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Zum Tod von Paul Raabe : Der Kenner als Retter

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Paul Raabe (1927 - 2013), hier auf eine Fotografie aus dem Jahr 1998 (vor einer großformatigen Aufnahme der Stadt Halle). Bild: dpa

Ein Bücher- und Menschenkenner und ein großer Bibliothekar mit einer Mission: Zum Tod von Paul Raabe, der am Freitag im Alter von 86 Jahren verstarb.

          Als vor einigen Wochen in Halle an der Saale der 350. Geburtstag August Hermann Franckes gefeiert wurde, kam es beim Festakt zu einer Beifallskundgebung für jemand, der gar nicht anwesend war. Die bloße Erwähnung des Namens Paul Raabe veranlasste das Auditorium zu einem minutenlangen Applaus, der alle, je länger er dauerte, wehmütig berührte. Denn der inzwischen ans Haus gefesselte Raabe war es, der die Wiedergründung der von Francke ins Leben gerufenen Stiftungen erreicht und die zahllosen Fachwerkhäuser des barocken Architekturensembles saniert hatte. Heute gehen wieder zweitausend Schülerinnen und Schüler in den Stiftungen ein und aus.

          Raabes bibliothekarische Laufbahn nahm ihren Anfang in Marbach am Neckar, wo er von 1958 bis 1968 die Bibliothek des Deutschen Literaturarchivs aufgebaut hat. Daneben hat er mit der legendären Expressionismus-Ausstellung von 1960 der deutschen Literatur neue Räume eröffnet.

          Seine nächste Station war Wolfenbüttel. Dort hat er die berühmte, aber verschlafene Herzog August Bibliothek in einer Kleinstadt des Zonenrandgebiets in eine der größten und international bedeutendsten Stätten der geisteswissenschaftlichen Forschung verwandelt. Einher ging dies mit einer vielfältigen Publikationstätigkeit. Eine Einführung in die Bücherkunde, die Lesekultur des 17. und 18. Jahrhunderts, Lessing und Goethe, Benn und Kafka gehörten zu den Gegenständen seiner Wolfenbütteler Beiträge.

          Ein Bücher- und Menschenkenner

          Mit seinem fesselnd geschriebenen Erinnerungsbuch „Bibliosibirsk oder Mitten in Deutschland“ nahm er von dort Abschied und ging zwei Tage später, am 1. März 1992 - keineswegs in den Ruhestand, sondern als unbesoldeter Freiwilliger zu den Franckeschen Stiftungen. In seinem spartanisch eingerichteten neuen Büro stand als einziger Komfort ein Liegesessel, in dem er mittags, wie er sagte, „12 bis 13 Minuten“ zu schlafen pflegte. Als Besucher machte man dann einen kleinen Gang über die Baustelle, und bei der Rückkehr saß er schon wieder voller Tatendrang an seinem Schreibtisch.

          Man könnte auf die Idee kommen, dass sich Raabe in seinen Hauptämtern nur deshalb so hohe Verdienste erworben hätte, um das gewonnene Prestige für ein noch größeres Herzensanliegen einzusetzen: die Rettung der ostdeutschen Kulturlandschaft. Nicht anders kann man die Mission beschreiben, die er vor und nach der Wende übernommen hat. In Weimar zum Beispiel, wo er seit den fünfziger Jahren regelmäßig zu Gast war, hat er seine Erfahrung von 1990 an in den Dienst der Klassik Stiftung Weimar gestellt. Seinem beharrlichen Drängen ist es zu verdanken, dass die lange vernachlässigte Herzogin Anna Amalia Bibliothek ihren Erweiterungsbau bekommen hat.

          Noch entscheidender für das Große Ganze war sein Blaubuch „Kulturelle Leuchttürme“ in den neuen Ländern. In diesem Werk ohne Vorbild hat er im Auftrag des Kulturstaatsministers die gesamtstaatlich bedeutsamen Kulturstätten von Eisenach bis Stralsund nach ihrer Priorität beschrieben. Das war die Basis für ihre Zukunft. Niemand anderem, auch keinem Gremium hätte man eine solche wertende Analyse abgenommen und die staatliche Förderung darauf gebaut. Für Paul Raabe war die Kultur im vereinten Deutschland die alles verbindende Lebensgrundlage. Der große Bücher- und Menschenkenner ist am Freitag im Alter von 86 Jahren gestorben.

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