http://www.faz.net/-gqz-6zxwd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.05.2012, 15:40 Uhr

Zum Tod von Peter Koslowski Gesichtspflege der besonderen Art

Nüchtern blickte er in die Abgründe der Finanzwelt und auf die Lücken der ökonomischen Theorie: Der Philosoph und Wirtschaftsethiker Peter Koslowski ist im Alter von 59 Jahren unerwartet gestorben.

von
© Privat Peter Koslowski 1952 - 2012

Es war vor ein paar Wochen, in einer Fernsehrunde des ORF zum Thema Wirtschaftsethik. Sich gegenüber saßen Peter Koslowski und Julian Nida-Rümelin, ihre neuen Bücher im Gepäck. Dass die beiden sich nicht grün sind, ach was: sich nicht riechen können - das sah man auf einen Blick. Während Nida-Rümelin mit faszinierender Gestik - kein Satz ohne ausladendes Armheben oder eindringliches Handkreisen - den Zuschauer in Bann schlug, schaute Koslowski stur auf den Boden und hob den Kopf immer erst dann, wenn Nida-Rümelin geendet hatte. Gesichtspflege der besonderen Art.

Christian Geyer-Hindemith Folgen:

Peter Koslowski, der als Wissenschaftsmanager auf tausend Foren und Tagungen die Regeln zuvorkommender Diplomatie beherrschte, konnte doch mimisch gefrieren, wenn ihn irgendein Affekt erwischte. Dann wurde der Eloquente von jetzt auf gleich einsilbig und apodiktisch - in solchen atmosphärischen Umschwüngen seinem frühen Lehrer Robert Spaemann nicht unähnlich, bei dem Koslowski 1979 an der Universität München in Philosophie promoviert wurde, bevor er dort auch das Studium der Volkswirtschaftslehre abschloss.

Mehr zum Thema

Als Professor für Philosophie und Politische Ökonomie zunächst an der Universität Witten/Herdecke, stand er von 1987 bis 2001 als Gründungsdirektor dem Forschungsinstitut für Philosophie Hannover vor. Dieser von der Diözese Hildesheim getragenen Einrichtung gab Koslowski - jahrelang gemeinsam mit Reinhard Löw - ein solides philosophisches Profil, das von Fragen der Wirtschaftsethik bis zu einer spekulativen Philosophie des Christentums reicht und unter dem gegenwärtigen Direktor, dem Theologen Jürgen Manemann, mit Forschungen zum philosophischen Pragmatismus ergänzt wird.

Kritik der ökonomischen Theorie

Seit 2004 forcierte Koslowski, inzwischen an der Freien Universität Amsterdam, seine wirtschaftsethischen Studien, die er zuletzt in dem Buch „Ethik der Banken“ explizit auf die globale Finanzkrise bezog. Als Frucht seiner dreißigjährigen Beschäftigung mit dem Kapitalismus als Wirtschaftsform leistete er darin einen substantiellen Beitrag zur Kritik der ökonomischen Theorie, die in ihrer methodischen Haltlosigkeit inzwischen auch von Hans Magnus Enzensberger und Joseph Vogl vorgeführt worden war.

Umstritten ist, ob Koslowskis Begriff der „Sachgerechtigkeit“ als regulative Idee der Wirtschaftsordnung tragfähig ist oder nicht vielmehr am Ende immer nur das als ethisch ausweist, was man zuvor als sachgerecht behauptet hat. Ein Zirkelschluss, von dem jedweder teleologische Forschungsrahmen bedroht ist, dem wie Löw und Spaemann auch Koslowski nahestand. Am Dienstag ist Peter Koslowski im Alter von neunundfünfzig Jahren unerwartet verstorben.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kultur des Scheiterns Die deutsche Angst vor dem Misserfolg

Gestrandet mit dem eigenen Unternehmen: Die Deutschen sehen das immer noch zu sehr als Makel, denn als Chance, sagen Fachleute. Mehr

27.07.2016, 06:38 Uhr | Beruf-Chance
Russische Tanzkunst Bolschoi-Ballett feiert Jubiläum

Die Ballettkompanie trat vor 60 Jahren zum ersten Mal in London auf und feiert das Jubiläum mit einem neuen Gastspiel. Mehr

26.07.2016, 15:26 Uhr | Feuilleton
F.A.Z. exklusiv Generalbundesanwalt: Der Staat muss seine Bürger schützen

Drei Gewalttaten haben Deutschland erschüttert: Der Generalbundesanwalt beschreibt die Sicherheitslage in der F.A.Z. als angespannt. Trotzdem warnt er vor übereilten Antworten. Mehr Von Reinhard Müller

26.07.2016, 17:44 Uhr | Politik
Dollase vs. Mensa (4) Man beißt in einen Haufen Salz

Mensa-Test in der Kaiserstadt: Die Rinderroulade ist durchdacht, der Spinat-Blätterteig vermatscht. Und wann hat Aachen eigentlich die Pommes Frites verlernt? Mehr

25.07.2016, 16:03 Uhr | Feuilleton
Artensterben Wie wenig ist zu viel?

Umweltverschmutzung, Wilderei und Zerstörung der Lebensräumen: Der gravierende Einfluss des Menschen auf die Artenvielfalt kann nicht geleugnet werden. Doch wann ist eine Art wirklich gefährdet? Mehr Von Joachim Müller-Jung

27.07.2016, 07:57 Uhr | Wissen
Glosse

Luther in Chrom

Von Andreas Kilb

Die evangelische Kirche will in Berlin ein Luther-Denkmal errichten. Doch die Ansprüche, die sie daran stellt, sind nicht einmal für den Reformator zu erfüllen. Mehr 3 8

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“