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Zum Tod von Dieter Hildebrandt : Lieber Kleinkunst als keine Kunst

Dieter Hildebrandt 1927 - 2013 Bild: picture-alliance / Eventpress Ho

Er war Mitbegründer der „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“, Kopf des „Scheibenwischer“ und einer der wichtigsten Kabarettisten der deutschen Nachkriegszeit. Nicht einmal mit Sendeboykott war ihm beizukommen. Jetzt ist Dieter Hildebrandt im Alter von 86 Jahren gestorben.

          Er war unermüdlich, unerbittlich und im besten Sinne unbelehrbar – obwohl er selbst durchaus belehren wollte, und zwar um jeden Preis. Dieter Hildebrandt war das personifizierte schlechte Gewissen der Nation, ein Kabarettist vom alten Schlag, der wusste, wie die Welt auszusehen hatte, aber eben nicht aussah. Aus diesem notwendigen Scheitern zieht sich das Selbstverständnis eines Zynikers, und auch das war Hildebrandt, zu unserem Glück. Mit dem neuen Komödiantentum, das die deutschen Kleinkunstbühnen in Kleinstkunst-, wenn nicht gar Keinkunstbühnen verwandelt hat, wollte Hildebrandt nichts zu tun haben. Dafür gebührt ihm großer Respekt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Denn er war derjenige der alten Recken aus der großen deutschen Kabaretttradition des Düsseldorfer Kom(m)ödchens, der Berliner Wühlmäuse oder der Münchner Lach- und Schießgesellschaft – Letzterer gehörte Hildebrandt nicht nur an, er hatte sie 1956 gegründet und 1976 nach vierjährigem Aus wieder neu ins Leben gerufen –, der nie an Popularität einbüßte, auch wenn sein typisch skeptischer Seitenblick nach einer Bosheit zuletzt mehr nostalgischen als humoristischen Charme besaß. Er wusste aber auch, dass Kabarett vor allem böse zu sein hatte; Lachen ist in diesem Fach nur eine notwendige, keine hinreichende Bedingung für Qualität. Wenn es überhaupt so etwas wie einen Nachfolger für dieses Selbstverständnis gibt, so ist es Josef Hader.

          Das Leben hatte es nicht gut mit Hildebrandt gemeint, bis er in den frühen fünfziger Jahren seine Berufung fand. 1927 in Schlesien geboren, musste er noch als Flakhelfer in den Krieg ziehen – dass seine urkundlich dokumentierte Mitgliedschaft in der NSDAP freiwillig war, hat Hildebrandt bestritten, als sie 2007 bekannt wurde. Aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft kommend, zog er zu seiner heimatvertriebenen Familie nach Bayern und ging 1950 nach München, um sich zum Schauspieler ausbilden zu lassen. Doch ein Faschingsauftritt 1952 brachte ihm Angebote für Kabarettauftritte in Schwabing ein, bezahlt wurde er mit Freibier und Abendessen. Dort bildete sich der Kern der späteren Lach- und Schießgesellschaft, die von dem Sportreporter Sammy Drechsel als Truppe engagiert wurde.

          © ZDF

          Hildebrandts bis heute währende Beliebtheit verdankt sich aber entscheidend zwei Serien, die Fernsehgeschichte schrieben: Das war einmal seine eigene Satiresendung „Scheibenwischer“, die 28 Jahre lang, von 1980 bis 2008, in der ARD lief, obwohl es das ZDF gewesen war, dass seit 1973 mit Hildebrandts „Notizen aus der Provinz“ die Fernsehtauglichkeit des Solo-Kabarettisten bewiesen hatte. Vor der Bundestagswahl von 1980 verordnete der Mainzer Sender dem erklärten SPD-Parteigänger aber eine Denk- und Sendepause, was ihn zur Konkurrenz trieb, die ihn sofort wieder auf den Bildschirm ließ. Im Mai 1986 wurde der „Scheibenwischer“ dann zur Legende, als der Bayerische Rundfunk sich aus der laufenden Übertragung ausblendete, weil den CSUnahen Senderchefs nicht passte, was Hildebrandt über Tschernobyl erzählte.

          Der Maßstab seines Werks

          Die zweite Quelle seines großen Ruhms war Helmut Dietls Sechsteiler „Kir Royal“ aus dem gleichen Jahr 1986, in dem Hildebrandt den Fotografen Herby spielte, der als treuer Mitstreiter des von Franz Xaver Kroetz verkörperten Klatschreporters Baby Schimmerlos die feine Münchner Gesellschaft unsicher machte. Die beiden Sensationen des Jahres 1986 gaben aber auch fortan den Maßstab vor, dem Hildebrandt ausgesetzt war. Der „Scheibenwischer“ verkam spätestens in der Mitte der neunziger Jahre, nachdem die deutsche Wiedervereinigung ihm noch einige Höhepunkte beschert hatte, zu einer blassen Nummernrevue, in der selbst wenig inspirierte Gäste immer wichtiger wurden, weil Hildebrandt zu lange an den eingespielten Manierismen festhielt. Und er hatte das Pech, 2012 in „Zettl“, der missglückten Kinofortsetzung von „Kir Royal“, seine alte Rolle als Herby wieder anzunehmen, während Kroetz wohlweislich darauf verzichtete, den alten Ruhm durch die Wiederaufnahme zu gefährden. Und doch war es ein Glück, Hildebrandt darin noch einmal zu sehen, obwohl sein Auftritt als Fotograf im Rollstuhl nichts Gutes vermuten ließ.

          Dass er da schon kurz vor seinem 85. Geburtstag stand, merkte man ihm gleichwohl nicht an. Die Bissigkeit und das verknautschte Mienenspiel waren bitterböse wie eh und je. Hildebrandt litt da aber noch nicht an seiner schweren Krankheit, die erst im Sommer 2013 diagnostiziert wurde. Er blieb kabarettistisch aktiv. In der Nacht zum gestrigen Mittwoch ist er sechsundachtzigjährig in München gestorben.

          ARD ändert Programm zum Tod von Dieter Hildebrandt

          Zum Tod von Dieter Hildebrandt ändern die Sender der ARD am Mittwochabend und am Donnerstag ihr Programm.

          Programmänderungen im Fernsehen

          ARD, Das Erste:

          Mittwoch, 21.45 Uhr
          „Dieter Hildebrandt - Der Weltverbesserer“, ein Nachruf

          Mittwoch, 22 Uhr
          „Dieter Hildebrandt - Lachgeschichten“, Porträt

          BR-Fernsehen:

          Mittwoch, 22 Uhr
          „Dieter Hildebrandt - Das Beste“

          Mittwoch, 22.45 Uhr
          „Kino Kino“

          Mittwoch, 23 Uhr
          „Köpfe in Bayern: Dieter Hildebrandt - ein Porträt“

          Donnerstag, 21 Uhr
          „Schlachthof: Zum Tod von Dieter Hildebrandt“

          BR-alpha:

          Mittwoch, 23.59 Uhr
          „alpha-Forum: Dieter Hildebrandt“

          RBB-Fernsehen:

          Mittwoch, 20.15 Uhr
          „Die „Scheibenwischer“-Jahre“, heute, am Mittwoch, um 20.15 Uhr

          Mittwoch, 21 Uhr
          „Scheibenwischer“

          HR-Fernsehen:

          Mittwoch, 23.15 Uhr
          „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ mit Dieter Hildebrandt in der Hauptrolle


          Programmänderungen im Radio

          WDR 5

          Mittwoch, 20.05 Uhr
          „WDR 5 Das Tischgespräch“ mit Dieter Hildebrandt, Wiederholung von 2009

          Mittwoch, 21.05,
          WDR 5 spezial, Was bleibt mir übrig? – Zum Tode von Dieter Hildebrandt, Nachruf von Axel Naumer

          WDR 2

          Samstag, 22 Uhr
          WDR 2 Zugabe, darin von 23.05 bis 24 Uhr Rückblick auf das Lebenswerk von Dieter Hildebrandt, Moderation: Sigrid Fischer

          WDR 4

          Samstag, 18.05 Uhr
          Rückblick auf das Wirken Dieter Hildebrandts, Moderation  Rainer Hagedorn


          hr1

          Mittwoch, 20.05 Uhr
          „hr1-Talk“ mit Dieter Hildebrandt und Marco Schreyl.

          hr2

          Donnerstag, 12.05 Uhr (Wiederholung um 23.05 Uhr)
          „Doppel-Kopf“ mit Dieter Hildebrandt

          Donnerstag, 18.05 Uhr
          „hr2-Der Tag: Schluss mit lustig – ‚Der Tag‘ singt das Hildebrandts-Lied“

          Quelle: FAZ.NET

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