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Veröffentlicht: 30.05.2012, 16:40 Uhr

Zum Tod des Mathematiker Friedrich Hirzebruch Flächenfuchs unter Garben

Er lieferte den mathematischen Sachverstand für die Beschreibung des physikalischen Universums: Der große Mathematiker Ernst Peter Hirzebruch ist im Alter von 84 Jahren gestorben.

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© Sueddeutsche Zeitung Photo Friedrich Ernst Peter Hirzebruch 1927 - 2012

David Hilbert, der die Physik wegen überhandnehmender Kompliziertheit den Physikern entreißen und bei den Mathematikern versorgt wissen wollte, soll auf die barsche Aufforderung eines nationalsozialistischen Gewalthabers, sich doch einmal dazu zu äußern, ob die Vertreibung der Juden für sein Göttinger Institut denn wirklich so schädlich gewesen sei, erwidert haben: „Das Institut, das gibt es nicht mehr.“ Anderen Quellen zufolge hat Hilbert in jener Unterredung überhaupt die Fortexistenz der ganzen exakten Wissenschaften in Deutschland nach 1933 bestritten.

Dietmar Dath Folgen:

Erst seit 1980 kennt dieses Land, dessen intellektuelle und moralische Verwüstung Hilbert erleben musste, ein Max-Planck-Institut für Mathematik, das sein Vorhandensein der ruhigen Organisatorenhand eines Lehrers verdankt, der auch ein großer Forscher war.

Friedrich Ernst Peter Hirzebruch aus Hamm in Westfalen lernte Mitte des letzten Jahrhunderts während zweier Jahre in Princeton bei Pionieren wie dem jungen Schweizer Armand Borel und dem auf der Höhe seiner Schaffenskraft stehenden Kunihiko Kodaira neue Schlussweisen und Denkansätze, die ihm erlaubten, den in seinem Heimatland zwölf Jahre lang brutal arretierten wissenschaftlichen Fortschritt entscheidend voranzubrigen.

Mathematik im Dienst der Physik

Die algebraische Geometrie und die Lehre von den partiellen Differentialgleichungen erfuhren von Hirzebruch Impulse; seine Arbeit mit Garben, einem begrifflichen Werkzeug, das die Untersuchung topologischer Räume erleichtert, und seine Untersuchung komplexer Mannigfaltigkeiten (eine dieser Punktmengen trägt seinen Namen) gehören wie seine beweisleitende Neuformulierung des Riemann-Roch-Satzes im Jahr 1953 zu jenen mathematischen Leistungen, die das integrierte Standardmodell mit eingerichtet haben, das heute das physikalische Universum beschreibt.

Unter den Menschen, die Hilberts Traum von einer neuen Physikpflege durch mathematische Sachverständige erfüllt haben, war Hirzebruch neben etwa Raoul Bott oder Michael Atiyah, die gleich ihm die Mathematisierung der Physik zeitweise geradezu in Kampagnenform betrieben, einer der findigsten. Dass Forschung und Lehre auf der Stufe eines derart konsequenten weltbildnerischen Anspruchs notwendig in eins fallen, war für ihn eine Intuition, die er, wie die meisten seiner Eingebungen, umgehend operabel machen musste - so verfasste der Wissenschaftler, der ab 1956 in Bonn lehrte, im selben Jahr sein generationenprägendes Lehrbuch „Neue topologische Methoden in der algebraischen Geometrie“, rief Treffen seines Faches zusammen und diente als Leiter deutscher wie internationaler mathematischer Vereinigungen.

Nationalmathematik kann und soll es nicht geben. Aber die internationale lingua franca der Genauigkeit spricht heute wieder manchmal mit einem deutschen Akzent. Sie hat ihn bei Friedrich Hirzebruch gelernt, der am Pfingstsonntag im Alter von vierundachtzig Jahren gestorben ist.

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Quelle: F.A.Z.

 

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