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Zum Tod von Daniel Keel : Alles, nur nicht langweilig

  • -Aktualisiert am

Stütze der deutschen Literatur: Diogenes-Verleger Daniel Keel im Jahr 2002 Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Zwischen E und U passt immer noch ein D: Dafür sorgt der Diogenes Verlag. Jetzt ist sein Gründer und Leiter Daniel Keel gestorben.

          Im schweizerischen Wallfahrtsort Einsiedeln wurde er geboren, in Zürich baute er seinen Verlag auf, doch dem Geist nach war Daniel Keel Angelsachse. Dafür sprachen nicht nur sein hintergründiger Humor und seine Vorliebe für ironische Aperçus, Sprüche und Zitate, die er leidenschaftlich sammelte, gern auch zu Anthologien. Man spürte es auch an seiner persönlichen Art des Umgangs, die sich selbst gar nicht, die Autoren und Bücher indes sehr wichtig nahm. Man spürte es ebenso an der unverbrüchlich hellen Freude des Cineasten an Buster Keaton, Harold Lloyd oder den klassischen Screwball-Komödien mit ihrem temporeichen Witz. Eine seiner Lieblingsbeschäftigungen sei es, Fred Astaire beim Stepptanzen zuzusehen, erzählte Daniel Keel oft, „diese Lebensfreude, diese Einfälle, diese Körperbeherrschung!“ Die mitreißende Kunst, das Schwere leicht und lustvoll aussehen zu lassen, beherrschte er selbst als Diogenes-Verleger mit der Eleganz und Sicherheit seines tanzenden Vorbilds. Daniel Keel war davon überzeugt, dass gute Literatur niemals schwer oder anstrengend zu lesen ist, und diese Auffassung prägte sein Verlagsprogramm – eines der erfolgreichsten des letzten sechzig Jahre.

          Es war der Enthusiasmus des Mannes, der so gern mit anderen lachte, der 1953 zur Gründung des ungemein stilprägenden Verlages führte. Andere mögen älter sein, mehr Nobelpreisträger und literarische Schwergewichte unter Vertrag haben, doch was die Leserbindung angeht, kann es keiner mit Diogenes aufnehmen. Zwischen den in Deutschland allgegenwärtigen Polen von E und U etablierte Daniel Keel seine D-Literatur: niveauvoll und zugänglich. „Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur die langweilige nicht.“

          Liebling der Buchhändler

          Ein gutes Buch war für Keel eines, dass es eine gute Geschichte gut erzählt, ob in Worten oder Bildern. Den Auftakt machten denn auch große Zeichner, deren Witz subversive Kraft besaß, Ronald Searle, Paul Flora, Tomi Ungerer, Jean-Jacques Sempé und natürlich Loriot, dessen Buch, „Auf den Hund gekommen“, 1954 eine lebenslange Partnerschaft einläutete. In jenem Jahr bekam Keel außerdem betriebswirtschaftliche Unterstützung durch seinen Kindheitsfreund, den am selben Tag geborenen Ruedi Bettschart. Sein Kompagnon habe den Verlag mehrmals vor dem Ruin bewahrt, sagte Keel gern – wobei das mindestens so sehr wie an Bettscharts Verständnis für Soll und Haben an Keels Gespür für lesbare Literatur gelegen haben dürfte.

          Nicht nur inhaltlich gab er seinem Verlag ein unverwechselbares, verschmitzt lächelndes Gesicht. Er etablierte die Marke Diogenes bereits zu einer Zeit, als im Verlagswesen noch niemand an derlei dachte. Angefangen bei den weißen Umschlägen mit ihrem hohen Wiedererkennungswert, dem taschenfreundlich kleinen, vertrauenerweckend stämmigen Format bis hin zu den originellen Werbesprüchen schuf er eine Verlagsidentität, bei der Pfiff und Klasse ein für deutschsprachige Verhältnisse selten gelungene Mischung eingingen. Kein Verlag hat so viele Menschen so zum Lachen gebracht wie dieser, und dass uns nur die allerwenigsten Häuser über Jahrzehnte ein so konsequent die Leser erreichendes Programm beschert haben, mag man auch darin bestätigt sehen, dass keiner so häufig zum Liebling der Buchhändler gewählt wurde wie Diogenes.

          Die Welt benötigt dieses eine Buch

          Unabhängig war Diogenes, zumal in den Anfängen, vor allem dem verlegerischen Geschmack nach. Zwar wurde Daniel Keel Mitte der achtziger Jahre legendär als Entdecker von Patrick Süskind; doch hat er Bestseller, ob „Das Parfum“, Schlinks „Vorleser“ oder die Romane von Paulo Coelho, von Beginn an ins weltoffene Programm reinvestiert. Wer versucht, die Diogenes-Titel nach Sparten oder gar Nationalitäten zu ordnen, sieht sich rasch einem Wald an Säulenheiligen gegenüber. Keel hatte eine Vorliebe für irische Autoren (von Frank O’Connor bis zu Muriel Spark) ebenso wie für amerikanische (Faulkner, Fitzgerald, Aiken, Irving), niederländische (Palmen, de Winter, Grünberg), französische (Montaigne, Balzac, Djian) oder slawische (Tschechow, Szczypiorski, Tokarjewa), aber auch für Schweizer (Dürrenmatt, Loetscher, Widmer), für zukunftssüchtige (George Orwell, Ray Bradbury) und geschichtsverliebte (Egon Friedell), für lustige sowieso, aber auch für philosophisch ernste (Schopenhauer, Ludwig Marcuse). Und für spannende desgleichen: Simenon, Highsmith, Donna Leon, Ingrid Noll, Martin Suter. Keel konnte sich mit Werkausgaben einsetzen für zuvor scheintote Klassiker wie Stendhal oder Balzac, aber ebenso für jene stark machen, deren Klassikerstatus im deutschsprachigen Raum noch ausbaufähig war, wie Carson McCullers und F. Scott Fitzgerald.

          Bei all seinen Interessen und seiner Begeisterungsfähigkeit war Keel dabei ein beständiger Verleger: Der begehrte Status Diogenes-Autor, der über Jahrzehnte ausschließlich auf seine Einladung erfolgte, gilt lebenslänglich. Beim Büchermachen leitete Keel die Zuversicht, dass die Welt vielleicht nicht auf genau dieses eine Buch gewartet hat, es aber dringend benötigt, sei es eine Sammlung von Aphorismen, Debütromane von Benedict Wells oder Astrid Rosenfeld oder der gesamte Joseph Roth als Hörbuch. Und weil seine Umsicht vor sich selbst nicht halt machte, hat Daniel Keel sich, anders als viele andere, auch frühzeitig um seine Nachfolge gekümmert. Den Diogenes Verlag hat er einem Geschäftsleitungsteam anvertraut, das bei ihm in die Schule gegangen ist. So sehr er fehlen wird: Er hinterlässt ein bestelltes Haus.

          An diesem Dienstag ist Daniel Keel im Alter von achtzig Jahren in Zürich gestorben, einen Tag vor dem einjährigen Todestag seiner Frau Anna.

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