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Zum Tod von Johannes Heesters : Der Doppelagent von Charme, Ironie und Vergessen

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Johannes Heesters 1903 - 2011 Bild: dapd

Sein Leben spiegelte die Irrwege des Dritten Reichs: Der Sänger und Schauspieler Johannes Heesters ist an Heiligabend im Alter von 108 Jahren gestorben.

          Seine letzten Auftritte ließen schaudern. Nicht, weil ein zerbrechlicher Hundertjähriger sich tastend auf der Bühne bewegte. Schaudern machte die Würde dieses Greises, die Entrücktheit eines Mannes, der eine versunkene Welt verkörperte. Was spielte es da für eine Rolle, dass Johannes Heesters ein ehrfurchtgebietender Teiresias schien, man ihn aber meistens nur als Franz Josef aus der Plüschkiste einsetzte? Sein Erscheinen löschte alle Rollenspiele aus und setzte die Schicksale unserer Eltern, Groß- und Urgroßeltern an ihre Stelle. Ein Zeitalter sandte den letzten Zeugen.

          Einen Regisseur wie Bob Wilson, dem wir den bewegenden Lear der greisen Marianne Hoppe verdanken, fand Johannes Heesters nicht. Dabei hätte er Shakespeares Wahnsinnskönig ähnlich bezwingend darstellen können. Denn hinter dem schwerelosen Charme des ewigen Grandsigneurs, als der Heesters ins allgemeine Gedächtnis eingeschrieben ist, steckte ein hart arbeitender Verwandlungskünstler - wie sehr, das hält eine vor einigen Jahren entstandene Fernsehdokumentation fest. Sie zeigt ihn bei den Proben für eine belanglose Boulevardkomödie. „So kann ich nicht arbeiten“, faucht Heesters über die Textschwäche eines jungen Kollegen, bei dem er sich kurz darauf entschuldigt. Man darf sicher sein, dass sich der Betroffene keinen Patzer mehr leistete.

          Der Schauspieler in der Rolle des Königs im Musical „Die Inselkomödie oder Lysistrate und die Nato“ im Juli 2010, Theater am Schiffbauerdamm in Berlin

          Den Lear hat man Heesters übrigens in Wien doch einmal angeboten. Aber er, Perfektionist und geradezu demütiger Bewunderer der Dichtkunst, lehnte wegen seines, wie er meinte, störenden niederländischen Akzents ab. Dafür brillierte der Dreiundachtzigjährige, schonungslos auch den eigenen körperlichen Verfall einbeziehend, 1986 in Karl Gassauers „Casanova auf Schloss Dux“ als schäbig vergreister Verführer zwischen Eitelkeit und Selbstekel.

          So setzte er fort, was 1948 im Theater in der Josefstadt mit seinem Durchbruch als Charakterdarsteller in John Van Drutens „Lied der Taube“ begonnen hatte. Auch musikalisch verließ Heesters sich nicht auf die Erfolgsgarantie des ewigen Bonvivant, sondern suchte mit wachsendem Alter schwierigere Aufgaben. Mit 73 Jahren zum Beispiel überraschte er 1976 als desillusionierter Lebemann in Frederick Loewes Musical „Gigi“ so manchen treuen Fan, der eine x-te Variante des Grafen Danilo erwartet hatte - womit nicht das Geringste gegen Heesters’ Paraderolle in Lehárs „Die lustige Witwe“ gesagt ist. Wie oft er sein legendär schlawinerndes „Heut geh’ ich ins Maxim“ gesungen hat, ist nicht zu zählen. Fest steht, dass ihn allein im Berliner Admiralspalast zwischen 1939 und 1941 fast eine halbe Million Zuschauer dafür bejubelt hat.

          Johannes Heesters als Graf Danilo in der Operette „Die lustige Witwe“ im Oktober 1964 im Berliner Theater des Westens

          Der Rekord markiert auch jenen Makel, der ihm bis an sein Lebensende anhaftete: der Aufstieg im „Dritten Reich“. Wäre es nur darum gegangen, dass der im niederländischen Amersfoort geborene katholische Kaufmannssohn, der Pfarrer hatte werden wollen, aber auf väterliches Drängen eine Banklehre absolvierte, ehe er sich zum Sänger und Schauspieler ausbilden ließ, von 1934 bis 1944 Triumphe im nationalsozialistischen Deutschland feierte, man hätte ihm das mit der Zeit nachgesehen wie einem Heinz Rühmann oder einer Zarah Leander.

          Doch dass er 1941 als Ensemblemitglied des Münchner Gärtnerplatztheaters das Konzentrationslager Dachau besichtigt und dort womöglich gesungen hat, das war zu viel: Die Niederlande, zuvor schon distanziert, nannten ihn 1976, als ein Zeitungsartikel den Besuch aufdeckte, einen gewissenlosen Kollaborateur. Deutschland schwankte zwischen Betretenheit und Häme.

          „Man wusste immer so viel, dass man es vorzog, nicht mehr wissen zu wollen“: J.P. Sterns Schlüsselformel zum Nichtwissen und Mitläufertum so vieler Deutscher trifft auch auf Johannes Heesters zu, der nach 1976 häufig seine damalige Ahnungslosigkeit beteuerte. So wurde er in Gemütsdingen, was die Schriftsteller Ernst Jünger oder Gottfried Benn auf geistigem Gebiet für die Traumata der deutschen Vergangenheit sind.

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