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Zum Tod von Ben E. King : Im Zuge seiner Seele

Mit dem selbstgeschriebenen „Stand by Me“ wurde er zur Galionsfigur der Gefühlstiefe: Ben E. King um 1980. Bild: © LEEMAGE / FOTOFINDER.COM

Den Schablonen der frühen Popmusik setzte er seine eigenen Vorstellungen entgegen: Zum Tod des Rhythm&Blues-Sängers und großen Stilisten Ben E. King.

          Es war an einem Donnerstagabend irgendwann in den späten achtziger Jahren in der NDR-Radiosendung „Soultrain“: Ruth Rockenschaub (die sich inzwischen darauf verlegt hat, Aldi hereinzulegen) quasselte ihre informierten Bandwurmsätze zwischen die Musik, und als es galt, ein Phänomen namens The Drifters einzusortieren, wurden ihre Sätze noch länger – die Sänger kamen und gingen bei dieser Combo, da konnte man leicht den Überblick verlieren. In einen verbiss sie sich dann aber und legte in dessen Anmoderation ihr ganzes unterkühltes Pathos: „Ben E. King wurde endgültig ein einzelner.“ (Gemeint war, dass er eine Sololaufbahn einschlug.) Und aus dem Äther kamen der gezupfte Akustikbass und das wetzende Geräusch von einer umfunktionierten Trommel, eines der am leichtesten wiedererkennbaren, bis heute magisch wirkenden Stücke der Popgeschichte, erst recht, wenn Ben E. Kings Tenor zu seiner herzerweichenden Durchhalteparole anhebt: „When the night has come / And the land is dark / And the moon is the only light we’ll see.“

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Das selbstgeschriebene „Stand by Me“ war für Ben E. King mehr als sein größter Hit; es klang, mit seinem minimalistischen Arrangement, anders als jedes andere Popstück jener Zeit und holte das Beste aus dem noch blutjungen Sänger heraus: Eleganz und Sentimentalität, Kraft und Humanität. Man könnte geneigt sein, das Lied für eine Eintagsfliege zu halten. 1986 gab es den gleichnamigen Kinofilm, der es wieder ins öffentliche Bewusstsein zurückholte und damit das Signal für etwas gab, das erst viele Jahre später Neo-Soul genannt wurde. Aber dass Ben E. King zu den wichtigsten Interpreten der Gründerzeit um 1960 gehörte und noch Jahrzehnte später als Galionsfigur der Gefühlstiefe bewundert wurde, das erfuhr man erst wieder aus einer Sendung wie „Soultrain“.

          Die Streicher schnappten fast über

          Seine Zugehörigkeit zu den Drifters war dabei so zufällig wie kurzzeitig: Die alten Drifters, die den modernen Popgesang quasi miterfunden hatten, wurden von deren Manager 1958, nach einem Konzert im New Yorker Apollo, einfach entlassen; und statt ihrer durften oder mussten sich nun die Five Crowns so nennen, denen King damals angehörte. Ein solch abrupter Wechsel war in Zeiten, als Manager noch gleichermaßen kommerzielles und künstlerisches Gespür hatten und die oft beklagenswert abhängigen Musiker gar nicht auf die Idee kamen, vor Gericht zu ziehen, ohne weiteres möglich. Und er funktionierte in diesem Fall: Ben E. King ersetzte die geschmeidigen Anzüglichkeiten, mit denen Clyde McPhatter Furore gemacht hatte, durch eine erdig-grobkörnige Intonation, der sämtliche Stile der Leiber- und Stoller-Ära zu Gebote standen, von Rhythm&Blues über Rumba, Calypso bis hin zum Rock. Zwar sang er insgesamt nur einen Bruchteil des Drifters-Repertoires, aber darunter waren einige der besten Songs: „Dance With Me“, „There Goes Baby“ und vor allem „Save the Last Dance for Me“, noch heute im Pflichtprogramm jedes traditionsbewussten Rhythm&Blues-Musikers.

          Soul war seinerzeit in hohem Maße race music und trotzdem Unterhaltungskunst, in der gesellschaftliches Bewusstsein noch kaum keimte, wenn man von Sam Cooke und James Brown einmal absehen darf. Ben E. King blieb nach seinem Drifters-Abschied bei Atlantic Records und brachte seine Soloplatten auf dem Unterlabel Atco heraus, beginnend mit „Spanish Harlem“ (1961), das neben dem gleichfalls wieder Epoche machenden Titelstück auch Schnulzen enthielt, die eigentlich nur in Momenten akuter Unterzuckerung genießbar waren, bei denen King seine Stimme jedoch zutraulich schnurrend in Bariton-Tiefen gleiten ließ – eine Masche, die besonders auf „Sings For Soulful Lovers“ (1962) zum Einsatz kam, das fast nur aus Easy Listening bestand, wobei die Streicher, wie bei übertriebener Filmmusik, gelegentlich fast überschwappten.

          Ein großer Stilist

          Seine schönsten Platten machte er ebenfalls noch in vor-klassischer Zeit, bevor Atlantic-Stars wie Solomon Burke, Wilson Pickett und Aretha Franklin den Ton angaben: „Don’t Play That Song!“ (1962) enthielt, außer „Stand By Me“, zwar keine Gassenhauer, aber das Beste aus den New Yorker Schreibwerkstätten Leiber/Stoller, Pomus/Shuman, Goffin/Carol King. Und es zeigte King in bis dahin nicht gehörter, pop-affiner Biegsamkeit. „Seven Letters“ (1964), auf dem King sich abermals als großartiger Autor erwies, ist allein schon wegen des Titellieds eine Kostbarkeit.

          Damit hatte er seine Mission im Wesentlichen erfüllt: der strukturell bedingten Schablonenhaftigkeit des frühen Pop-Musikantentums eine eigene Vorstellung von Romantizismus entgegenzusetzen, ohne überlieferte Formen gleich zu sprengen. 1971 verblüffte er, mit Anfang dreißig schon ein Elder Statesman, noch einmal mit „The Beginning Of It All“, einer Platte, deren zeitgenössische Coverversionen (Elton John, Van Morrison) zeigten, das er den Anschluss ans Pop- und Rock-Zeitalter mühelos hätte halten können – wenn er danach, in der aufkommenden Funk- und Disco-Ära, nicht die Orientierung verloren oder zumindest eine adäquate Betreuung gehabt hätte. So ist er nun eingegangen in die Popgeschichte als einer der größten Stilisten, den der Soul je hatte: Vergangenen Freitag ist Benjamin Earl Nelson, als der Ben E. King 1938 in North Carolina geboren wurde, in New Jersey gestorben.

          Quelle: F.A.Z.

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