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Zum Tod von Andreas Schmidt : Nerv getroffen

Andreas Schmidt, 1963 bis 2017 Bild: Berit Notzke/face to face

In seinen Rollen perfektionierte er eine gefährlich lauernde Feinnervigkeit, die ihn zu einem der präsentesten deutschen Schauspieler seiner Generation machte. Zum Tod von Andreas Schmidt.

          Er war nicht gerade auf Sympathieträger abonniert. Seinen Figuren rutschte nicht etwa mal die Hand aus, sie waren gewohnheitsmäßige Schläger, in deren Betriebsanleitung stand: Vorsicht, rastet bei erster Gelegenheit aus, Frauen und Kinder in Deckung! Andreas Schmidt, dieser spillerige, extrem schmale Typ mit dem dreieckigen Gesicht über dem in jedem Hemdkragen ersaufenden Hals, gegen den der junge Marius Müller-Westernhagen aus der „Theo“-Zeit wie ein gemütlicher, schwer aus der Ruhe zu bringender Koloss wirkte, war einer der markantesten Schauspieler der vergangenen dreißig Jahre: von gefährlich lauernder Feinnervigkeit, sein ganzer Körper ein einziger, bis zum Zerreißen gespannter Strang, der bei der kleinsten Berührung in Schwingungen geriet, die auch von ihm selbst nicht mehr zu kontrollieren waren, die ohnehin hohe, gaumige Stimme überschlug sich dabei in einem Kreischen, dass man es mit der Angst zu tun bekam.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Andreas Schmidt wurde im Sauerland geboren, wuchs aber in West-Berlin auf und imprägnierte sich dort mit diesem Kiez-Geruch, den die meisten seiner Rollen verströmten. Rockgesang (in der bis heute existierenden Band Lillies große Liebe) und Studium blieben Episoden, bevor in einer wenig tragenden Rolle als Krankenpfleger in Adolf Winkelmanns preisgekrönter Spionage-Klamotte „Peng! Du bist tot!“ (1987) auf sich aufmerksam machte.

          Die reinste Verzweiflung

          Die unfassbare Präsenz dieses Mannes blieb auf der Bühne, für die er auch schrieb und inszenierte, im Fernsehen und im Kinofilm gleich und zeigte sich noch in den nebensächlichsten Rollen, zum Beispiel in Pepe Danquarts hintersinnigem Kurzfilm „Schwarzfahrer“ (1992) als herumlungernder Unterhemdträger. In kurzer Folge drehte er dann mit Eoin Moore drei Filme, in denen er den zunächst harmlos wirkenden, aber niemals ganz geheuren Typus perfektionierte. Moore und Andreas Dresen wurden die Regisseure, die das Beste aus ihm herausholten, vor allem in „Sommer vorm Balkon“ (2005), in dem Schmidt einen Lkw-Fahrer gibt, dessen Wutausbrüche Nadja Uhl abgeklärt ins Leere gehen lässt.

          Dass aber Wärme und Humor eigentlich seine Sache waren, erzählt jeder, der ihn persönlich kannte, und sah man auch in der Heinz-Strunk-Verfilmung „Fleisch ist mein Gemüse“, in der er den überdrehten Gurki gibt, und noch zuletzt in einer Neuverfilmung von „Timm Thaler“ (2017). Denkwürdig verkörperte er in dem Rostocker „Polizeiruf 110 – Familiensache“ die reinste Verzweiflung, die sich in rücksichtsloser Brutalität Bahn bricht. Wäre jemand auf die Idee gekommen: In einer „Berlin Alexanderplatz“-Verfilmung hätte er mit Sicherheit den besten Reinhold aller Zeiten gegeben. Dazu kommt es nicht mehr. Andreas Schmidt ist vergangene Woche im Alter von 53 Jahren gestorben.

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