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Zum Tod von Jean Baudrillard Jenseits der Möglichkeiten von Gut und Böse

07.03.2007 ·  Jean Baudrillards Schriften entstanden meist in unmittelbarer Auseinandersetzung mit der Aktualität. Mit seinen Büchern riss der Einzelgänger immer neue Lücken in unsere vertraute Wirklichkeitswahrnehmung: Zum Tode des Philosophen und Soziologen.

Von Joseph Hanimann, Paris
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Interessant werden die Umwege des Denkens dort, wo sie Zweifel über die philosophische Gesamtrichtung aufkommen lassen. Jean Baudrillard dachte abwegig und hinterlässt kein „Werk“, keine Lehre und schon gar keine Schülergemeinde. Seine Schriften entstanden meist in unmittelbarer Auseinandersetzung mit der Aktualität. Am besten sind sie deshalb dann, wenn Baudrillards Lieblingsformen der frühen kleinen Aufsatzbroschüren, des aphoristischen Journals „Cool Memories“ oder der aktuellen Zeitungsessays durchschimmern. Aus der Distanz wird daraus, zumindest seit dem Buch „Der symbolische Tausch und der Tod“ von 1975, ein wiederkehrendes Grundthema sichtbar. Es ist das den intellektuellen Horizont von Ideologie und Ideologiekritik durchstoßende Spiel mit dem Paradox, das der Realität ihre theoretische Griffigkeit abspricht und Gedanken lieber aufwirft als herleitet.

Mit pointierten Analysen zu Massendemokratie, Hypermoderne, Golfkrieg und Geist des Terrorismus, die ihm manchmal als Provokation und Nihilismus ausgelegt wurden, hat Baudrillard - weitgehend auf dem Umweg über Amerika - seit dreißig Jahren das Ende des ideologischen Positionskrieges der Intellektuellen mitgeprägt. Dabei war für den 1929 in Reims Geborenen, der in den sechziger Jahren als Deutschlehrer und Übersetzer von Brecht und Peter Weiss, aber auch von Karl May begann, zunächst nur eines klar: Eine Akademikerlaufbahn würde seine Sache nicht sein. Die 1966 eingereichte soziologische Doktorarbeit bei Henri Lefebvre, die als „Das System der Dinge“ später bei Gallimard herauskam, ist mehr ein Schlusspunkt als der Anfang einer Karriere. Von Roland Barthes und dessen semiotischem Blick auf die Alltagsmythen hatte Baudrillard gelernt, dass Zeichen realer sein können als das, wofür sie stehen.

Ausdeutung von Alltagsobjekten

Im Unterschied zu Barthes führte diese Einsicht ihn aber nicht auf Seitenwege des Schreibens, sondern auf die Spur seines wahren Talents: Der Ausdeutung von Alltagsobjekten, Kunstwerken, Gesellschaftsphänomenen, Kollektivritualen, Einzelverhalten galt, mehr philosophisch spekulierend als soziologisch ausmessend, über zwei Dutzend Bücher hinweg seine Hauptaufmerksamkeit, mit einem unüberhörbaren Nachklang von Alfred Jarrys „Pataphysik“, für die Baudrillard sich einst interessiert hatte.

„La societe de consommation“ oder „Pour une critique de l'economie politique“ hießen in den frühen siebziger Jahren noch ziemlich explizit die Buchtitel, bevor in Werken wie „Von der Verführung“ (1979) oder „Simulacres et Simulation“ (1981) der Quereinstieg zum jeweiligen Thema bevorzugt wurde. Mit dem Buch „Oublier Foucault“ hatte sich Baudrillard zuvor polemisch vom französischen Debattenstandard aus Engagement und Einmischung verabschiedet und ferneren Horizonten zugewandt.

Transparenz des Bösen

Er gehörte nie zu jenem Intellektuellentypus, der allgemeine Positionen vertrat und Aufrufe unterzeichnete. Baudrillard hatte eher etwas von einem aufmerksam beobachtenden Zeitgenossen, der verborgene Gesellschaftstendenzen analytisch vorwegnahm. Seine Methode war das Denken aus dem gesuchten Extrem, mit dem er seine Realitätsbeschreibung auf den Exzess hin zuspitzte und so mit einer unterschwelligen Mischung aus Überschwang und Furcht mögliche Entwicklungen analysierte. „Versuch über Extremphänomene“ lautete 1990 der Untertitel eines seiner interessantesten Bücher: „Transparenz des Bösen“.

Der Autor beschreibt darin den tiefgreifenden Paradigmenwechsel eines Zeitalters, das den dualistischen Wahrnehmungsrahmen von Begriff und Sache, Tat und Zustand, Möglichkeit und Realität verlässt und die distanzierende Raumtiefe von Spiegel oder Bühne durch die Serienschaltung von Bildschirmen ersetzt. Die Metapher weicht der Metastase, dem Wuchern des Immerselben: Die Katastrophe bedeutet nicht mehr Tod und Aus, sondern entfesseltes Wachstum, die dialektische Urszene von Kraft und Gegenkraft ist zu Ende, das „Böse“ kann nicht mehr bekämpft oder nur benannt werden. Die Systeme regulieren sich selbst durch Kollaps, Datenviren, Aids, Krebs, Terrorismus.

In seinem berühmten Aufsatz über den „Geist des Terrorismus“ sah Baudrillard nach dem 11. September 2001 seine These von der „Transparenz des Bösen“ bestätigt. Er stellte den Angriff auf das World Trade Center als „ecriture automatique“ des Terrorismus dar: Terrorismus als zwangsläufige Fehlleistung einer in ihrem Konsens autistisch gewordenen Weltgesellschaft. Alle weiteren Anschläge auf die Weltordnung bis hin zur Naturkatastrophe würden fortan potentiell als Variante dieses weltterroristischen Urakts wahrgenommen werden, prophezeite Baudrillard.

Lücken in der Wahrnehmung

Der spontane Anflug von Jubel bei moralischer Empörung, die dem Autor damals böse ausgelegt wurde, hatte weniger mit Schadenfreude gegenüber einer Hegemonialmacht zu tun. Er war wohl mehr ein Ausdruck der Erleichterung darüber, dass das Ende der Geschichte noch nicht eingetreten ist. Schon zehn Jahre zuvor hatte sich Baudrillard zum unwillkürlichen Freudenanfall vor jedem gelungenen Virenangriff aufs Computersystem und vor jedem missglückten Klonversuch bekannt - weil da ein Hauch Fatalität das Virtualreich des programmierten Glücks durchwehte.

Aus diesem Abseits hat der Einzelgänger Baudrillard mit seinen Büchern, Journalen und auch Fotos immer neue Lücken in unsere vertraute Wirklichkeitswahrnehmung gerissen. Im Zweikampf mit einer Krankheit, die ihn in eine klassische Konfrontationshaltung zurückzwang, ist er nun unterlegen.

Quelle: FAZ.NET mit Material von AFP, AP, dpa
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