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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Zum Tod Peter Novicks Der Mahner

 ·  Für ihn war die Geschichtswissenschaft auch Überredungsarbeit. Diese Aufgabe wird von nun an sein Werk allein leisten müssen. Zum Tod des amerikanischen Historikers Peter Novick.

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© University of Chicago Peter Novick (1934 - 2012)

Die „American Historical Review“ (AHR) ist die Verbandszeitschrift der amerikanischen Historiker. Im goldenen Zeitalter der scheinbar endlosen Expansion des Bildungswesens verstanden sie sich als Elite von Wissensproduzenten, zusammengehalten durch eine Berufsethik mit der Losung Objektivität und Wissenschaftlichkeit. Peter Novick, Historiker an der Universität Chicago, zeigte 1988 in seinem Buch „That Noble Dream“, dass dieser Konsens zusammengebrochen war. Wie in beiden großen Parteien die gemäßigten Politiker aussterben, so findet die liberale Geschichte vom nationalen Fortschritt, der alle Gegensätze wie von selbst vermittelt, keine Fortschreiber mehr.

Die erkenntniskritische Einsicht in den ideologischen Charakter historischer Synthesen setzte sich just zu dem Zeitpunkt durch, da die meisten Akademiker sich vom ideenpolitischen Engagement abgewandt hatten. Novick sah darin die Chance, das Metier endlich realistisch zu betrachten: als Überredungsarbeit im Interesse konkurrierender Standpunkte. In der AHR war „That Noble Dream“ Gegenstand einer lebhaften Debatte. Der Autor überschrieb sein Schlusswort in typischer Selbstironie: „Meine korrekten Ansichten über alles“. Dass er den Wandel richtig erfasst hatte, zeigte die Rezension, die sein nächstes Buch im Zentralorgan der Zunft erhielt, „The Holocaust in American Life“ (1999, deutsch 2001): Novick wurde vorgeworfen, dass er seine religiösen Pflichten nicht erfüllt habe.

Kritik ohne empirische Grundlage

Vom Standpunkt eines säkularen Juden beschreibt Novick die zentrale Bedeutung, die der Erinnerung an den Judenmord heute im öffentlichen Leben der Vereinigten Staaten zukommt, als Ergebnis der Selbstvergewisserung der amerikanischen Juden. Aus den Akten weist er nach, dass die jüdischen Repräsentanten das Thema in der Zeit des Kalten Krieges nicht in den Vordergrund schieben wollten, um das antikommunistische Bündnis mit den Deutschen nicht zu gefährden. Die Denkfigur der Einzigartigkeit des Holocaust diente der Abwehr der humanitären Kritik an der amerikanischen Verstrickung in Staatsverbrechen. Seit den Kriegen von 1967 und 1973 wird Unterstützung für Israel unter der Parole mobilisiert, ein neuer Holocaust müsse abgewendet werden.

Novicks These, dass die Holocaust-Erinnerung heute die amerikanische jüdische Identität ausmache, da im Zuge der Assimilation alle älteren Überlieferungen stark an Bedeutung verloren hätten, bestritt der Rezensent. Novick solle in eine Synagoge gehen und die Festtage einhalten - dann werde ihm auffallen, dass der Holocaust im jüdischen Kalender so gut wie abwesend sei. Novick schreibe „ohne jedes Bewusstsein für den jüdischen Volkscharakter“, die Fähigkeit gläubiger Juden, den Holocaust als eine Tragödie unter anderen einzuordnen. Das Kuriose: Der Kritiker ging auf Novicks empirische Belege gar nicht ein, etwa eine Umfrage des American Jewish Committee, wonach 98 Prozent der amerikanischen Juden die Erinnerung an den Holocaust für einen bedeutenden Teil ihrer Identität halten, aber nur fünfzehn Prozent das Einhalten religiöser Regeln.

Peter Novick, geboren 1934 in New Jersey als Enkel von Einwanderern aus Osteuropa, nahm nicht an der „Instrumentalisierung“ des Holocaust Anstoß. Die öffentliche Erinnerung dient immer aktuellen Zwecken. Er sah nur keinen besonders klugen Gebrauch der Geschichte in einem Holocaust-Museum auf der Mall in Washington, das den Amerikanern erzählt, dass es bei ihnen nie hätte passieren können, oder in der vorauseilenden Entschuldigung jeder beliebigen Kriegshandlung Israels. Wie erst jetzt bekanntwird, ist Peter Novick am 17. Februar in Chicago gestorben. Er hat Maßstäbe der intellektuellen Redlichkeit gesetzt.

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