Home
http://www.faz.net/-gqz-6jyrk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Zum Tod von Fritz Teufel Die Späße, die ihr kennt

Legendär wurde er mit seiner Antwort auf das Ersuchen des Gerichts, sich zu erheben: „Wenn's der Wahrheitsfindung dient.“ Aber aus dem Guerilla-Spaß wurde Ernst. Zum Tod von Fritz Teufel, dem Gründer der „Kommune I“.

© dpa Vergrößern Der Publizistik-Student Fritz Teufel 1967 in der Kantine des Kriminalgerichts Berlin Moabit

Noch lachten sie, noch machten sie nur Witze. Dann wurde aus dem Spaß der Ernst; seit dem Beginn der siebziger Jahre wurden echte Waffen angeschafft und lösten das Puddingpulver ab, in dem die West-Berliner Polizei Anfang 1967 Sprengstoff für ein Attentat gegen den in Berlin weilenden amerikanischen Vizepräsidenten Hubert Humphrey vermutet hatte. Auch der Maoismus, die Begeisterung für die chinesische Kulturrevolution, die damals wütete, trug zunächst die Züge einer surrealen Provokation, als die „Kommune I“, der Fritz Teufel, Rainer Langhans und Dieter Kunzelmann angehörten, sich die kleinen roten „Mao-Bibeln“ aus der chinesischen Gesandtschaft im Ostteil der Stadt besorgte und im Westen in Umlauf brachte.

Übergang in den Schrecken

Mehr zum Thema

„Klau mich“ hieß das Buch, in dem Teufel und Langhans 1968 ihre Aktivitäten dokumentierten. Amazon führt es bis heute und vermerkt lakonisch: „Noch keine Kundenrezension vorhanden“ – ein objektiver Scherz nach Teufels Geschmack. Der Verleger war Bernward Vesper, Lebensgefährte von Gudrun Ensslin. Es gehört zu den fortdauernden Aufgaben einer Kulturgeschichte der Bundesrepublik, sich auf den Übergang des subversiven, artistischen Unernstes in den Terror der RAF und der „Bewegung 2. Juni“ einen Reim zu machen. Denn es gibt ja eine Art von Witzen, die zunächst einmal den terroristischen Wünschen zum straflosen Ausdruck verhelfen.

Fritz Teufel gestorben2 © dpa Vergrößern Teufel war Ende der 60er Jahre bekannt für seine provozierenden Politaktionen

Von dieser Art waren die Aktionen der Kommune I. Das „Pudding-Attentat“ sollte beides sein, ein Attentat und doch nur mit Pudding. Am 17. Juni 1943 wurde Teufel in Ludwigsburg geboren. Mit zwanzig Jahren ging er nach Berlin und studierte Germanistik, Publizistik und – sehr passend – Theaterwissenschaften. Teufel selbst, der Witze mit seinem Namen nicht scheute, hat einmal vom Vorbild des „Struwwelpeter“ gesprochen, das ihn und die Seinigen beseelt habe: Langhans war mit üppigem Schopf für die Titelrolle prädestiniert, Teufel übernahm den Part des Daumenlutschers. Eine Zeitlang geht der Infantilismus gut; dann, mit dem definitiven Ende der Adoleszenz, das für Fritz Teufel Anfang der siebziger Jahre gekommen war, wollte man doch etwas Wirkliches leisten – im „bewaffneten Kampf“.

Nach langen Jahren der Haft, nach Reisen und Auslandsaufenthalten in Großbritannien und Portugal musste der Rückweg in den unkriminellen Spaß gesucht werden, aber das Ergebnis waren nur schale Streiche. 1982 trat Teufel in der Talkshow „3 nach 9“ von Marianne Koch und Wolfgang Menge auf, das Thema waren Umgangsformen. Wiedervorlage des Puddingattentats: Teufel, damals von staatlicher Arbeitslosenunterstützung lebend, bespritzte den Finanzminister Hans Matthöfer mit einer Wasserpistole. Man sah die ungeheure Vergeudung einer Anlage, die einmal geistvoll begonnen haben mochte, an die schiere Sinnlosigkeit. Dann wurde er Fahrradkurier.

Seine schwere Parkinson-Erkrankung, an der er seit Jahren litt, hat er tapfer ertragen, und dabei mag ihm nun doch der zum gelassenen Humor gedämpfte Witz wieder geholfen haben. Am Dienstag ist Fritz Teufel in Berlin gestorben.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Herzblatt-Geschichten Null Lust auf Ausbildung

Auch in dieser Woche haben unsere Prominenten wieder alles gegeben. Cheyenne Ochsenknecht etwa will nichts lernen und drängt deshalb in die Modebranche. Schön sein muss reichen. Mehr

20.07.2014, 09:40 Uhr | Gesellschaft
Herzblatt-Geschichten Sixpack am Rücken

Sylvie Meis turtelt mit einem niederländischen Fußballer auf Ibiza an der holländischen Küste, Semino Rossi beweint seine heisere Mutter und Günther Jauchs lauwarmer Gag über seine Ehe schafft es zumindest auf die Titelseite von „Die neue Frau“. Mehr

13.07.2014, 12:16 Uhr | Gesellschaft
Rede auf Angela Merkel Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin!

Die Sonne kreist nicht um die Erde, und die Geschichte längst nicht mehr nur um die Nation, Europa oder den „Westen“. Ein Plädoyer für mehr historische Weltneugier, gehalten auf der Geburtstagsfeier der Kanzlerin. Mehr

18.07.2014, 17:30 Uhr | Feuilleton

Nicht dummstellen

Von Christian Geyer

Alle Beschwichtigungsrhetorik kann nicht darüber hinwegtäuschen: Der aktuelle Antisemitismus hat eine neue Qualität erreicht. Seine Wurzeln liegen in der Türkei und arabisch-islamischen Herkunftsländern. Ein Kommentar. Mehr 833