14.07.2010 · In seinen Erzählungen schien alles möglich, selbst wenn von einem Leben die Rede war, in dem fast nichts passierte: Der Comic-Texter Harvey Pekar ist jetzt im Alter von siebzig Jahren gestorben.
Von Patrick BahnersEs gibt Comicsammler, die ihre alten Hefte in durchsichtigen versiegelten Plastikcontainern aufbewahren, um den von einer Spezialfirma mit einem Zertifikat bestätigten Erhaltungszustand zu konservieren. Sie können die Hefte nicht mehr lesen - und wollen den Geistern ihrer Kindheit, denen sie ein Vermögen nachwerfen, vielleicht gar nicht wiederbegegnen. Alison Bechdel, die Autorin der gezeichneten Autobiographie „Fun Home“, bewahrt ein einziges Comicheft in einer Klarsichthülle auf: „American Splendor“ Nr. 2 von 1977. Auf dem Titelbild sieht man zwei mittelalte, missgelaunte Männer in dicken Jacken, die durch den Schnee gehen und sich über eine von beiden nicht für besonders intelligent gehaltene Frau unterhalten. Über dem Titelschriftzug steht: „Von den Straßen von Cleveland“, und unten: „Weitere deprimierende Geschichten aus dem langweiligen Leben von Harvey Pekar“.
In ihrem Nachruf auf den Kollegen, mit dem sie unlängst noch eine Lesereise unternommen hatte, erzählt Alison Bechdel eine Geschichte des Heftes nach: „Es ist eine perfekte Geschichte über nichts und alles, und sie brachte mich zum Nachdenken über das autobiographische Erzählen.“ Harvey Pekar hatte Anfang der sechziger Jahre in Cleveland Robert Crumb kennengelernt, der für eine Grußkartenfirma arbeitete. Beide waren Sammler von Jazz-Schallplatten. Fünfzehn Jahre später legte Pekar Crumb das Szenario einer Comicgeschichte über sein Leben vor - als geschiedener, von Geldsorgen, schmutzigen Gedanken und seltsamen Kollegen geplagter Angestellter in der Registratur eines großen Krankenhauses in der reichlich heruntergekommenen Industriemetropole von Ohio. Crumb zeichnete die Geschichte; später arbeitete Pekar mit vielen anderen bekannten Zeichnern zusammen, darunter Joe Sacco und Gilbert Hernandez. Obwohl Pekar ein Star der Comicszene wurde und „American Splendor“ sogar verfilmt worden ist, gab er seinen Job als Aktensortierer nicht auf.
Er hatte einen hohen und plausiblen Begriff von den Möglichkeiten der Comicerzählung. Sie seien lange unentdeckt geblieben, weil die Autoren sich mit dem Genre begnügt hätten. Die Autobiographie sei kein Genre: In der Ich-Erzählung ist alles möglich, auch wenn von einem Leben die Rede ist, in dem fast nichts passiert. Indem die Reichtümer des Prosaischen entdeckt werden, entsteht im Comic noch einmal der Roman. Harvey Pekar hat alles erzählt. Am Montag ist er in Cleveland im Alter von siebzig Jahren gestorben.