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Veröffentlicht: 10.04.2014, 15:37 Uhr

Zum Tod des Religionskritikers Deschner Richter Gnadenlos

Er war einer der schärfsten Kritiker des Christentums und seiner Institutionen. Seine Arbeiten sind preisgekrönt und doch heftig umstritten. Nun ist Karlheinz Deschner im Alter von 89 Jahren verstorben.

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© dpa Er wollte eine der größten Anklagen der Menschheitsgeschichte schreiben: Am Dienstag verstarb Karlheinz Deschner im Alter von 89 Jahren in Haßfurt.

Er hat sich gern immer größere Gegner gesucht. Aus einfachen Verhältnissen stammend, studierte der in Bamberg geborene Karlheinz Deschner nach dem Krieg, den er als begeisterter Fallschirmjäger verwundet überlebte, Germanistik, Philosophie und Geschichte in Würzburg.

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Seine ersten Attacken galten denn auch den etablierten Autoren der Nachkriegszeit – Carossa, Gaiser, Hesse, Bergengruen –, die er 1957 mit dem Essay „Kitsch, Konvention und Kunst“ attackierte und an ihrer Stelle Broch, Jahnn und Musil empfahl. Später ging er auf die Gruppe 47 los, mutig und rechthaberisch auf die Großen, was ihm die Freundschaft von Hans Wollschläger und den Arno-Schmidt-Preis eintrug.

Ähnlich wie Schmidt arbeitete sich Deschner krumm und bucklig, mehr als ein halbes Jahrhundert saß er bis zu vierzehn Stunden am Tag am Schreibtisch, hundert Stunden die Woche. Und obwohl seine Bücher hohe Auflagen erreichten, war er in späteren Jahren wieder auf die Unterstützung eines Mäzens angewiesen.

Glühender Atheist mit vielen Gegnern

Als Kind wollte er Priester werden, 1951 wurde er exkommuniziert, weil er eine geschiedene Frau geheiratet hatte. Da entdeckte er seine Berufung – und wurde Kirchenkritiker. 1962 erregte er mit dem Buch „Und abermals krähte der Hahn“ Aufsehen, die erste von vielen Besichtigungen der Leichenkeller der Religionsgeschichte. Dabei gab es für Deschner nur einen Feind – die katholische Kirche und ihre Führung in Rom.

Er war bewusst einseitig, ein früher Vertreter der teilnehmenden Geschichtsschreibung, der den Nachweis führen wollte, wie häufig die Kirche in ihrer langen Geschichte über Leichen gegangen ist.

An Selbstbewusstsein mangelte es ihm in seiner Schreibstube im unterfränkischen Haßfurt nie: Deschner hatte sich aufs Banner geschrieben, im Alleingang eine der größten Anklagen der Menschheitsgeschichte zu verfassen. Das brauchte seine Zeit. Nach mehr als fünfzehn Jahren Vorarbeit erschienen 1986 die ersten beiden Bände seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“, die Deschner im vergangen Jahr mit Band zehn altersbedingt einstellen musste, die Neuzeit hat er nicht mehr erreicht.

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An Gegnern mangelte es diesem Mann naturgemäß nie. Der prominente Kirchenkritiker Hans Küng hat Deschners Kriminalisierung der Kirche als nicht akzeptabel zurückgewiesen; Historiker attestierten ihm methodische Mängel und einseitige Literaturauswahl.

In seiner Besessenheit hatte Deschner zuletzt durchaus tragische Züge. Glühender Atheist, der er war, hat er den Gedanken an eine Einäscherung stets verworfen: Er wolle wie seine Mutter „von Würmern zerfetzt“ werden, hat er in einem Interview verraten. Jetzt ist er im Alter von neunundachtzig Jahren gestorben.

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