19.10.2009 · Während einer öffentlichen Diskussion starb der Waadtländer Schriftsteller Jacques Chessex. Ein Arzt aus dem Publikum hatte ihm Komplizenschaft mit Roman Polanski vorgeworfen - und verließ, als Chessex zusammenbrach, fluchtartig den Raum. Nun fahnden die Schweizer Medien nach dem „Dichtermörder“.
Von Jürg AltweggEs war ein Brillenträger, das steht fest. Als Arzt und Vater von zwei Kindern stellte er sich den rund fünfzig Besuchern vor, als er das Wort ergriff. Dem berühmten Schriftsteller habe er auch einen Brief geschrieben, ohne Antwort. Es ging noch einmal um die Verhaftung von Polanski. „Jetzt stehe ich vor Ihnen, und Sie können sich mir nicht entziehen. Mit Ihren Worten sind Sie zum Komplizen eines Verbrechers geworden.“ In Yverdon geht es an diesem Abend um die Bühnenfassung von Jacques Chessex’ Roman über die Beichte eines sündigen Pfarrers. Beim Erscheinen vor mehr als dreißig Jahren gab es im kantonalen Parlament einen Vorstoß mit dem Ziel, ihm den Beruf als Lehrer zu verbieten.
Ruhig tritt der fünfundsiebzig Jahre alte Dichter seinem Kritiker entgegen, bis auf zwei Meter. Er kann mit Worten ungemein schlagfertig umgehen. „Dieser Allgemeinpraktiker verallgemeinert zu sehr“, antwortet Chessex dem Publikum. Er hat Erfahrung mit dem Volkszorn. Sein Buch über einem in seinem Heimatdorf Payerne von Nazi-Sympathisanten ermordeten jüdischen Viehhändler hat ihm Todesdrohungen eingebracht. Bei einer Diskussion zeigte ein Besucher vor Wochen mit dem Daumen auf die eigene Schlagader: So muss man Schweine umbringen.
Der Notfalldienst kommt zu spät
„Ich verurteile jegliche Pädophilie“, versichert Chessex dem Publikum: „Sie ist grauenhaft. Aber man muss bei Polanski zwischen der Tat und der Affäre unterscheiden. Wenn dieser Herr Doktor die Guillotine in Gang bringen will, soll er es tun.“ Dann will der Schriftsteller das Thema wechseln: „Pour enchaîner . . .“ – es sind seine letzten Worte. Jacques Chessex bricht zusammen. Man ruft nach dem Arzt, doch der ist nach seiner Verbalattacke geflüchtet. Voller Ehrfurcht und Würde verlassen die Besucher die öffentliche Bibliothek. Chessex bleibt allein mit seiner langjährigen Lebensgefährtin, die einst seine Schülerin war. Der Notfalldienst kommt zu spät.
Nicht erst sein Herztod machte den bedeutendsten Westschweizer Dichter seit Ramuz, der als erster Nichtfranzose für seine Roman „Der Kinderfresser“ den Goncourt-Preis bekommen hat, im Waadtland zur Legende. So wurde in der Schweiz noch nie um einen Dichter getrauert, auch nicht um Dürrenmatt. An Molières Tod auf der Bühne und Mozarts rätselhaften Besucher, der das „Requiem“ bestellte, erinnern die Leitartikler. Die Illustrierte hat die Bilder aus der Bibliothek und dem Familienalbum. Das Nachrichtenmagazin widmet dem Toten seinen Titel. Die aktuelleren Medien fahnden noch immer nach dem „Dichtermörder“. Auf gut fünfzig Jahre schätzen die Zeugen sein Alter, das Haar grau meliert. Einen Meter achtzig groß.
Eros und Tod, Schuld und Sühne
Doch der Steckbrief hilft nicht weiter. Die Polizei erklärt, dass sie keinen Auftrag habe. Die Ärztekammer gibt gerne Auskunft – vielleicht liegt zumindest ein Verstoß gegen den Eid des Hippokrates vor. Die Sekretärin des Schriftstellers hat keine Ahnung, welcher Briefschreiber es denn gewesen sein könnte. Er kam auch nicht aus Yverdon, denn er habe sich zur Bibliothek durchfragen müssen.
Jacques Chessex, dessen Vater sich selbst das Leben nahm, schrieb über Eros und Tod, über Schuld und Sühne in der Provinz. Und über das Schreiben als Obsession. Die Waadtländer hassten und verklären ihn. Hunderte kamen zum Begräbnis in die Lausanner Kathedrale. Würde er noch leben, wenn die Schweiz Roman Polanski nicht verhaftet hätte? Im Februar erscheint sein Buch über den ermordeten „Juden zum Exempel“ auf Deutsch. Und in Paris sein letztes Werk überhaupt: „Die vielen Schädel des Marquis de Sade“.