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Aktualisiert: 18.08.2014, 11:36 Uhr

Zum Tod von Peter Scholl-Latour Keinem gefällig, allen ein Lehrer

Peter Scholl-Latour kannte alle Schurken und viele Rebellen der Welt. Als Deutscher wie Franzose war er immer Europäer und ein journalistisches Vorbild. Ein Nachruf.

von Ulrich Wickert
© dpa Elegantes Aussehen selbst in Vietcong-Gefangenschaft: Scholl-Latour und Assistenten, 1973.

Sein Büro an den Champs-Elysées war klein und düster. Von den Räumen des ARD-Studios Paris gingen kaum Fenster zum Tageslicht. Aber Peter Scholl-Latour war nicht der Mann, sich damit zufriedenzugeben. Er kaufte für den WDR um die Ecke zwei Etagen in einem neuen modernen Bürohaus, heute noch eine der besten Anlagen des Senders.

Fünfzehn Jahre später würde ich davon profitieren, als ich sein Nachfolger als ARD-Studioleiter in Paris wurde. Selber zog er nicht mehr in die hellen neuen Räume ein. Denn er war Fernsehdirektor des WDR geworden. Für eine kurze Zeit. Als kleiner Redaktionsassistent lernte ich ihn 1969 in seinem Bürokabuff kennen. Weil ich Französisch sprach, hatte der WDR mich als Hilfskraft nach Paris geschickt.

Ein unabhängiger Geist

General Charles de Gaulle war vom Amt des Staatspräsidenten zurückgetreten. Neuwahlen standen an, Senatspräsident Alain Poher gegen den ehemaligen Premierminister Georges Pompidou. Mit wenigen Worten erklärte mir „Scholl“, wie er genannt wurde, weshalb Pompidou gewinnen würde. Klar. War dann auch so. Abends lud er mich nach Hause ein. Es gab Erbsensuppe. Ich hing an seinen Lippen und versuchte diesen Mann, der für uns Jüngere das Urbild des großen Journalisten verkörperte, zu verstehen.

Er bewunderte Charles de Gaulle. Aber er war kein Gaullist. Zunächst dachte ich, Scholl sei ein Konservativer. Aber dann lobte er den Studentenaufstand vom Mai ’68 mit den Worten, das sei doch ein schönes, romantisches Erlebnis gewesen. Dabei war er während der Unruhen in Paris verletzt worden, ein Splitter hatte sich in seinen derrière verirrt. Übrigens die einzige Verletzung, die er je bei seinen Einsätzen erlitt.

De Gaulle zu bewundern und gleichzeitig die Studentenrevolte zu romantisieren, dazu gehört ein besonders unabhängiger Geist. Den verkörperte Peter Scholl-Latour zeit seines Lebens. In seiner Gedankenwelt hatte political correctness keinen Platz. Ihm ging es auch nie darum, Gefälligkeiten auszutauschen. Er bezog seine Positionen aus Überzeugung.

Er kannte sie alle

Als er den Text zu seinem ersten Fernsehfilm selber sprechen wollte, kam ein Fernsehgewaltiger und sagte, da nehmen wir einen ausgebildeten Sprecher. Denn mit solch einer Stimme könne man nicht sprechen. Wer hat wohl die Sprachaufnahme gemacht? Er, Peter Scholl-Latour. Selbst sein Nuscheln wurde zum Markenzeichen.

Fernsehen bedeutet ja auch Äußerliches. Was viele Männer selbst im Studio nicht schaffen, das verkörperte Peter Scholl-Latour sogar in der Wüste: einfach gut und elegant auszusehen. Wer die Bilder kennt, als Scholl mit Kamerateam vom Vietcong gefangen genommen worden war, der sieht ihn im Reisfeld genau so gepflegt, wie sonst in den Straßen von Saigon.

Eine Reihe von Schlüsselerlebnissen erklären diesen Mann. So kannte er fast alle Schurken dieser Welt. Das Interesse dafür hatte den Ursprung in seiner Jugend. Als er Kind war, beschäftigte die Familie einen Chauffeur aus Polen. Diesen Mann hat Peter über alles geliebt. Später hat sich dann herausgestellt, dass der Chauffeur seine Frau umgebracht hatte.

Peter Scholl-Latour gestorben Peter Scholl-Latour 2011 auf der Frankfurter Buchmesse © Julia Zimmermann Bilderstrecke 

In Bochum als Sohn eines aus dem Saarland stammenden Arztes und einer elsässischen (also französischen) Mutter geboren, wuchs er zweisprachig auf. Seine Eltern steckten ihn aufgrund ihrer Schwierigkeiten mit den Nationalsozialisten (die Mutter hatte jüdische Vorfahren) 1936 in dass streng katholische Jesuitenkolleg St. Michel in Fribourg in der Schweiz. Und die Jesuiten haben seinen Geist geschärft.

Den Eltern wurde schließlich verboten, Geld in die Schweiz zu schicken, so dass Peter Scholl-Latour sein Abitur 1943 in Kassel machte. Ich kann mir vorstellen, dass der französische Abenteurer und Journalist Joseph Kessel ihm das Muster für ein spannendes Leben vorgespielt hat. Im Januar 1945 will Scholl-Latour sich zu den alliierten Truppen in Frankreich durchschlagen, was ihm nicht gelingt. Er flieht „in jugendlichem Übermut und sträflichen Leichtsinn“ (so schreibt er in „Leben mit Frankreich“, 1988) vor der Gestapo und kommt bei Graz in Gestapo-Haft, überlebt trotz Flecktyphus.

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