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Zum Tod von M. Rainer Lepsius : Der denkende Bürger

M. Rainer Lepsius, 1928 bis 2014 Bild: Alexander Lucas

Es gab in der deutschen intellektuellen Landschaft der vergangenen fünfzig Jahre wenig Gelehrte, die ihn in seinem Gedankenreichtum übertroffen haben. Zum Tod des Soziologen M. Rainer Lepsius.

          Er wäre, sagte er einmal, am liebsten Oberstadtdirektor geworden. M. Rainer Lepsius, der aus einer großen Familie von Gelehrten, Künstlern und Beamten stammte, war ein echter Repräsentant des europäischen Bürgertums: urban, hochgebildet, an den wirtschaftlichen Grundlagen der Moderne ebenso interessiert wie am Nationalstaat und seinen Institutionen. Zu den besten Analysen der „soziologisch amorphen“ Schicht, wie er das Bürgertum bezeichnete, gehören die seinen.

          Wenn er in ihr Zentrum das Merkmal der ökonomischen, kulturellen und politischen Selbständigkeit stellte, war das auch eine Selbstbeschreibung. Es gab in der deutschen intellektuellen Landschaft der vergangenen fünfzig Jahre wenig Gelehrte, die ihn in seinem nicht festgelegten Gedankenreichtum übertroffen haben. Lepsius hing keiner Theorie und schon gar keiner Mode an, trat nicht als gesellschaftskritischer Volkspädagoge auf, kam immer wieder aus seinen wissenschaftspolitischen Engagements an den Schreibtisch zurück.

          Anhänglichkeit an die entstehende Bundesrepublik

          Dort verfasste er lieber Aufsätze als Bücher, weil ihm auch das mehr intellektuelle Bewegungsfreiheit gab. Seine Hinterlassenschaft sind gesammelte Beiträge zu einer politischen Soziologie Deutschlands und zu Grundbegriffen der Gesellschaftsanalyse. Vor allem aber ist es die Gesamtausgabe der Schriften Max Webers, der er Jahre seines wissenschaftlichen Lebens gewidmet hat. Denn das war neben der Demokratie in Deutschland die einzige, dafür um so festere normative Bindung, die Lepsius einging: Noch im Mai dieses Jahres beschwerte er sich bei einer Diskussion, wie viele von Webers Ideen noch ungenutzt für eine Deutung der Gegenwart seien. Seine eigenen Analysen des deutschen Parteiensystems und seiner „soziomoralischen Milieus“ waren ebenso wie die Beiträge zur Nationalstaatsbildung und zum Nationalsozialismus beispielhaft für eine solche historisch informierte Soziologie im Geist Webers.

          1928 in Rio de Janeiro geboren – das M. steht für Mario –, in Madrid eingeschult, von zu Hause mit leichtem Berliner Akzent versehen, wuchs Lepsius in München auf, studierte dort unmittelbar nach dem Krieg Jurisprudenz, Volkswirtschaftslehre und Geschichte, kam also, wie viele Soziologen damals, zu seinem Fach, weil es Probleme zu lösen versprach, die andernorts liegenbleiben. Weil es ein starkes Gegenmittel gegen die „kognitive Selbstverschleimung“ war, wie sie vor 1945 von vielen Gelehrten praktiziert wurde: „Der deutsche Unsinn hatte religiösen Tiefsinn. Das sollte jetzt sein Ende finden.“ Und weil Lepsius Mitte der fünfziger Jahre in den Vereinigten Staaten die Soziologie in seiner Blüte erlebt hatte, bei Robert K. Merton an der Columbia University.

          Dort achtete man sehr auf eine ausgewogene Mischung von Theorie und Empirie sowie auf fallweises Argumentieren. Diesen Stil pflegte Lepsius, auch als er amerikanische Angebote aus Anhänglichkeit an die entstehende Bundesrepublik ausschlug und, zunächst in München, dann in Mannheim, von 1981 aber an dem einzig ihm gemäßen Ort, Heidelberg, selbst ein akademischer Lehrer wurde. Ohne Schule, aber mit vielen Schülern. Man konnte keine zehn Minuten mit ihm zusammen sein, ohne etwas zu lernen. Jetzt ist M. Rainer Lepsius im Alter von sechsundachtzig Jahren gestorben.

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