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Zum Tode Carlo Frutteros Die Hauptperson ist immer Turin

16.01.2012 ·  Das Ende der Firma: Der Italiener Carlo Fruttero, kongenialer Partner von Franco Lucentini, ist gestorben. Er hinterlässt ein wunderbar raffiniertes literarisches Werk.

Von Dirk Schümer
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© Herlinde Koelbl Carlo Fruttero (1926 - 2012)

Carlo Fruttero war der letzte Schriftsteller, der das Turin der Nachkriegszeit als Italiens moralische und intellektuelle Metropole noch miterlebt hatte. Mit dem eng befreundeten Italo Calvino hatte Fruttero im Verlagshaus Einaudi an Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen gefeilt, mit denen dem verwilderten Italien nach dem Faschismus moderne Ethik und Ästhetik wieder beigebracht werden sollte. Der 1926 in Turin geborene Fruttero kannte das Umfeld der piemontesischen Antifaschisten um Primo Levi, Norberto Bobbio, hatte sogar noch Erinnerungen an Cesare Pavese, der sich bereits 1950 umbrachte. Bei so viel schwerem geistigen und historischen Gepäck ist es bewundernswert, dass Fruttero später als Autor der Leichtigkeit, als Kämpfer mit intellektuellem Florett in die Literaturgeschichte eingehen sollte.

Das verdankt sich der Begegnung mit dem Römer Franco Lucentini, den Fruttero 1952 kennenlernte und mit dem gemeinsam er ein Autorenduo formte, anfangs in Paris, dem Freihafen so mancher Antifaschisten und Homosexueller, später in Italien. Es benötigte jahrelange Zusammenarbeit als Publizisten, Übersetzer, Herausgeber einer Science-Fiction-Zeitschrift, bis die beiden das adäquate Format für ihr Autorenpingpong fanden. Ab den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden dann amüsante Krimiwälzer wie „Die Sonntagsfrau“ oder „Wie weit ist die Nacht?“ zu Welterfolgen. Das damals noch brodelnde Turin der Verlage und Universitäten, der Autofabriken und Kunstgalerien tritt in den verwickelten Ermittlungen des Kommissars Santamaria als eigentlicher Protagonist zutage. „Die Firma“ - wie die beiden Autoren genannt wurden - setzten ihrer Stadt als Metropole der Satanisten und der dekadenten Bourgeoisie ein Denkmal, personifizierten dabei im Sizilianer Santamaria (wundervoll auf die Filmleinwand gebracht von Marcello Mastroianni) den Konflikt zwischen Eingesessenen und süditalienischen Zuwanderern.

Ein kluger Patriot

Wer die beiden Autoren je bei einem Auftritt erleben durfte, hat das geistreiche Wechselspiel nicht mehr vergessen: Bonmots, eingespielte Gags in wechselnden Rollen und eine gespielte mondäne Blasiertheit verbargen ein durchaus vorhandenes politisches Interesse; doch vom ideologischen Kommunismus und radikalen Modernismus hatten sich diese schöngeistigen Signori ohnehin niemals einfangen lassen. So baute „die Firma“ in literarischer Arbeitsteilung ihre Krimis zu bis heute unerreichten, anspielungsreichen, raffiniert komponierten Gustostücken postmoderner Literatur aus. Vor allem der „Palio der toten Reiter“ über das Rodeospektakel von Siena und die Schauergeschichte „Du bist so blass“, die allein auf Frutteros Konto geht, sind hier zu nennen.

Nach Lucentinis Tod 2002 versuchte sich Fruttero als Alleinunterhalter mit noch einem Krimi, zuletzt dann aber sogar als kluger Patriot mit einem wunderbaren Sammelwerk zu 150 Jahren nationaler Historie in 150 Kapiteln (aufs Neue zusammen verfasst mit Massimo Gramellini). Das Buch endet fast resigniert mit Silvio Berlusconi. Dass er dessen Abgang noch erleben durfte, wird Carlo Fruttero eine Genugtuung gewesen sein. In seinem Alterswohnsitz Rosignano Marittima an der milden toskanischen Küste ist der Autor am Sonntag im Alter von 85 Jahren gestorben.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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