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Zum Tod von Rita Levi-Montalcini : Gehirn und Gedächtnis

Rita Levi-Montalcini auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1996. Bild: dpa

Sie war die erste Nobelpreisträgerin, die über hundert Jahre alt wurde: Nun ist die italienische Medizinerin Rita Levi-Montalcini, die einen Nervenwachstumsfaktor im Gehirn entdeckte, gestorben.

          Sie hat die Altersrekorde für Nobelpreisträger reihenweise gebrochen, nach ihrem hundertsten Geburtstag vor drei Jahren war sie die erste Laureatin in der Geschichte, die diese Altersschwelle überschritten hatte, und nichts konnte sie auch nach ihrer Jubiläumsrede im Rathaus von Rom davon abhalten, umgehend wieder in ihr Labor ans Europäische Hirnforschungsinstitut zurückzukehren. Rita Levi-Montalcini war ein Wunder an Vitalität. Ihren Jungbrunnen nehme sie täglich mit den Augentropfen ein, wurde gemunkelt, ein Faktor namens „Neurotrophin“ - ihre eigene Entdeckung.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Der Nervenwachstumsfaktor war es aber wohl nicht, der die zierliche Hirnforscherin mehr als 103 Jahre alt werden ließ. Ihre Zwillingsschwester, die Künstlerin Paola, wurde ohne Nervendoping auch über neunzig. Um Lebensjahre allerdings war es Levi-Montalcini auch nie gegangen, denn was sie beweisen wollte mit ihrer Forschung und der eigenen geistigen Agilität war etwas, das sich Generationen von Forschern und Medizinern nicht vorzustellen vermochten: Levi-Montalcini war überzeugt, dass das Gedächtnis bis ins hohe Alter flexibel und ausbaufähig ist. Vom unvermeidlichen Abbau der Geisteskraft wollte sie nichts mehr wissen, seit sie den Nervenwachstumsfaktor NGF, ein kleines Protein, als eine entscheidende Schaltstelle in der Signalübertragung im Gehirn entdeckt hatte. Im Jahr 1986 wurde ihr dafür zusammen mit Stanley Cohen der Medizin-Nobelpreis verliehen.

          Lernen am Hühnerei

          Ihre Medizinstudien hatte die in Turin geborene Levi-Montalcini vor dem Zweiten Weltkrieg begonnen. Von 1939 an war es ihr als Jüdin verboten, die Universität zu betreten, sie zog nach Brüssel. Nach dem Einmarsch der Deutschen flüchtete sie. Levi-Montalcini kehrte nach Italien zurück, sammelte auf Bauernhöfen Hühnereier ein und beobachtete unter dem Mikroskop, wie sich das Nervensystem von Hühnerembryonen unter Umwelteinflüssen veränderte. Schließlich ging sie an die Washington University zu dem Biologen Viktor Hamburger. Der Nervenwachstumsfaktor, den sie damals isolierte, wird wie andere Neurotrophine, die später gefunden wurden, im Repertoire der möglichen Arzneien gegen Altersdemenz gehandelt.

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