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Zum Tod von Horst-Eberhard Richter : Der Therapeut der Nation

Er mischte sich ein, mit seiner pazifistischen Überzeugung und seinen unermüdlichen Gegenwartsdiagnosen. Zum Tod des Psychoanalytikers und Friedensaktivisten Horst-Eberhard Richter.

          Die sechziger Jahre in Deutschland waren die hohe Zeit, in der die bürgerliche Kleinfamilie als Keimzelle seelischer Störungen identifiziert wurde. Was bis heute keine ganz falsche Einschätzung ist, außerdem im Kern schon zu den Erkenntnissen der frühen Psychoanalyse gehörte, wurde ins Politische umgemünzt. Horst-Eberhard Richter war einer der Protagonisten dieser Überführung von Privatheit in die Gesellschaft, an den Ort, der dann für lange Zeit unter „soziokulturelles Umfeld“ firmierte. Die behauptete Angepasstheit und die Intimität der klassischen Psychoanalyse wurden durch die offene Rede ersetzt, das Kollektiv zum seelischen Heilmittel erhoben.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Schon in den fünfziger Jahren erkannte Richter, der am 28. April 1923 in Berlin geboren wurde, in der Zurichtung der Menschen im Nationalsozialismus die Ursache psychischer Deformationen. Dass überhaupt die unbewältigten Konflikte von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden, führte er 1962 in seinem frühen Schlüsselwerk „Eltern, Kind, Neurose“ aus. Für ihn lag die Chance in der Gruppe, und der Siegeszug der „Gruppendynamik“ auf den unterschiedlichsten Schauplätzen verdankt sich entscheidend ihm. Die Gruppe, wie zugleich eines seiner berühmtesten Bücher von 1972 heißt, wurde zur „Hoffnung auf einen neuen Weg, sich selbst zu befreien“, so Richter. Mit seiner Theorie wirkte er eminent in die breite Öffentlichkeit hinein, über universitäre und intellektuelle Zirkel hinaus. Seine Popularität benutzte er vor allem auch in den Medien, um sich immer wieder einzumischen: mit seiner pazifistischen Überzeugung und seinen unermüdlichen Gegenwartsdiagnosen. Mit dem sprichwörtlich gewordenen „Flüchten oder Standhalten“ schrieb er 1976 ein Credo sozialer Widerständigkeit.

          Nicht wegzudenken

          Zweifellos steht Richter als ein Mahner in der Tradition der Aufklärung; Johannes Rau hat ihn einmal als den „Psychotherapeuten der Nation“ bezeichnet. Das muss ihm gefallen haben, der während des Zweiten Weltkriegs, unterbrochen von militärischen Einsätzen, in Berlin Medizin, Philosophie und Psychologie studierte. Er desertierte in Italien und wurde dort von französischen Truppen interniert. Anfang 1946 kam er frei und erfuhr dann, dass seine Eltern 1945 nach Kriegsende von russischen Soldaten ermordet worden waren; sein zutiefst humanistisches Engagement rührt auch daher. Die Organisation „Ärzte gegen den Atomkrieg“, die er mitbegründete, erhielt 1985 den Friedensnobelpreis. Von 1962 bis zu seiner Emeritierung 1991 leitete Richter das von ihm geschaffene Zentrum für Psychosomatische Medizin an der Universität Gießen, danach von 1992 bis 2002 das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt. Am Montag ist Horst-Eberhard Richter im Alter von 88 Jahren in Gießen gestorben. Er ist aus der Bundesrepublik Deutschland nicht wegzudenken.

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