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Zum Tod von Jérôme Savary Der Wert eines Clowns

Zirkus statt Didaktik: Mit dem Entsetzen der Zuschauer trieb Jérôme Savary seine Scherze. Nun ist der große Spaßmacher des Theaters gestorben.

© J. Paul GUILLOTEAU/EXPRESS-REA/l Ihm genügte eine Pfauenfeder zur Erheiterung: Jérôme Savary

Als er in den späten sechziger, frühen siebziger Jahren die europäische Szene aufzumischen begann und mit seinem „Grand Magic Circus“ dem Tarzan einen „Zartan“ als „ungeliebten Bruder“ (1970) zugesellte, die biblische und weltliche Geschichte „Von Moses bis Mao“ (1974) durch den Arenenkakao zog, frech nach Wien „Good bye Mr. Freud!“ (1975) grüßte und mit „Weihnachten an der Front“ (1981) im Hamburger Schauspielhaus aus dem ersten Weltkrieg eine wüste Gaudi (inklusive Landser-Striptease) machte - da packte die wackeren sozialdemokratischen Zuschauer und vor allem Kunstrichter von Frankreich bis Harvestehude das Entsetzen und sie schrien: „Ein Clown! Ein Clown!“ Man erwartete vom Theater damals Aufklärung über Gesellschaftliches, also das, was man über die Verhältnisse immer schon glaubte zu wissen, es von der Bühne herab aber gerne noch einmal, freilich im kritischsten Gestus!, bestätigt haben wollte. Man wollte mit dem Kopf, nicht mit dem Zwerchfell nicken. Jemand wie Jérôme Savary, der die Verhältnisse auf seiner szenischen Schmierenseife ausrutschen ließ, bis sie ins Tanzen und Slapsticken und Torkeln gerieten und nicht mehr wussten, ob sie links lachen oder rechts kieksen sollten, war verdächtig. Zumal er gerne auch lebende Hühner und komische Nazis seiner theatralischen Menagerie einverleibte. Er konnte mit dem Entsetzen allerliebste Scherze treiben. Was ihn noch verdächtiger machte.

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Der in Buenos Aires geborene Sohn eines französischen Schriftstellers und (mütterlicherseits) Enkel eines amerikanischen Gouverneurs, studierte Musiker, ausgebildete Comic-Zeichner, Autor von Fotoromanen, der mit Anfang zwanzig sich in Frankreich als Theatermacher etablierte, wusste aus den Verdächten gegen ihn Kapital zu schlagen. Und übernahm fröhlich die Rolle des Juckpulver-Lieferanten fürs deutsche Stadttheater, wiewohl er in Frankreich ein Theaterzentrum fürs Languedoc-Roussillon, dann eines in Lyon, zwölf Jahre lang das Théâtre National de Chaillot (bis 2000) und die Pariser Opéra Comique (bis 2007) leitete. In Frankreich war er halbwegs seriös, in Deutschland halbwegs ingeniös.

Seine Nachfolger griffen zur Brechstange

Von Bochum über Stuttgart bis Hamburg und Berlin trieb er in der Zeit der Erholung von der gesellschaftskritischen Didaktik das „Theater des Zirkus“ voran. Dabei wurde schnell deutlich, dass, was Ivan Nagel als „Mut, bis an die Extreme zu gehen“ an ihm rühmte, wie ein zu oft erzählter guter, wüster Witz an Kraft und Pfeffer verlor. Das Grelle, Komische, Verrückte wurde schnell Konvention, aus dem anarchischen Stolpern des Clowns eine gewisses groteskgravitätisches behagliches Schreiten. Sein „Bürger als Edelmann“, 1986 bei Zadek in Hamburg, hatte nicht mehr den Schmiss seines Frankfurter „Pariser Lebens“ von 1978, und als er 1991 für den enerviert die Regie hinschmeißenden Zadek den „Blauen Engel“ in Berlin mit Hängen und Würgen zu Premierenehren brachte, war dies schon mehr ein „Flauer Bengel“. Falladas Berliner Anti-Nazi-Widerstandsepos „Jeder stirbt für sich allein“ von 1981 (Regie: Zadek) verhalf Savary noch zu den Tanz- und Tango-Einlagen, die man bei so ernstem Stoff als Peinlichkeitszugabe ergeben hinnahm.

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Der Clown Jérôme Savary aber hatte seinen eigenen Wert, den er der bitteren Theaterwelt predigte: Dass das Theater auch Spaß machen dürfe. Seine bieder-derben deutschen Nachfolger arbeiten bis heute mit der Spaßbrechstange, mit der sie auf Stücke eindreschen. Savary genügte eine Pfauenfeder, mit der ihnen die Fußsohlen kitzelte. Jetzt ist dieser bunte Szenen-Hund im Alter von siebzig Jahren in Paris gestorben.

Quelle: F.A.Z.

 
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