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Zum Tod Hans-Ulrich Wehlers : Stets kämpfend

Hans-Ulrich Wehler im Februar 2013 Bild: dpa

Hans-Ulrich Wehler lieferte Habermas die Stichworte, prägte den Stil zahlloser Forscher - und war immer bereit zum intellektuellen Duell. Jetzt ist der bedeutendste Historiker der Bundesrepublik im Alter von 82 Jahren gestorben.

          Hans-Ulrich Wehler war ein streitbarer Mann. Geschichtsschreibung ohne Kontroverse hätte für ihn keinen Sinn gehabt. Das galt nicht nur in seinem Fach, wo der Bielefelder Historiker als Haupt der sozialgeschichtlichen Schule mit jeder anderen Schlitten fuhr. Das galt auch in den öffentlichen Debatten, bei denen nicht zuletzt Wehler dafür sorgte, dass die Geschichte zum Fach mit der höchsten Beteiligungsrate wurde.

          Man fand Wehler stets kämpfend: Gegen Relativierungen des Holocaust im Historikerstreit, bei dem er seinem Freund von Jugend an, Jürgen Habermas, die Stichworte lieferte. Gegen den EU-Beitritt der Türkei, die ihm als Anhänger der alten, westorientierten Bundesrepublik, ein gedankenloses Experiment aus Unkenntnis des Islam schien. Gegen die jahrzehntelange Umverteilung von unten nach oben, an die der Sozialdemokrat seine eigenen Leute erinnern musste.

          Noch in seinen letzten Büchern („Die neue Umverteilung“, „Die Deutschen und der Kapitalismus“) nahm er sich die soziale Ungleichheit in Deutschland vor, um diejenigen zu attackieren, die sie leugnen. Für Wehler war Geschichte ein Kampf gegen Ungerechtigkeit. Dass Deutschland eine klassenlose Gesellschaft sei – für ihn ein Witz. Dass der Erste Weltkrieg nicht vom Kaiserreich und seinen Großmäuligkeiten ausgelöst worden sei – empörend. Dass man aus Geschichte nichts lernen könne – wer glaube, aus Utopien lernen zu können, war für Wehler ein Wirrkopf. Man könne, sagte er, überhaupt nur aus Geschichte lernen, schloss darin aber ein, wie oft auch das Falsche gelernt werde.

          Sein intellektueller Habitus war derjenige Max Webers, den er maßlos bewunderte und der für ihn das Modell historischen Denkens war: immer duellbereit, unglaublich arbeitsam und prinzipienfest. Wehler kam aus der Kölner Schule von Theodor Schieder, wurde über das Verhältnis von Nationalstaat und Sozialdemokratie promoviert und musste zwei Anläufe nehmen, um sich zu habilitieren. So groß waren die Widerstände in den sechziger Jahren gegen jemanden, der den Imperialismus – in seiner ersten Habilitationsschrift den amerikanischen, in der zweiten den deutschen - beim Namen nannte.

          Von der Universität Bielefeld aus, an der er nach einer kurzen Zeit in Berlin, von 1971 an seine zweite Professur hatte, bestimmte Wehler zwei Jahrzehnte lang die Szene. Sein Buch über „Das Deutsche Kaiserreich. 1871-1918“ trat mit der These vom deutschen Sonderweg hervor und war auf Seiten ihrer Anhänger wie ihrer Kritiker für Dutzende von Forschern ein umfangreiches Arbeitsbeschaffungsprogramm. Wichtiger noch als seine zugespitzten Argumente war dabei, dass Wehler den Forschungsstil zahlloser Historiker prägte. Nun erschien Geschichte nicht länger als Aktionsraum eines Netzwerks großer Männer – für die er durchaus ein Faible hatte –, der Blick galt dem Personal im Maschinenraum der Historie: in Industrie, Verwaltung und politischen Parteien, im Rechts- und im Erziehungssystem. Wehlers fünfbändige „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“ ist die Summe und das Zentralmassiv der sozialgeschichtlichen Schule.

          Mit Kultur- und Mentalitätsgeschichte, oral history, Gendertheorie und postmodernem Erzählen konnte Wehler wenig anfangen und kritisierte solche Schulen oft sarkastisch. Einer konflikthistorischen Variante der Modernisierungstheorie anhängend, hielt er das Gesellschaftsgeschehen diesseits von Organisationen sowie Quellen diesseits von Statistiken, Akten und offiziellem Schriftverkehr für wenig aufschlussreich. Seine eigene Mentalität war sportlich, was auch hieß, dass er nach Kämpfen mit harten Bandagen nicht nachtragend war. Wie aus dem Kreis der Familie bekannt wird, ist dieser große Historiker jetzt im Alter von 82 Jahren gestorben.

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