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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Zum Tod des Architekten Karljosef Schattner Bauten aus Freude und Phantasie

 ·  Taktvolle neue Strukturen in historischer Umgebung: Dank Karljosef Schattner ist das heute selbstverständlich. Nun ist der Architekt gestorben.

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Sein Ruhm kam spät, dann aber verbunden mit einer Ehrerbietung, wie sie nur selten Architekten zuteil wurde: Karljosef Schattner die „graue Eminenz“ der deutschen Architekten zu nennen, trifft deshalb nur auf seinen Einfluss zu. Gefürchtet hat ihn keiner seiner Kollegen, Assistenten oder Schüler. Dazu war er zu aufgeschlossen und - gläubig; ein diskreter Christ, der Nächstenliebe in Takt, Respekt und Anstand umsetzte. Eichstätt war sein Wirkungsort. Eine oberbayerische Barockidylle, Bischofssitz, kleinste Universitätsstadt Europas, 13 000 Einwohner, dreizehn katholische Kirchen, zehn Klöster. Wie die Idylle trügt auch Schattners biedermeierlicher Amtstitel Diözesanbaumeister: Schattner machte den Ort zum Magneten aller, die sehen und lernen wollen, was Koexistenz historischer und neuer Architektur heißt.

Von 1957 bis 1991 wirkte er dort, ab 1972 auch Leiter des Universitätsbauamts. So wurde Eichstätt zu dem, was Verona für Italien ist: Vorbild für Bauen im historischen Kontext: Als 1958 Carlo Scarpa Weltruhm mit dem Umbau des gotischen Castelvecchio von Verona erntete, dessen Relikte er mit Stahl und Beton radikal und doch einfühlsam ergänzte, schenkte man in Bayern Schattners Losung Glauben: „Ich meine, dass der Dialog zwischen dem Heute und Gestern notwendig ist. Anpassung und noch so geschickte Imitation wird vorhandene historische Architektur entwerten.“

Grundsätze wie diese hatte er, gebürtiger Magdeburger und 1945 schwerverwundet aus dem Krieg zurückgekehrt, während seines Studiums an der TH München gefasst. Hans Döllgast, der die Kriegswunden der Alten Pinakothek mit offenem Ziegelmauerwerk geschlossen hatte, war sein bevorzugter Lehrer. Ihm folgend, baute Schattner, noch weitgehend unbeachtet, in Eichstätt historische Bauten um und ergänzte sie mit modernen kubischen Gebäuden.

Erstes Aufsehen erregten seine Kirchen, perfekt proportionierte Kombinationen von Beton, Glas und Naturstein, Sie werden heute so eingehend besichtigt wie die alten Gotteshäuser. 1971, als hiesige Architekten erstmals auf die allgemeinen Proteste gegen Flächenabrisse und Betonbrutalismus reagierten, machte Schattners Hauskapelle im Bischöflichen Palais, die er in einen einstigen Pferdestall einbaute, Furore. Mit dem Sieg der Postmoderne 1980 und deren Rückgriff auf historische Formen war er der meistgeschätzte Vermittler von Einst und Jetzt.

Skrupulös wie jüngst David Chipperfield beim Wiederaufbau des Berliner Neuen Museums ging Schattner nie vor. Er konfrontierte altersgebeugte Bruchsteinwände mit wuchtigen Kassettendecken aus Beton, kombinierte barocke Bögen mit Stahlträgern und mutete graziösen historischen Laubengängen Sichtbetonflächen zu. Doch immer siegte tektonische Harmonie - und sei es durch gläserne Fugen zwischen Alt und Neu, mit denen der Architekt seinen Respekt bezeugte, aber unwillentlich heutigen Kollegen das Feigenblatt für instinktloses Neben- statt Miteinander lieferte.

Ein vorbildlicher Lehrer, unter anderem an der TU Darmstadt und der ETH Zürich, scheute er auch keine Konkurrenz. So akzeptierte er Günter Behnischs gläsern tanzenden Neubau der Zentralbibliothek. Der beschwingteste Bau des Stoikers Schattner ist das Diözesanarchiv von 1992. Ein Flugdach und eine Fassade, die den Formentanz des Barock paraphrasiert, veranschaulichen, was er forderte: „Die Vielfältigkeit und Vielseitigkeit historischer Architektur verlangt, dass wir mit Phantasie und Freude darauf reagieren.“ Am vergangenen Dienstag ist Karljosef Schattner im Alter von 88 Jahren gestorben.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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