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Zum Tod von Terry Pratchett : KOMMEN SIE BITTE MIT, SIR

Der Herr der Scheibe: Terry Pratchett Bild: Imago

Seine Scheibenwelt-Romane haben ihn zu einem der beliebtesten Autoren weltweit gemacht, sogar mit dem TOD nahm er es auf: Nun ist der Brite Terry Pratchett gestorben.

          Der TOD, das wissen wir seit den Scheibenwelt-Romanen, spricht in Großbuchstaben. Er ist ein sachlicher Mann, also eigentlich ein sachliches Skelett, das keine Gefühle kennt und nur seinen Job macht, nämlich mit einer Sense Seelen von Körpern zu trennen. Der TOD ist nicht grausam. Wenn einmal jeder seiner persönlichen Todesvorstellung begegnet, dann hat Terry Pratchett nichts zu fürchten. Das ist ein ziemlich tröstlicher Gedanke.

          Diese Scheibenwelt, das war das Universum, das Pratchett in vielen Romanen beschrieb: Eine Scheibe, die auf dem Rücken von vier Elefanten ruht, die wiederum auf dem von vielen Meteoriteneinschlägen vernarbten Panzer einer gigantischen Schildkröte (Chelys galactica) namens Groß A’Tuin stehen, der Sternenschildkröte, die durchs All fliegt und auch nicht ewig leben wird.

          „Wissenschaftler haben errechnet“, so heißt es zu Beginn des Romans „Gevatter Tod“, „dass die tatsächliche Existenzchance für etwas derart Absurdes ungefähr eins zu einer Million beträgt. Magier hingegen wissen aus Erfahrung, wie oft Unmögliches und Verrücktes zur täglichen Norm werden kann.“ Und genau das ist es, was die Romane über die Scheibenwelt ausmacht: Pratchett nahm das Wunderbare und stülpte ihm das Gewand des Alltäglichen über. Ein einzelner Magier ist etwas Wunderbares, hundert Magier gründen eine Gewerkschaft und füllen Formulare aus. Es war nicht das Magische im Alltag, was ihn interessierte, es war der Alltag im Magischen. Denn wenn man nichts anderes kennt als das eigene Scheiben-Elefanten-Schildkröten-Konstrukt, dann findet man es auch nicht absurd. Absurd wäre dann wohl eine Kugel, von der die Menschen auch unten nicht abrutschen.

          Für uns Kugelbewohner war Pratchett ein verlässlicher Reiseführer durch die Scheibenwelt, die viel mehr ist als nur irgendeine Fantasywelt voller Zauberer und Einhörner und Amazonen im Kettenbikini. Und das liegt vor allem daran, dass Pratchett sich des Genres liebevoll und ohne dünkelhafte Verachtung annahm, es kenntnisreich zerlegte und mit Blick auf die ganzen Seltsamkeiten und Gepflogenheiten unserer Kugelwelt wieder zusammensetzte. Es ist eine Fantasywelt, in der es Religion gibt und Tourismus, Theateraufführungen, Quiche und Politik. Ja, auch Prinzessinnen. Aber die gibt es ja bei uns ebenso. Vor allem aber nutzte Pratchett die Scheibenwelt als Satire, um grundsätzliches zu verhandeln, zu verfremden, zu vergrößern, wie es guter Satire eigen ist. Seine Romane hatten Fußnoten, es ging nicht selten wissenschaftlich zu – nicht in unserem kugelweltlichen Sinne, sondern nach den ureigensten Scheibenweltschen Naturgesetzen, in denen Orang Utans Bibliotheken leiten können.

          Pratchett war kein lustiger Elf, schrieb sein Schriftstellerkollege Neil Gaiman – mit dem er „Ein gutes Omen“ verfasste – einmal über ihn, trotz des großen schwarzen Hutes und seines langen weißen Bartes. Es gab da eine Wut, die ihn antrieb, eine Wut auf gesellschaftliche Schieflagen und Charakterschwächen, die ihn dazu anstiftete, etwa zwei Bücher pro Jahr zu veröffentlichen. Irgendwann waren es über siebzig.

          Ende des Jahres 2007 gab Pratchett bekannt, dass bei ihm eine früh beginnende Form von Alzheimer diagnostiziert worden war. „Ich würde den Hintern eines toten Maulwurfs essen, wenn mir damit geholfen wäre“, sagte er, und da war wieder die Wut, diesmal gegen ungehorsame Körperteile. Doch er zog sich nicht zurück, er ging mit seiner Krankheit an die Öffentlichkeit. Mit Vehemenz kämpfte er darum, selbstbestimmt sterben zu dürfen. Vor dem „Royal College of Physicians hielt er – er sprach nicht mehr selbst – 2012 einen vielbeachteten Vortrag mit dem Titel „Shaking Hands With Death“, dem Tod die Hand geben. „Es wichtig, die Wahl zu haben“, heißt es darin. „Die Mediziner haben uns jahrhundertelang geholfen, länger und gesünder zu leben, nun sollten sie uns helfen, friedlich zu sterben – zwischen unseren Angehörigen, zu Hause, ohne langen Aufenthalt in Gottes Wartezimmer.“

          Es war Pratchett nicht vergönnt, den Zeitpunkt seines Sterbens selbst festzulegen, und in Gottes Wartezimmer verbrachte er wohl nach seinem Geschmack viel zu viel Zeit. Dennoch – er starb zu Hause, in seinem Bett, die Angehörigen um ihn herum, die Katze schlief auf der Decke. So verkündete es am Donnerstag sein Verleger. Der Rest SIND GROSSBUCHSTABEN.

          Quelle: FAZ.NET

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