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Veröffentlicht: 01.05.2014, 14:53 Uhr

Zum Tod von Heinz Schenk Wenn die Bembel Trauer tragen

In seinen besten Momenten konnte er Weltläufigkeit mit hessischer Galligkeit verbinden. Mit dem Tod des Entertainers Heinz Schenk geht nicht nur eine Epoche des deutschen Fernsehens, sondern auch eine Lebensart zu Ende.

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© dpa Bildergalerie: Heinz Schenk ist tot

„Unser David Bowie heißt Heinz Schenk“, sang die Deutschrock-Band Rodgau Monotones in ihrem Hit „Erbarme, die Hesse komme“. Heute ist die (gelegentlich noch aktive) Gruppe eine Legende. Heinz Schenk aber war es schon, als deren Song mit seinen beiden rhythmisch wiederkehrenden Rufen „Erbarme“ und „Zu spät“ 1984 die Jugend der Republik für hessische Lebens- und Mundart einnahm – seit 1966 hatte Schenk als Wirt des „Blauen Bock“ samstags nachmittags bis zu zwanzig Millionen Fernsehzuschauer erreicht.

Drei Jahre nach dem Adelsschlag durch die Rodgau Monotones schloss er die fiktive Apfelwein-Schenke; nach einem Jahrzehnt regionaler Bühnentätigkeit zog er sich diskret ins Privatleben zurück.

Frisiercremegescheitelt und immer auf Achse

So erreicht uns die Nachricht von seinem Tod fast wie eine Flaschenpost aus lange vergangener Zeit. Im ersten Moment. Dann aber kommen die Erinnerungen zuhauf: Wer auch nur flüchtig, auf dem Weg in die Disco oder zum Straßentreff, vor Zeiten einen Blick auf das warf, was die Eltern so unerschütterlich schauten, der vergaß diesen Wirt nie mehr.

Gewiss, seine Kneipe war billiges Pappmaschee, war imitiertes Sachsenhausener Fachwerkgewinkel, das in der Realität zur selben Zeit gnadenlos abgerissen wurde. Und viele der (oft steifen oder verkrampft fröhlichen) Gäste Schenks kriegten, so hieß es, statt des sauren Ebbelwoi stillschweigend Weißwein eingeschenkt. Doch das Personal war echt: Regnauld Nonsens, Kabarettist und Chef des bissigen Frankfurter Kabaretts „Die Schmiere“, gab mit hängenden Mundwinkeln und schlurfendem Gang einen ewig nörgelnden Oberkellner, wie er bis heute in den sogenannten gutbürgerlichen Kneipen Frankfurts anzutreffen ist.

Heinz Schenk gestorben © dpa Vergrößern Drei Profis von der Gaststätte: Heinz Schenk und Lia Wöhr posieren mit Reno Nonsens am Rande einer Ausgabe des „Blauen Bocks“

Lia Wöhr, die ihr Arbeitsleben zwischen der Organisation der Opernfestspiele in Verona und dem Darstellen töricht dreister, tratschsüchtiger Putzfrauen teilte, war „die Frau Wirtin“ mit Haaren auf den Zähnen wie nur je eine Sachsenhäuserin. Und Heinz Schenk gab Frisiercremegescheitelt und permanent auf Achse, den Chefkellner mit Kodderschnauze.

Vom Teppichverkäufer zum Kabarettisten

Auch hinter den Kulissen war er Chef, respektive der geistige Vater des „Blauen Bock“, schrieb Sketche, Dialoge und Couplets, war Conferencier und Sänger, Büttenredner und Dompteur. Zu Höchstform lief er auf, wenn etwas schief lief. Beim Improvisieren konnte sein ohnehin beachtliches Sprechtempo schwindelerregend schnell werden. Nur eines konnte er schlecht: ein Hehl aus Zu- oder Abneigung machen: Reagierten Gäste unprofessionell, agierten sie lustlos oder verschleppten sie Pointen, schob sich Heinz Schenks clowneske Unterlippe noch weiter nach vorn, wurde seine Wortgeschwindigkeit aberwitzig und der Ton hinter vordergründigem Witz gallig. Eine sozusagen gereizte Toleranz, eine insistierende regionalistische Weltläufigkeit machte sich dann Luft, wie man sie schon seinerzeit fast nur noch aus Büchern über die Frankfurter Lebensart kannte.

Dabei war Heinz Schenk in Mainz geboren und aufgewachsen. Dass er dort schon als Kind im Dom einen Beichtstuhl zum Kasperletheater umfunktioniert haben soll, möchte man nicht rundweg in Land der PR-Märchen verweisen. Ebensowenig, dass ihn, den permanent zu Streichen Aufgelegten, der Bischof mehrmals des Willigis-Gymnasiums verweisen wollte. Und wo, wenn nicht als Verkäufer der Teppichabteilung des Wiesbadener Kaufhauses Krüger und Brand, hätte man ihn, die Wortkanone, in jungen Jahren vermutet? Dass er abends privat Schauspielunterricht nahm, versteht sich angesichts der späteren Karriere fast von selbst.

Um ein Haar aber hätte es nie den Fernsehstar Heinz Schenk gegeben. Denn als der junge Wiesbadener Verkäufer reif für die Bühne war, herrschte in Deutschland der Rassenwahn des NS-Regimes. Schenk, dessen Mutter damit als „Halbjüdin“ gebrandmarkt war, hätte nicht auftreten dürfen. Wäre da nicht sein Pfarrer gewesen, der die Abstammungsurkunde „korrigierte“.

Ende einer Ära

Dass auch nach 1945 die große Bühnenkarriere ausblieb, hatte einen anderen Grund: Heinz Schenk lispelte. Aus der Not eine Tugend machend, wurde er Kabarettist, Parodist und Moderator. Der Durchbruch kam mit dem „Frankfurter Wecker“, einer Radiosendung des Hessischen Rundfunks, die es in den fünfziger Jahren fertigbrachte, früh morgens mit kabarettistisch angehauchten Livesendungen selbst notorische Morgenmuffel zum Lachen zu bringen. Dann kam der „Blaue Bock“, der Rest ist Geschichte.

Dass Schenk ein bravouröser Schauspieler war, bewies er im Alter. Nach seinem Fernsehabschied gastierte er regelmäßig am Frankfurter Volkstheater, brillierte als tragikkomischer Titelheld in „Der Datterich“, Ernst Niebergalls berühmter Posse vom genialen Schnorrer, und machte mit bravourös leichter Hand aus Molieres „Der Geizige“ einen zeitlos typischen Frankfurter Pfeffersack.
Dass Schenks humoresker Horizont nicht an den Giebeln des Frankfurter Römer und den Türmen des Mainzer Doms endete, bewies er 1988 in Dieter Wedels Mehrteiler „Wilder Westen inklusive“ und 1992 in Hape Kerkelings „Kein Pardon“.

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In der Nacht zum Donnerstag ist Heinz Schenk im Alter von 89 Jahren in Wiesbaden gestorben, fast genau ein Jahr nach der Schließung des Frankfurter Volkstheaters. Der Kabarettist und Schauspieler Michael Quast wird das Haus in neuer Form weiterführen. Eine Hoffnung. Doch sie ändert nichts daran, dass mit dem Tod Heinz Schenks nicht nur für Frankfurt eine Ära, vielleicht sogar eine Epoche endgültig zu Ende gegangen ist.

„Und der Quatsch wird auch noch bezahlt“: Heinz Schenk in der F.A.Z.

F.A.Z. (Rhein-Main-Zeitung) vom 7.2.1950 über die „erste Rheinische Fremdensitzung der Rheinlandervereinigung“:

Als Höhepunkt und Abschluß der letzten diesjährigen Sitzung brachte Heinz Schenk mit zündendem Humor seine Kellnererlebnisse und auf allgemeinen Wunsch „Heile heile Gänschen“. (Hch.)

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F.A.Z. (Rhein-Main-Zeitung) vom 22.08.1955 über die „Kerb in Girnheim und Fechenheim“:

Eine besondere Überraschung plant der FC Germania 08 am Mittwoch: Ein Quiz-Abend unter Mitwirkung von Heinz Schenk und dem Rohrbach-Ballett. Das Motto dieses Abends lautet: Nicht 1:0 für Sie. sondern 2:0 für Euch. (-us.)

* * *

F.A.Z. (Rhein-Main-Zeitung) vom 6.10.1958 über das „Erntedankfest der Frankfurter Bauern- und Gärtnerschaft“:

Für Gelächter und Spannung nach mancherlei ernsthafterer Unterhaltung der obigen Art sorgten ausgezeichnete akrobatische Darbietungen, auch Gesang, Klavierspiel und Clownerien, die der lebhafte und witzige Heinz Schenk, Wiesbaden, konferierend miteinander verband - ein gelungenes Programm (dessen einziger Fehler seine übermäßige Länge war). (ke.)

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F.A.Z. (Rhein-Main-Zeitung) vom 2.1.1961 über die „Silvesterfeiern im Palmengarten“:

Im Palmengarten führte Heinz Schenk als Conférencier sein Publikum ausgelassen durch die letzten Stunden des alten Jahrs.

* * *

F.A.Z. (Rhein-Main-Zeitung) vom 12.7.1965 über das Höchster Schlossfest:

Ansager Heinz Schenk, der als einziger die Menge zu fesseln schien, erntete Applaus mit der Bemerkung: „Und der Quatsch wird auch noch bezahlt“. (W.E.)

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F.A.Z. (Rhein-Main-Zeitung) vom 20.11.1965: „Neuer Wirt im ‚Blauen Bock‘“:

Vom Januar an übernehmen Heinz Schenk und Lia Wöhr die Fernseh-Äppelwoi-Wirtschaft des Hessischen Rundfunks „Zum blauen Bock“. Die Sendung besteht seit 1957 und wurde aus zahlreichen Orten in Hessen übertragen. Da Otto Höpfner als Quizmeister zum Zweiten Deutschen Fernsehen überwechselt, mußte eine neue Regelung gefunden werden. Auch Regnaud Nonsens wird von Zeit zu Zeit wieder mit von der Partie sein. (f.)

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F.A.Z. (Rhein-Main-Zeitung) vom 20.4.1968: „'Blauer Bock' wird farbig“:

Die beliebte hessische Unterhaltungssendung im deutschen Fernsehen, der „Blaue Bock“, wird im Herbst noch attraktiver werden. Am 26. Oktober wird der „Blaue Bock“ zuerst in Farbe ausgestrahlt. (dpa)

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F.A.Z. (Rhein-Main-Zeitung) vom 21.12.1987 zur letzten Ausgabe des „Blauen Bock“: „Schenk-Schänke“:

Wem so ein echtes hessisches Mundwerk gewachsen ist, der läßt sich selbst vom ausgefeiltesten Playback nicht das Wort nehmen. Aber außer der Tonspur aus dem Studio zu seinen Gesangseinlagen bleibt Heinz Schenk zum Abschied allem treu, was ihm seit einundzwanzig Jahren die Treue von Millionen sichert. Sogar die Träne kalauert er uns aus dem Knopfloch, bevor er die TV-Klause „Zum Blauen Bock“ für immer verläßt, vorgestern im Ersten. Und das will was heißen, treibt doch die Wehmut des Augenblicks auch ihn näher ans Wasser.

Trotzdem: Ein richtiger Profi beherrscht den Schmerz. Letzte Sendung, letzte Sprüche, letzte Gelegenheit, mit „Kuli“ gleichzuziehen, muß er sich gesagt haben und nimmt sich, was ihm zusteht. Kaum unterbietet er das Überziehungssaldo des Kollegen, der vor ein paar Wochen sein Telequizbuch zuklappte.
Nach „EWG“ nun also auch kein „Blauer Bock“ mehr auf dem Bildschirm.

Beide Dauerbrenner haben in Frankfurt zu glimmen begonnen, beide die Lichter hier gelöscht.. Drei Jahrzehnte lang floß aus dem Bembel der Ebbelwei, zwei davon schenkte ihn der Schenk aus. Überall im Ländchen schlug er die Schänke auf, zog die Bäumchen seines Vorgängers Otto Höpfner heran. Sauergekeltert füllte die Äppelernte schließlich den Kanal am besten Sendeplatz - singend und klingend, samstags nach der Tagesschau.

Das „Herz uff hessisch“ unermüdlich auf der Zunge, babbelte der um Antworten selten Verlegene das Nationalgetränk republikfähig. Wenn einer, dann hat der Wahlfrankfurter sich um seine Heimat verdient gemacht. Die imagebesorgte Stadt sollte es ihm danken. (gmi.)

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F.A.Z. (Feuilleton) vom 10.12.1994 zum siebzigsten Geburtstag von Heinz Schenk:

Den Gipfelpunkt seiner Karriere nach dem Blauen Bock, zu der noch „De Geizhals“ in einer Hessenversion von Molières „l’Avare“ und manche Samstagabend-Unterhaltung gehören, inszenierte Schenk mit seiner Rolle als Showmaster Heinz Wischer in Hape Kerkelings Kinofilm „Kein Pardon“. Wie er hier verbissen immer dieselbe Szene probt, in der er im Glitzerjacket zusammen mit einem rosa „Glückshasen“ eine Showtreppe heruntersteigt und dazu die Erkennungsmelodie „Witzischkeit kennt keine Grenzen“ singt - das übertrifft jede noch ausdenkbare Satire auf das Unterhaltungsgewerbe im Fernsehen. Wie groß muß Schenks Disziplin, wie groß sein Respekt vor dem Publikum und einer ordentlich abgelieferten Arbeit sein, daß er in seiner Gestalt freiwillig das Beliebtheitsideal und die Schmierencharge zusammenfallen ließ? Ein ironischer, ein weiser, ein großer Mann. (Dirk Schümer)

Glosse

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