Home
http://www.faz.net/-gqz-6x57l
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zum Tod des Regisseurs Theo Angelopoulos Der Schöpfer des griechischen Gesamtkunstwerks

 ·  Ihm verdanken wir einige der schönsten Bilder des europäischen Kinos. In seinen Filmen wurde die geschichtliche Zeit zum Raum. Jetzt ist Theo Angelopoulos gestorben.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (3)

Ein Küstenstädtchen in Griechenland, Anfang der fünfziger Jahre. Eine Gruppe von Wanderschauspielern ist gerade angekommen, sie spielen ein Schäferstück mit Musikeinlagen zur Zerstreuung des Publikums, das die Greuel des jüngst beendeten griechischen Bürgerkriegs möglichst rasch vergessen will. Die Schauspieler laufen durch leere Straßen zu ihrem Hotel - und plötzlich, ohne einen Schnitt, sind wir im Jahr 1939, in der Zeit der Diktatur des Generals Metaxas, die zwei Jahre später mit der deutschen Besetzung des Landes enden wird.

Andere Gesichter prägen nun die Theatertruppe; ihr Anführer kämpft einen stillen Kampf gegen seinen Stellvertreter, der auch der Geliebte seiner Frau ist. Dann kommt der Krieg, der Theaterleiter wird von seinem Rivalen an die Deutschen verraten und erschossen; seine Kinder, die Geschwister Orest und Elektra, beschließen, ihn zu rächen. Aber die Truppe gerät in die Wirren des Bürgerkriegs, an dessen Ende Orest als Widerstandskämpfer verhaftet und zu Tode gefoltert wird. Zuletzt bleiben nur die Frauen übrig, um ihre Toten zu betrauern.

Mit dieser Geschichte, die in der epischen Länge von fast vier Kinostunden Mythos und Moderne, nähere und entferntere Geschichte souverän ineinander verschränkt, wurde der Grieche Theo Angelopoulos Mitte der siebziger Jahre berühmt. Die Auszeichnungen, die sein Film „Die Wanderschauspieler“ damals erhielt, markierten den Aufstieg des griechischen Kinos aus tiefer Vergessenheit und den Beginn der Karriere eines Regisseurs, der die ästhetischen Freiheiten des europäischen Nachkriegsfilms mit einer spezifisch neuhellenischen, melancholischen Sensibilität zu verbinden wusste.

Ein magischer Ort

Angelopoulos hatte auf dem Höhepunkt der Nouvelle Vague an der Pariser Filmhochschule studiert und war dann, 1964, nach Athen zurückgekehrt; seine ersten Spielfilme „Anaparastassi“ („Rekonstruktion“) und „Tage von ’36“ entstanden noch unter der zweiten griechischen Diktatur der Obristen. Mit den „Wanderschauspielern“ aber gelang ihm etwas völlig Neues: ein Film, der unterschiedliche Erzählzeiten nicht mehr durch Rückblenden trennt, sondern sie fließend ineinander übergehen lässt. Hier wie in allen folgenden Filmen von Angelopoulos wurde der filmische Raum zu einem magischen Ort, an dem sich die Toten und die Überlebenden, die Sieger und die Opfer der Geschichte versammelten.

Der Erfolg der „Wanderschauspieler“ gab Angelopoulos die Möglichkeit, seine Visionen in einen breiteren Rahmen zu stellen. In „Die Jäger“ spiegelte er die griechische Geschichte der vierziger bis sechziger Jahre in der Kulisse eines Landhotels, in dem die im Schnee gefundene Leiche eines Partisanen aufgebahrt wird. In „Der große Alexander“, einer Dreistundenproduktion des ZDF, erzählte er vom Scheitern der kommunistischen Utopie am Beispiel eines Bergdorfs aus dem neunzehnten Jahrhundert, in dem ein entlaufener Brigant den Zukunftsstaat zu schaffen versuchte.

In „Reise nach Kythera“ ließ er einen einstigen Guerrillakämpfer aus dem russischen Exil in ein Griechenland zurückkehren, das ihm fremd blieb und ihn verstieß. Das Mythische - die Liebesinsel Kythera, der Held Alexander - war in diesen Filmen zugleich Maskerade und Realität; es wurde wirklich, weil die Figuren daran glaubten, es lebte und starb mit ihnen.

Eine marmorne Riesenhand

Das filmische Markenzeichen von Angelopoulos, sein Mittel, entfernte Zeiten und Figuren zusammenzubringen, war die Plansequenz: eine lange Kamerabewegung ohne Schnitt. Zusammen mit seinem Kameramann Giorgos Arvanitis machte er daraus ein Präzisionsinstrument des filmischen Blicks. Die Choreographien des Erzählens, die die beiden gemeinsam entwarfen, sind in ihrer Art unübertroffen. So entstanden einige der schönsten Bilder des europäischen Kinos im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert: die Leninstatue, die auf einem Flussdampfer vorbeizieht, während am Ufer die Menschen auf die Knie fallen, in „Der Blick des Odysseus“; die marmorne Riesenhand, die in „Der zögernde Schritt des Storches“ aus dem Meer gezogen wird; der Baum, auf den die Geschwister zugehen, in „Landschaft im Nebel“; oder Marcello Mastroianni als Imker, der sich auf die Erde legt, um sich von seinen Bienen totstechen zu lassen, in „Der Bienenzüchter“.

Wenn man an diese Filme denkt, steigen zugleich die wehmütigen Volksmusik-Melodien der Komponistin Eleni Karaindrou aus der Erinnerung auf, der Angelopoulos jahrzehntelang die Treue hielt. Zeit, Raum und Klang verschmolzen in seinen Filmen zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk.

Von Verächtern ist dieses Werk oft als hermetisch und verkünstelt abgetan worden. Dabei liegen neben seinen kinematographischen Vorbildern - vor allem Ozu und Kurosawa, dazu die italienischen Neorealisten - auch seine autobiographischen Quellen offen zutage.

Der kleine Theo hat selbst den deutschen Soldaten ins Gesicht geschaut, er hat den Hungerwinter 1941 überlebt, sein Vater wurde von der Volksbefreiungsarmee Elas verhaftet, seine große Schwester starb als Kind. Die Namen, die er seinen Protagonisten gab, Spiros, Eleni, Voula, Alexander, waren in fast allen Filmen gleich; sie verraten, dass er nicht nur von sich und von Griechenland, sondern von der menschlichen Familie schlechthin erzählen wollte, von Kindern, Eltern, Tragödien, Utopien überall.

Der letzte Film, den Angelopoulos vollenden konnte, „The Dust of Time“, endet mit dem Bild einer Dreiergruppe, Großvater, Vater und Enkelin, die am Neujahrstag des Jahres 2000 durch den Schnee laufen. Vor ihnen liegt das Brandenburger Tor. Für Angelopoulos war es das Bild der Zukunft, die mit dem Zusammenbruch des Sozialismus begonnen hat. An ihr wird er nun nicht mehr teilhaben. Nach einem Unfall bei Dreharbeiten in Piräus ist Theo Angelopoulos vorgestern im Krankenhaus gestorben. Er wurde sechsundsiebzig Jahre alt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

Jüngste Beiträge

150 Jahre Seit’ an Seit’

Von Nils Minkmar

Die spröde, Camus düsteren „Mythos des Sisyphos“ verehrende Partei ist irgendwie Kult geworden: Die SPD feiert sich. Und die CDU-Vorsitzende Angela Merkel ist dabei ganz in ihrem Element. Mehr 9 5