2011 ·  Durch seine Filme haben wir Max Ernst und manche andere Künstler erst wirklich kennengelernt: Zum Tode des Filmregisseurs Peter Schamoni, der in der Nacht zum Dienstag mit 77 Jahren in München verstorben ist.

Von Werner Spies
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Ein einzigartiger Freund ist tot. Welche Emotionen verdanken wir Peter Schamoni. Er stammte aus einer filmbesessenen Familie. Er und seine drei Brüder setzten das fort, was der Vater, Victor Schamoni, in einer Dissertation unter dem Titel „Das Lichtspiel-Möglichkeiten des absoluten Films“ 1926 gefordert hatte. Dieses Wissen um die Notwendigkeit einer theoretischen Begründung der Arbeit wurde Ausgangspunkt für die eigene Neugierde. Rasch wurde Peter Schamoni auf den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen bemerkt und prämiert. Im Oberhausener Manifest verkündete er mit Alexander Kluge und Edgar Reitz, der alte Film sei tot. Der kurze Streifen „Brutalität in Stein“, den Schamoni mit Kluge drehte, konnte so besehen zu einem Manifest für einen neuen Film werden, dem es gelingt, Urteil und Erzählung an die Präsentation von Dingen zu delegieren. Das Vorzeigen enthält den Kommentar.

Infinitesimale Einstellungen, Beschreibungen nie protokollierter Zustände und Gedankengänge interessieren dabei mehr als abschließende Urteile. Diese Naheinstellung auf die Welt prädestinierte Schamoni zu einer Bildsprache, die vorzugsweise Dokumentation und Fiktion mischte. Der Stil seiner Filme lebte vom Inchoativen, von der Präsentation einer pulverisierten Zeit, der es nicht mehr gelingen kann, eine verfolgbare erzählerische Kausalität zu vermitteln. Nicht nur die Annäherungen an Robert und Klara Schumann, Caspar David Friedrich, seine Spielfilme wie „Schonzeit für Füchse“ oder Produktionen wie „Zur Sache Schätzchen“ machten ihn berühmt. Sie wurden wie seine Filme über Max Ernst, Hundertwasser, Tinguely, Niki de Saint Phalle, mit allen nur denkbaren Preisen und Nominierungen zwischen Hollywood und Berlin ausgezeichnet. Formal und inhaltlich, als ethischer Impuls steckt hinter allem, was dieses reiche Oeuvre vorträgt, die Collage und Montage. Beide leben vom Recycling von Momenten und Informationen. Die Technik der Collage, die auf disparates Material zurückgreift, ermöglicht einen Denk-und Assimilationsprozess, der mit unaufhörlich sich entziehenden Fluchtpunkten spielt. Sie führt zu einer neuen Sicht auf die Dinge.

Respekt für die Scheu des Künstlers

Es ist kein Wunder, dass ich Peter Schamoni an der richtigen Adresse begegnet bin, 1966 beim Meister der Collage in Paris. Und die Freundschaft, die begann, wurde nur durch eine leichte, gespielte Eifersucht darüber getrübt, dass er Max Ernst schon Jahre vor mir kennengelernt hatte. Wie oft waren wir mit Max Ernst zusammen. In Paris, in Seillans, in München, wo wir in den Kammerspielen während der olympischen Spiele unter dem Titel „Endlose Spiele bereiten sich vor“ eine Montage aus Texten und Bildern des großen Künstlers und Poeten präsentierten. Oder mit Willy Brandt, den das Zusammentreffen mit dem großen Mann tief bewegte. Bald entdeckten wir in dem, was Max Ernst vorlebte, in seinem Umgang mit zwei Sprachen und Kulturen das Musterbeispiel einer deutsch-französischen Möglichkeit, die dafür einstand, dass Hass und Unverständnis zwischen den Nachbarn verschwinden mussten.

Das Wenige, was die Öffentlichkeit über Max Ernst wissen konnte, von ihm sehen durfte, verdankt man Schamonis wunderbaren Filmen. Er fasste sein Wissen und seine Emotion im abendfüllenden „Max Ernst – Mein Vagabundieren, meine Unruhe“ zusammen. Auf fabelhafte Weise mischte er das dokumentarische Material, über das er verfügte oder das er selbst im Laufe der Jahre gedreht hatte, mit gespielten Szenen. Max Ernst war, wie er sagte, selbst berührt von der Art und Weise, wie Peter Schamoni auf ihn einging. Denn dieser respektierte die Scheu des Künstlers, ja machte in gewisser Weise aus dieser Scheu und dem Horror, das eigene Ich ins Spiel zu bringen, sein eigentliches Sujet.

Eine Collage für den gemeinsamen Freund lebt

Man wollte von indirekten Filmen sprechen, von Filmen, in denen das vermittelt wird, was Max Ernst gegen den Personenkult des Jahrhunderts ins Feld führte. Gegen das hypertrophe Ich, das überall vorherrschte, setzte Max Ernst den Bericht in der dritten Person. Am liebsten, das zeigen nicht zuletzt seine Texte, die sich dem eigenen Leben zuwenden, spricht Max Ernst von sich als einem Anderen.

Das großartige Beispiel liefert Schamonis Kurzfilm „Maximiliana. Die widerrechtliche Ausübung der Astronomie“. Es gibt, abgesehen von Clouzots „Le mystère Picasso“, kaum einen Film über einen Künstler, der den Betrachter derart existentiell packt. 1974 widmete Peter Schamoni aus der Rückschau der Arbeit an „Maximiliana“ eine Publikation. Max Ernst schuf daraufhin eine Collage für den gemeinsamen Freund, das dieser als Exlibris verwenden möge. Das Logo „PS“ lebt, wie eine Konstellation aus „Maximiliana“, als wunderbares Zeichen, als Postskriptum am Sternenhimmel der Freundschaft. In der Nacht zum Dienstag ist Peter Schamoni mit 77 Jahren in München gestorben.

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Jahrgang 1937, freier Autor im Feuilleton.

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