http://www.faz.net/-gqz-7230y
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 13.08.2012, 16:40 Uhr

Zum Tod Joe Kuberts Er zeichnete das Überleben

Joe Kubert galt als Amerikas Comicveteran. Mit der Soldatencomicserie „Sgt. Rock“ hatte er sich in die vorderste Reihe der amerikanischen Zeichner vorgearbeitet. Nun ist Kubert im Alter von fünfundachtzig Jahren gestorben.

von
© dapd Bei der Arbeit: Joe Kubert im Februar 2006

Er war der Letzte, der noch in jenen New Yorker Ateliers geschwitzt hatte, die man einfach „Shops“ nannte. Das waren Comicmanufakturen der vierziger Jahre, in denen in kürzester Zeit eine Geschichte nach der anderen gezeichnet wurde, um den damals schier unstillbaren Hunger der Jugendlichen und Soldaten nach Superheldengeschichten zu befriedigen. Ein Chefzeichner leitete eine Handvoll jugendlicher Assistenten an - volljährige Zeichner mussten in den Krieg -, und einer dieser Assistenten war 1942 der sechzehnjährige Joe Kubert.

Andreas Platthaus Folgen:

Eine bessere Schule als diese Fron war kaum denkbar, eine härtere aber auch nicht. Kubert eignete sich dort die Vielfalt der Stile an, über die er verfügte, wobei er vor allem mit seinem Realismus reüssieren sollte, für den man zwei Jahrzehnte später, als junge Comiczeichner an Hochschulen und in Privatkursen bekannter Zeichner ausgebildet wurden, die Bezeichnung „Kubert School“ prägte. Sie gab auch einer realen Schule den Namen, die Kubert in den sechziger Jahren gründete. Eine ganze Generation von amerikanischen Zeichnern wurde hier ausgebildet, darunter auch Kuberts eigene Söhne Adam und Andy.

Ein Interesse am Menschen im Krieg

Die Familie war sein Ankerpunkt, mehr als für viele andere Menschen, denn den größten Teil seiner Angehörigen hatte der 1926 im damals polnischen, heute ukrainischen Jerzierzany geborene Sohn eines jüdischen Fleischers in der Schoa verloren. Seine Eltern aber hatten das Land noch im Jahr der Geburt von Josef verlassen und waren nach Brooklyn ausgewandert. Dieser Glücksfall seines Lebens ließ Kubert nie mehr los, und noch 2003, im Alter von 76 Jahren, zeichnete er den Comic „Yossele“: die fiktive Biographie eines Jungen, der im Warschauer Gettoaufstand das erleben musste, was Joe Kubert durch die Voraussicht seiner Eltern erspart geblieben war. Der Band ist ein bedrückendes Meisterwerk - ästhetisch wie erzählerisch.

Mehr zum Thema

Mit „Sgt. Rock“, einer neuen Soldatencomicserie, hatte sich Kubert von 1959 an in die vorderste Reihe der amerikanischen Zeichner vorgearbeitet: Die Zwiespältigkeit der Erlebnisse der Titelfigur kam seinem eigenen Interesse am Überlebenskampf der Menschen im Krieg entgegen. So war er auch der ideale Zeichner für das Album „Fax aus Sarajewo“, in dem 1996 die reale Geschichte eines jugoslawischen Comic-agenten erzählt wurde, dessen bis dahin gesicherte Existenz über der Belagerung seiner Stadt zerbricht. Den unfreiwilligen Abschluss sollte Kuberts siebzigjährige Karriere aber mit der erst vor zwei Monaten begonnenen Superheldenserie „Before Watchmen“ finden, die das Wagnis eingeht, den legendären Vorläufer „Watchmen“ zu ergänzen. Nach Erscheinen des ersten Hefts, das Kubert gemeinsam mit seinem Sohn Andy dafür gestaltet hat, ist der Altmeister am 12. August gestorben, kurz vor seinem sechsundachtzigsten Geburtstag.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
American Football Hut, hut, hut! Dann prallen die Männer aufeinander

Tim Howard trainiert in Franken die Bulldogs in American Football. Gespielt wird nach College-Regeln. Das bisschen Amerika macht nicht nur den Auswanderer froh Mehr Von Felix Hauck, Bayernkolleg, Schweinfurt

22.07.2016, 15:59 Uhr | Gesellschaft
Comic-Con Comic-Fans erobern San Diego

In San Diego hat die Comic-Con-Messe am Donnerstag ihre Pforten geöffnet. Vier Tage lang ist damit die Stadt im Süden Kaliforniens Anlaufpunkt für tausende Fans und Superstars der Comic-, TV- und Kinobranche. Bei dem Treffen, das jährlich stattfindet, werden etwa 130.000 Fans in San Diego erwartet. Mehr

22.07.2016, 15:17 Uhr | Gesellschaft
Marktstart in Japan Pokémon Go kommt nach Hause

Das Handy-Spiel Pokémon Go ist jetzt auch in Japan auf dem Markt. Nintendos Aktie gewinnt. Und die Regierung verteilt Handzettel mit Gefahren-Warnungen. Mehr Von Patrick Welter, Tokio

22.07.2016, 06:53 Uhr | Wirtschaft
München Minderjährige Flüchtlinge vor Radikalisierung schützen

Mehr als 5000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge hat die Stadt München im letzten Jahr aufgenommen. Nur etwa fünf Flüchtlinge sind durch eine islamistische Radikalisierung aufgefallen und von Verfassungsschutz und Polizei erfasst worden. Das liegt auch an der Arbeit der Betreuer, die die Jugendlichen vor einer möglichen Radikalisierung schützen. Mehr

22.07.2016, 14:49 Uhr | Politik
Junge-Eltern-Zentrum Wenn Kinder Kinder kriegen

Eine ungewollte Schwangerschaft stellt jede Frau vor Probleme. Doch was ist, wenn die werdende Mutter erst 16 Jahre alt ist und selbst noch zur Schule geht? Mehr Von Caroline Laakmann, Mainz

23.07.2016, 18:46 Uhr | Rhein-Main
Glosse

Derricks dunkle Vergangenheit

Von Ursula Scheer

Hauptsache Altnazi-Geschichte: Eigentlich gibt es nichts zu berichten, die „Bild“ tut es aber trotzdem. Das wirkt sich ungünstig auf den Nachrichtengehalt aus. Mehr 3 7

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“