Wie gut, dass wenigstens Josef Škvorecký noch da ist. Diesen Stoßseufzer mögen Freunde der tschechischen Literatur und Kultur ausgestoßen haben, als man um Weihnachten in Prag Václav Havel zu Grabe trug. Škvorecký hatte seit den siebziger Jahren als unermüdlicher Verleger im Exil von Toronto dissidenten Autoren wie Havel, Milan Kundera, Ludvík Vaculík eine publizistische Basis geboten und damit den Widerstand der Charta 77 entscheidend unterstützt. Nun ist auch Škvorecký, der selbst ein großer europäischer Schriftsteller war, im außereuropäischen Exil gestorben, in dem er mehr als vierzig Jahren verbrachte.
Seine entscheidenden Jahre waren für den 1924 Geborenen die Adoleszenz, in der er unter nationalsozialistischer Besatzung erleben musste, wie sich Menschen als Bestien erwiesen - oder als sinnlose Opfer einfach ausgemerzt wurden. Diesen Abschlussjahren des Gymnasiums im nordböhmischen Náchod zwischen 1942 und 1945 hat Škvorecký fünf Romane gewidmet, in denen das Schreckensklima von Verfolgung, Opportunismus, Überlebenskampf und Tod so illusionslos und detailliert beschrieben wird, wie in kaum einem anderen literarischen Oeuvre des letzten Jahrhunderts.
Das Hauptwerk „Zbabělci“ (Feiglinge) wurde in viele Sprachen übersetzt und liegt auch auf Deutsch vor. Doch sorgte der Roman über eine Freundesgruppe der direkten Nachkriegszeit bei seinem Erscheinen 1958 für einen handfesten politischen Skandal, weil der Autor eben keinen radikalen Bruch zwischen dem mörderischen Totalitarismus der Deutschen und dem erstickenden Regime der Russen ausmachen konnte. Ein Beispiel: Die amerikanische Jazzmusik, für Škvoreckýs Alter Ego Danny Smiřicky Rettungsanker eines widerständigen und würdigen Lebens unterm Hakenkreuz, wurde schnell auch von den Kommunisten als dekadent verboten. Nicht zufällig hat Škvorecký dem geliebten Jazz reihenweise lakonische und doch romantische Erzählungen gewidmet, von denen die besten ebenfalls auf Deutsch vorliegen.
Škvorecký hatte nach dem Krieg konsequenterweise englische Literatur studiert, war beim internationalen Staatsverlag als Lektor gelandet. Nach seinem Rauswurf konnte er sich erst in der Lockerungszeit Mitte der sechziger Jahre als Autor etablieren, verfasste nebenbei einige gute Krimis um den Kommissar Boruvka von der Prager Mordkommission. Doch nach der Niederschlagung des Prager Frühlings wählte der Liebhaber und Übersetzer Chandlers, Hemingways, Faulkners endgültig das Exil jenseits des Atlantiks. In Toronto begründete Škvorecký gemeinsam mit seiner Frau Zdena Salivarová die „68 Publishers“, wo fortan die prominentesten tschechischen Autoren veröffentlichten. In Václav Havels „Briefen an Olga“ wird folgerichtig Škvorecký als moralische Autorität angeführt.
Neben dieser unschätzbaren Arbeit geriet Josef Škvoreckýs eigenes Werk in Tschechien aber nicht in Vergessenheit. Nach der samtenen Revolution 1989 gab es Neuauflagen, erfolgreiche Verfilmungen, Editionen seiner wenig bekannten Gedichte. Bilder zeigen ein entspanntes, fast verwundertes Ehepaar Škvorecký bei einem Besuch in Náchod anlässlich einer Tagung, mit der die unscheinbare Industriestadt (bei Škvorecký heißt sie „Kostelec“) endgültig auf die Landkarte der Literatur eingeschrieben wurde.
Unverzeihlich bleibt, dass der selbstverliebte deutsche Literaturbetrieb einem Schriftsteller, der in seiner Jugend zur Zwangsarbeit bei der Firma Messerschmidt gedemütigt worden war, nie einen Preis verleihen mochte. Doch Ehrungen daheim, in Polen, in Kanada und den Vereinigten Staaten mögen das Manko für Josef Škvorecký aufgewogen haben. Nachdem der große alte Mann des Exils am Dienstag in Toronto gestorben ist, kommentierte Tschechiens Premierminister Nečas diesen Trauerwinter seiner Nation gestern merklich erschüttert: Innerhalb eines Jahres sei mit Škvorecký, mit dem jüdischen Shoah-Überlebenden Arnošt Lustig, dem lebensfrohen Literaturdiplomaten Jiří Gruša, dem unbeugsamen Underground-Poeten Ivan Jirous und Václav Havel, dem besten Dramatiker, die Blüte der dissidenten Literatur weggestorben. Armes Tschechien, reiches Tschechien.
Skvorecky
Edit Vladár (Ditte)
- 05.01.2012, 08:18 Uhr