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Veröffentlicht: 12.06.2014, 18:36 Uhr

Zum Tod von Frank Schirrmacher Ein sehr großer Geist

Frank Schirrmacher, der für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zuständige Herausgeber, ist gestorben. Damit ist ein Leben zu Ende gegangen, das ganz der Verteidigung des freien Denkens gewidmet war. Wir trauern um einen einzigartigen Publizisten.

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© Laif Frank Schirrmacher, 1959 bis 2014

Frank Schirrmacher, der sprach- und wirkmächtigste Kulturjournalist, den Deutschland je hatte, ist tot. Er starb am Donnerstag, dem 12. Juni 2014, in Frankfurt am Main und wurde vierundfünfzig Jahre alt. Niemand, der sich auch nur ein wenig für die Welt des Geistes interessiert, wird diese Nachricht fassen können. Das hat nicht nur mit dem Lebensalter zu tun, in dem dieser in vielerlei Hinsicht einzigartige, große Mann von uns gehen musste, sondern auch mit dem, was er selbst für diese Geisteswelt getan hat, in und außerhalb dieser Zeitung, der er rund dreißig Jahre angehörte, davon die letzten zwanzig als für das Feuilleton verantwortlicher und es in jeder Hinsicht prägender Herausgeber.

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Der große Mann ist ein öffentliches Unglück – es ist nicht pietätlos, sondern hoffentlich in seinem Sinne und ganz sicher nicht zu hoch gegriffen, wenn man an dieser Stelle auf Thomas Mann zu sprechen kommt, der dieses ursprünglich chinesische Sprichwort in seinem Goethe-Roman „Lotte in Weimar“ zitiert, um die Ambivalenz, die geistige Überlegenheit in sich trägt und bei anderen auch auslösen mag, kenntlich zu machen. Frank Schirrmacher hatte für Ambivalenzen, für Zwiespältigkeiten jeder Art immer einen besonders ausgeprägten Sinn und war dabei ohne weiteres in der Lage, bei Sachfragen auch andere, selbst gegenteilige Meinungen immer selbst schon dazuzudenken.

Das instinktive Fühlen dessen, was unvermeidlich auf uns zukommt

Wer mit ihm zu tun hatte, spürte, dass er alle möglichen Gesichtspunkte selbst schon in sich verkörperte und – ob nun im Gespräch mit, und hier darf man sagen: seinen Redakteuren oder alleine – nur herausfinden wollte, welches der jeweils richtige wäre. Platte Meinungen, „Anschauungen“ erfuhr man von ihm selten; und das, aber beileibe nicht nur das, war gut für diese Zeitung, zu deren höheren, nämlich wieder geistigen Zwecken er buchstäblich rund um die Uhr im Dienst, ansprech- und erregbar war. Und er hat sich, wie man nun sehr trauriger Weise feststellen muss, dafür aufgerieben. Man wird nie herausfinden, ob er selbst geahnt hat, dass gerade seine Zeit so begrenzt sein würde – schon das Pensum, das er in praktisch ununterbrochener Suche nach Themen ging, und das Tempo, das er dabei vorlegen konnte, sprechen dafür. Sicher ist aber, dass er die oft als so trivial erscheinende Tatsache der Endlichkeit des Lebens, selbst eines so produktiven, im zeitgemäß besten Sinne schöpferischen, wie es seines gewiss war, nicht einen Moment lang vergessen hat. Deswegen sah er eine Zeitung oder zumindest diese Zeitung und speziell deren Feuilleton immer auch als Bühne, auf der man einfach agieren müsse und ja auch dürfe – eine Maxime, die er selbst ausgesprochen hat, die aber im Alltag oft genug vergessen wurde.

Aber nie von ihm. Nur seine, im allerbesten Sinne liberale, weil wirklich auf geistige Freiheit setzende Berufsauffassung machte es möglich, dass dieses Feuilleton in den zwanzig Jahren, in denen es ihm unterstand, zu dem Debattenforum wurde, als das es heute gesehen wird.

Die breite Wirkung, die er erzielte, war nicht nur eine Frage eines persönlichen Ehrgeizes; das ist banal und gilt für jeden Journalisten. Wovon Frank Schirrmacher vielmehr buchstäblich beseelt war, das war der sogenannte erweiterte Kulturbegriff, unter dem er alles verstand und infolgedessen auch für berichtenswert hielt, was unser (modernes, zeitgenössisches) Leben prägt, vor allem natürlich technisch-futuristische Aspekte. Dazu gehört seit geraumer Zeit vor allem die komplette digitale Welt, die er erkannt, durchschaut und der er zuletzt misstraut hat wie wohl kein Zweiter, jedenfalls im Raum der deutschsprachigen Publizistik, ohne dass er je, darauf legte er besonderen Wert, zum „Kulturpessimisten“ oder „Technikfeind“ geworden wäre. Denn das waren für ihn einfach nur Schimpfwörter, die der Komplexität seines Denkens, Fühlens und Handels nicht annähernd gerecht geworden wären.

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Sein jüngstes von vier Sachbüchern, „Ego“, entstand im wesentlichen vor zwei Jahren, und der unendlich traurige Autor dieser Zeilen hatte die Ehre, dass ihm daraus vorgelesen wurde: Alles, was wir, und zwar erst ein Jahr später, durch Edward Snowden erfuhren, und die Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden sollten, stand schon im Wesentlichen in seinem Buch. Tatsächlich wie ein Seismograph spürte er wie wohl kein Zweiter. Das war kein bloßes „Themengespür“, so etwas haben andere auch; bei ihm war es das instinktive, fast konkrete, aber für Außenstehende absolut unbegreifliche Fühlen dessen, was tatsächlich und, nach seiner Überzeugung, auch unvermeidlich auf uns zukommt – ob nun die Alterung der Gesellschaft in seinem Buch „Das Methusalem-Komplott“, die Bedeutung familiärer Bande in „Minimum“ oder der Nutzen und der Nachteil des Digitalen in „Payback“ und zuletzt eben „Ego“.

Ein literarischer, phantasievoller, buchstäblich freier Blick

Eine sehr platte Sicht könnte letzteren Titel auch auf den Autor selbst beziehen – nichts hätte ihm, der, ohne dass die Öffentlichkeit das freilich hätte mitbekommen können, immer in Sorge war, wichtigtuerisch oder eitel zu erscheinen, ferner gelegen. Beides war er, wie ich an dieser Stelle mit Herzensüberzeugung behaupte, nicht. Es ging Frank Schirrmacher vielmehr um die Rettung des Ich als eines frei denkenden Subjekts, in jeder Kultursparte, und darum, es vor jeder Manipulation durch soziale oder ökonomische Zwänge, kurz: vor jeder Zu- und Abrichtung zu schützen. Wie oft hat er in Konferenzen, in denen die nicht immer gute wirtschaftliche Lage der Zeitungen zur Sprache kam, gesagt: „Was uns keiner nehmen kann, ist unser Geist. Er ist unser Kapital. Also seien Sie selbstbewusst!“

Dass Frank Schirrmacher das war, steht jetzt nicht zur Debatte – er war es wiederum in dem zwiespältigen Sinne, dass er sich selbst bis in die letzten Regungen seines Charakters kannte. Dieser Charakter war, um das mindeste zu sagen, schillernd; und er war, auch dies gehört in dieser Stunde dazu, bei einigen auch gefürchtet. Jeder, der ihn kannte, der das Glück hatte, ihn zu kennen und, vielleicht sogar, auch mit ihm zu arbeiten, wird wissen, wie das gemeint ist. Es kann gar nicht missverstanden werden. Denn Frank Schirrmacher war sich bewusst, dass nicht nur sein Feuilleton eine Bühne (für jeden von uns!) war, sondern auch, dass er als Chef es nicht immer allen recht machen konnte. „War ich zu streng? Habe ich übertrieben? Aber ich muss doch manchmal so sein.“ Wie oft hat man das von ihm gehört. Vielleicht hat er manchmal übertrieben, aber das ist jetzt nicht mehr zu ändern. Tatsache ist jedenfalls, dass er, sobald es ernst wurde, als Chef auf jeden Belang Rücksicht nahm.

Vielleicht ist am Ende noch ein persönliches Wort erlaubt. Was mich betrifft, so lernte ich Frank Schirrmacher im März 2001 kennen. Ich hatte bei der Zeitung unterschrieben, und dann kam eine Mail: „Ich putze gerade Ihr Zimmer – mit Ata.“ Es liegt in der Natur der Sache, dass sich die Öffentlichkeit von dem, ich möchte sagen: wirklich einzigartigen Humor dieses Mannes so gut wie keinen Begriff machen konnte. Dabei war er der geistreichst-witzigste Mensch, der mir je begegnet ist. Die Scherze, die er auf Lager hatte, sind Legion, über viele könnte man ganze Artikel oder sogar Bücher schreiben, weil in ihnen ebenfalls etwas zum Ausdruck kam, was ihn vor allen anderen auszeichnete: ein literarischer, extrem phantasievoller, eben buchstäblich freier, meistens auch sehr abgründiger Blick – nicht nur auf kulturelle Phänomene, sondern auf das Leben selbst. Wie in einem Prisma wusste er die Stimmen und Strömungen um ihn herum zu bündeln und ihnen, in Form eben dieses Kulturteils, Ausdruck und Geltung zu verleihen.

Eine Sympathie für die Zerrissenen

Frank Schirrmacher dachte in Zusammenhängen, die immer auch das Ganze und das Kommende betrafen. Deswegen gab es unter ihm, wenn man so will, auch mehrere Paradigmenwechsel, die auch Ausdruck seiner Überzeugung waren, dass unser Leben selbst ständig einem Wandel unterworfen ist. Von der Literatur, die er in dieser Zeitung von 1989 (mit kaum dreißig) bis 1994 verantwortete, wandte er sich irgendwann ab, weil er zu spüren schien, dass das Entscheidende inzwischen woanders gedacht wird – zuletzt eben in den IT-Debatten, die er prägte wie kein anderer.

Die Bedeutung seiner immensen Intellektualität wird man zu diesem Zeitpunkt nicht ermessen können. Zum Schluss noch dies: Er mochte es, wenn man aus Thomas Manns Dostojewski-Essay zitierte: „Denn unter anderem war dieser Gekreuzigte ein ganz großer Humorist.“ Frank Schirrmacher hatte für die Zerrissenen immer besonders viel übrig – vielleicht, weil er es selbst auch war.

Man soll sparsam sein mit dem Wort, aber es ist tragisch, dass dieser Mann nicht mehr am Leben ist. Schließen wir, in leichter Abwandlung, mit den Worten des treuen Chronisten aus Thomas Manns „Doktor Faustus“: „Gott sei eurer Seele gnädig, mein Freund.“

Quelle: F.A.Z.

 

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Glosse

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