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Zum Tod von Keiji Nakazawa : Historische Aufklärung in der populären Kunst

  • -Aktualisiert am

Keiji Nakazawa 1939 - 2012 Bild: picture alliance / Kyodo

Mit „Barfuß durch Hiroshima“ fasste  Keiji Nakazawa das Grauen des Atomkriegs in eine radikale Bildsprache und beeinflusste eine ganze Generation von Comiczeichnern. Jetzt ist er im Alter von 73 Jahren gestorben.

          Vor sieben Jahren besuchte der japanische Manga-Künstler Keiji Nakazawa als Vertreter seiner Heimatstadt Hiroshima das niedersächsische Hannover. Im Neuen Rathaus eröffnete der damalige Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg eine Ausstellung anlässlich des sechzigsten Jahrestages des ersten Atombombenabwurfs. Dieses unvorstellbare Inferno hatte der sechsjährige Nakazawa in Hannovers Partnerstadt nur dank glücklicher Umstände überlebt. Doch was er damals und in den sich anschließenden Monaten sah, sollte Nakazawa für sein weiteres Leben prägen und verpflichten.

          Es war dieses tief empfundene Pflichtgefühl gegenüber den Atomtoten, das den schon lange von den Strahlenfolgen schwer gezeichneten Mann immer weiter vorantrieb. In Hannover sagte er: „Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, bis zu meinem Tod Aufklärungsarbeit zu betreiben. Meine Hoffnung ist, dass die Menschen wirklich einsehen, was in Hiroshima und Nagasaki passiert ist. Wenn ich das erreichen würde, gäbe es wohl kaum noch Atomwaffen.“

          Das Grauen im Unterhaltungsmedium

          Als Mittel wählte Nakazawa seine Profession als Manga-Zeichner, die er Anfang der siebziger Jahre bereits gut ein Jahrzehnt ausübte. Nachdem er sich vereinzelt mit der Kriegszeit beschäftigt hatte, wurde er 1972 von der Redaktionsleitung seines Manga-Magazins ermutigt, die autobiographisch geprägte Serie „Hadashi no Gen“ zu beginnen. Es entstand ein kompromissloser Comic, der den Lesern keine noch so schreckliche Szene jener Tage erspart: Menschen, die wie Gespenster durch Ruinen stolpern und ihre geschmolzene Haut hinter sich herziehen, verstümmelte Menschenleiber, die das Opfer von Maden werden und vieles eigentlich Unvorstellbare mehr.

          Doch noch unglaublicher war, dass all dies Woche für Woche auf den Seiten von „Shonen Jump“ erschien, dem größten und bedeutendsten Unterhaltungs-Magazin für Kinder und Jugendliche in Japan. Das war so außergewöhnlich, als hätte Art Spiegelmans Holocaust-Comic „Maus“ seine deutsche Erstveröffentlichung im hiesigen Micky Maus-Magazin erlebt.

          Internationale Wirkung

          Und „Hadashi no Gen“ sollte schon bald über Japan hinaus wirken. Schon 1976 wurde von japanischen Friedensaktivisten das „Project Gen“ begründet, das es sich mit zur Aufgabe machte, den Comic in möglichst viele Sprachen übertragen zu lassen. Schnell lagen Bände auf praktisch allen Kontinenten vor. Auch in Deutschland gab es damals unter der Titel „Barfuß durch Hiroshima“ eine erste unvollständige Ausgabe. „Hadashi no Gen“ wurde so zum ersten weltweit wahrgenommenen Comic aus Japan überhaupt - lange bevor man im Westen etwas mit dem Begriff „Manga“ anzufangen wusste.

          Gleichzeitig gewann Nakazawa großen Einfluss auf das Werk von Kollegen. Seine zuvor so noch nicht gesehene Zusammenführung autobiographischer und zeithistorischer Elemente revolutionierte den Comic. Art Spiegelman beispielsweise stand, nach eigenen Aussagen, am Beginn seiner Arbeit an „Maus“, wo er die Geschichte seiner Eltern in den Vernichtungslagern aufarbeitete, noch ganz unter dem Eindruck der gerade abgeschlossenen Lektüre von „Barfuß durch Hiroshima“.

          Wichtige Stimme der Aufklärung

          Genau wie später „Maus“ oder auch Marjane Satrapis „Persepolis“ war Nakazawas „Barfuß durch Hiroshima“ hochpolitisch. Geschildert wird nämlich auch die Vorgeschichte des Atombombenabwurfs, die Kriegsschuld des Kaisers und seiner Militärs. Offen prangerte Nakazawa zeit seines Lebens das nationalistische Grundübel an, das all dies ausgelöst hatte. Und er machte auch immer wieder klar, dass es für ihn keinen Unterschied zwischen der militärischen und der „friedlichen“ Nutzung der Atomkraft geben könne. Beides lehnte er mit aller Entschiedenheit ab, nicht erst seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima.

          Wer sich von der Aufklärungskraft des Werks von Keiji Nakazawa ein Bild machen möchte, der hat dazu, neben der Lektüre seiner Mangas, auch noch für eine Woche in der Ausstellung „Bildrollen und Manga“ im Wilhelm Busch-Museum für Karikatur und Zeichenkunst die Gelegenheit. Zum Ende seines Lebens fanden eindrucksvolle Originale von Nakazawas Hauptwerk „Hadashi no Gen“ wieder den Weg nach Hannover. Sie sind der Höhepunkt einer Schau, die die Geschichte von Karikatur und Comic in Japan nachzeichnet.

          Gegenübergestellt werden die „Hadashi no Gen“-Originale, darunter auch farbige Ausarbeitungen, die man in der Buchausgabe nur schwarzweiß sieht - Propaganda-Arbeiten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs aus dem Magazin „Manga“. Diese höchst aufschlussreiche Konfrontation unterstreicht, welch wichtige Stimme der historischen Aufklärung Japan gerade in diesen schwierigen Tagen verloren hat, wo Nationalismus und der Ausstieg aus dem Atomausstieg wieder auf der Tagesordnung stehen.

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