Home
http://www.faz.net/-gqz-75g32
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Zum Tod von Rita Levi-Montalcini Gehirn und Gedächtnis

Sie war die erste Nobelpreisträgerin, die über hundert Jahre alt wurde: Nun ist die italienische Medizinerin Rita Levi-Montalcini, die einen Nervenwachstumsfaktor im Gehirn entdeckte, gestorben.

© dpa Rita Levi-Montalcini auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1996.

Sie hat die Altersrekorde für Nobelpreisträger reihenweise gebrochen, nach ihrem hundertsten Geburtstag vor drei Jahren war sie die erste Laureatin in der Geschichte, die diese Altersschwelle überschritten hatte, und nichts konnte sie auch nach ihrer Jubiläumsrede im Rathaus von Rom davon abhalten, umgehend wieder in ihr Labor ans Europäische Hirnforschungsinstitut zurückzukehren. Rita Levi-Montalcini war ein Wunder an Vitalität. Ihren Jungbrunnen nehme sie täglich mit den Augentropfen ein, wurde gemunkelt, ein Faktor namens „Neurotrophin“ - ihre eigene Entdeckung.

Joachim  Müller-Jung Folgen:

Der Nervenwachstumsfaktor war es aber wohl nicht, der die zierliche Hirnforscherin mehr als 103 Jahre alt werden ließ. Ihre Zwillingsschwester, die Künstlerin Paola, wurde ohne Nervendoping auch über neunzig. Um Lebensjahre allerdings war es Levi-Montalcini auch nie gegangen, denn was sie beweisen wollte mit ihrer Forschung und der eigenen geistigen Agilität war etwas, das sich Generationen von Forschern und Medizinern nicht vorzustellen vermochten: Levi-Montalcini war überzeugt, dass das Gedächtnis bis ins hohe Alter flexibel und ausbaufähig ist. Vom unvermeidlichen Abbau der Geisteskraft wollte sie nichts mehr wissen, seit sie den Nervenwachstumsfaktor NGF, ein kleines Protein, als eine entscheidende Schaltstelle in der Signalübertragung im Gehirn entdeckt hatte. Im Jahr 1986 wurde ihr dafür zusammen mit Stanley Cohen der Medizin-Nobelpreis verliehen.

Lernen am Hühnerei

Ihre Medizinstudien hatte die in Turin geborene Levi-Montalcini vor dem Zweiten Weltkrieg begonnen. Von 1939 an war es ihr als Jüdin verboten, die Universität zu betreten, sie zog nach Brüssel. Nach dem Einmarsch der Deutschen flüchtete sie. Levi-Montalcini kehrte nach Italien zurück, sammelte auf Bauernhöfen Hühnereier ein und beobachtete unter dem Mikroskop, wie sich das Nervensystem von Hühnerembryonen unter Umwelteinflüssen veränderte. Schließlich ging sie an die Washington University zu dem Biologen Viktor Hamburger. Der Nervenwachstumsfaktor, den sie damals isolierte, wird wie andere Neurotrophine, die später gefunden wurden, im Repertoire der möglichen Arzneien gegen Altersdemenz gehandelt.

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Alzheimer-Therapie Es ist schon ein Durchbruch

Ist das die Wende im Kampf gegen die gefürchtete Alzheimer-Krankheit? Erstmals konnten amerikanische Pharmaforscher bei Demenzpatienten die Zerstörung des Gedächtnisses messbar verlangsamen - mehr aber auch nicht. Mehr Von Joachim Müller-Jung

23.07.2015, 17:54 Uhr | Wissen
Kita-Streik Eltern und Kinder besetzen Kölner Rathaus

In der dritten Woche Kita-Streik haben sich mehrere Eltern in Köln zusammengetan und das Rathaus besetzt. Das Foyer wurde kurzerhand in einen Kindergarten umfunktioniert, die Amtsleiterin des Rathauses zur stellvertretenden Kita-Leiterin gekürt. Mehr

26.05.2015, 15:52 Uhr | Wirtschaft
Akustisches Spezialprofil Warum Schreien so alarmierend wirkt

Wenn ein Mensch schreit, schreckt das andere auf. Die Gründe haben nun Max-Planck-Forscher entdeckt: Das akustische Muster der Schreie ist hochspezifisch, es findet sich kaum in anderen Lauten - lediglich noch beim alarmierenden Weckerschrillen. Mehr

18.07.2015, 08:00 Uhr | Wissen
Wendiceratops Neuer Dinosaurier in Kanada entdeckt

Davon träumt vielleicht jeder Paläontologe: Einmal einen unbekannten Dinosaurier entdecken. Dieses Kunststück ist jetzt der kanadischen Wissenschaftlerin Wendy Sloboda gelungen. Der Fund wurde nach der Entdeckerin benannt: Wendiceratops. Mehr

10.07.2015, 12:11 Uhr | Wissen
Videostream Hirnforschung Wie das Gehirn die Seele macht

Wie entsteht unsere Persönlichkeit, was formt die Psyche? Der Bremer Neurobiologe Gerhard Roth hat in unserer Frankfurter Serie Hirnforschung, was kannst du? Sehen Sie den Vortrag im Videostream. Mehr

16.07.2015, 17:07 Uhr | Wissen

Veröffentlicht: 02.01.2013, 21:22 Uhr

Glosse

Das ist Köttelbecke

Von Andreas Rossmann

Von der Kloake zum Lebensraum: Deutschlands schmutzigster Fluss, die Emscher, soll bis 2020 renaturiert werden. Eine Köttelbecke allerdings soll als olfaktorisches Mahnmal bleiben. Mehr 3 6